Die Superläufer fühlen sich verschaukelt

In der höchsten Meetingklasse gibts zur besten Sendezeit keine 5000 m mehr. Anteil daran haben zwei Zürcher.

Fighten bis zum Umfallen: Die 5000-m-Läufer um Mo Farah kämpften 2017 im Letzigrund um jeden Hundertstel. Foto: Reto Oeschger

Fighten bis zum Umfallen: Die 5000-m-Läufer um Mo Farah kämpften 2017 im Letzigrund um jeden Hundertstel. Foto: Reto Oeschger

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Wenn Christoph Joho in seinem Büro nahe des Letzigrunds ein paar Kreise auf ein weisses Blatt zeichnet, fühlen sich zahlreiche Kenianer und Äthiopier diskriminiert. Joho ist der Co-Meeting-Direktor von «Weltklasse Zürich», was er aufs Blatt bringt: welche Disziplinen ab nächstem Jahr in der höchsten Meeting-­Kategorie namens Diamond League im Hauptprogramm zu sehen sein werden. Brisanter ist ­allerdings, welche Disziplin wegfällt: die 5000 m.

Sie wird von Läufern aus Afrika nicht mehr geprägt, sondern erdrückt. Von den 50 schnellsten 5000-m-Läufern des letzten Jahres stammten 27 aus Kenia und Äthiopien. 85 Prozent dieser 50er-Elite weist zumindest afrikanische Wurzeln auf.

Und weil die 10000 m längst aus dem Diamond-League-Programm gekippt wurden, fehlt diesen Laufgrössen nach dem Entfernen der 5000 m die Heimat – obschon nun ein 3000-m-Lauf integriert wird. Aber weder wird diese Distanz an Titelkämpfen im Freien ausgetragen, noch kommt ihr eine ähnliche historische Bedeutung zu wie den 5000 m.

Haile Gebrselassie, der über die 5000 m zum Leichtathletik-Star wurde und mittlerweile den äthiopischen Verband präsidiert, urteilte darum nach dem Wegfallen seiner Distanz: «Es ist ein tragischer und unfairer Entscheid und beeinträchtigt Äthiopien wie Kenia überproportional. Dabei müsste die Leichtathletik doch weltweit präsent sein, wenn sie sich ­behaupten will.»

Der Kenianer Barnabas Korir, einst ein Langstreckenläufer von Weltklasseformat und inzwischen Topfunktionär im heimischen Verband, deutete gar Ressentiments gegenüber dem Kontinent an, als er sagte: «Das Wegfallen der 5000 m ist illegal und zielt auf die afrikanischen Nationen ab. Überdies wird den Läufern ihre Lebensgrundlage entzogen, und es führt dazu, dass sich weniger Talente fürs Laufen entscheiden werden.»

Die Bilder als Beleg

Wenn man Christoph Joho mit dieser Kritik konfrontiert, zeigt er auf die Bilder neben seinem Schreibtisch. Zu sehen sind Haile Gebrselassie und andere Topläufer – in Aktion über 5000 m im Letzigrund. Damit will Joho sagen: Wenn man ihm, dem Langstreckenfreund und früheren 800-m-Läufer, gar Kalkül beim Entscheid unterstellen will, ist das verfehlt.

Dass er sich so direkt angesprochen fühlt, hängt mit seiner Position zusammen: Joho hat zusammen mit seinem Co-Direktor ­Andreas Hediger wesentlichen Anteil daran, wie die Diamond League ab nächstem Jahr aussehen wird. Schliesslich gehört «Weltklasse» zur Serie und ist stark daran interessiert, dass das Premiumprodukt der Leichtathletik funktioniert.

Also haben er und Hediger, zusammen mit den anderen Direktoren der Diamond-League-Meetings, seit Monaten an einem substanziellen Facelifting der Diamantenserie gearbeitet.

Dass Joho und seine Kollegen dabei absichtlich die afrikanischen Laufgrössen am Arbeiten hindern wollten, kann er locker widerlegen. Dafür beginnt er aufs Papier zu schreiben. Er rechnet vor: Bislang konnten die Athleten (und Athletinnen) fünfmal im Jahr in der Diamond League über 5000 m teilnehmen. Im neuen Format über 3000 m werden es sieben Starts sein.

Die Langstreckenläufer können künftig also gar mehr verdienen. Zumal viele von ihnen vor und nach der Bahnsaison auch auf der Strasse gutes Geld erhalten. Folglich zu behaupten, man entziehe den schnellsten afrikanischen Langstreckenläufern die Existenzgrundlage, findet Joho ziemlich dreist.

Er ist zu freundlich, als dass er es so direkt formulieren würde. Aber seine Striche unter die künftig sieben statt fünf Startmöglichkeiten erlauben keine andere Interpretation. Kommt hinzu: Jeder Veranstalter kann ab 2020 ein 5000-m-Rennen ins Programm aufnehmen, einfach nicht innerhalb der Primetime, die 90 Minuten umfasst. Weil sich in dieser Zeit 12, maximal 13 Wettkämpfe präsentieren lassen, entschieden sich die Meeting­direktoren zum Entfernen der 5000 m (bis diesen Sommer sind es 16 Wettbewerbe bei längerer Übertragungszeit).

Die Gründe für die 3000 m

Dass sich die Meetingdirektoren auf die ungewöhnliche Distanz 3000 m einigten, hängt mit drei Punkten zusammen. Erstens: Die TV-Zuschauer fanden die 13-minütigen 5000-m-Rennen oft zu langweilig, weil es meist erst in der vorletzten oder letzten Runde spannend werde. Zweitens: Die (afrikanischen) Athleten gaben in Umfragen an, sie könnten nicht 7-mal Topzeiten über 5000 m erbringen, über 3000 m aber eher. Drittens: Nicht jede Branchengrösse nutzte bislang alle fünf Startmöglichkeiten über 5000 m, schien die Bedeutung der Distanz also schon jetzt nicht mehr für derart zentral zu halten.

Offensichtlich ist nach dem Afrika-Ärger aber auch: Wenn selbst die betroffenen Athleten und ihre Funktionäre nicht erkennen, dass sich mit den neuen Regeln zumindest ihre finanzielle Situation ­verbessert, ist die Reform der ­Diamond League im Minimum ungenügend kommuniziert.

Christoph Joho wird darum noch viele Kreise auf weisse Blätter zeichnen müssen – damit sich primär die Gemüter aus den Laufländern beruhigen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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