«Ich bin erleichtert, dass alles vorbei ist»

Der achtfache Sprint-Olympiasieger Usain Bolt spricht nach seinem Rücktritt über seine Müdigkeit und über die Angst, ein neues Leben zu beginnen.

Seine letzten Auftritte an der WM in London waren eine Enttäuschung für Usain Bolt (30) – wie es nun für den Jamaikaner weitergeht? «Keine Ahnung.» Foto: Martin Meissner/AP Photo

Seine letzten Auftritte an der WM in London waren eine Enttäuschung für Usain Bolt (30) – wie es nun für den Jamaikaner weitergeht? «Keine Ahnung.» Foto: Martin Meissner/AP Photo

Welches sind Ihre Gefühle, jetzt, wo alles vorbei ist?
Ich bin entspannt, fühle mich gut. Um ehrlich zu sein, ich bin zufrieden und ­erleichtert, dass alles vorbei und hinter mir ist. Ich habe mich engagiert, habe viel gegeben und auch viele grossartige Dinge geschafft. Jetzt habe ich einfach Lust, mich zu entspannen und eine gute Zeit zu verbringen.

Siege geben einem eine grosse Befriedigung, sie sind aber auch mit vielen Schmerzen verbunden, insbesondere körperlicher Art.
Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich zum Rücktritt entschlossen habe. Man steht am Morgen auf, etwas schmerzt hier, und etwas schmerzt da, und das ­alles während Jahren. Es ist hart, das ist der Preis, den man zahlen muss. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, trotz ­allem habe ich die Anstrengungen ­geliebt, jeden Tag in meiner Karriere.

Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Ohne jeden Zweifel die Fans. Wegen all der Energie, die sie mir auf der Bahn ­gegeben haben. Auch der Wettkampf wird mir fehlen, das ist sicher. Ich liebte es so sehr, in einem Stadion zu sein. Ich glaube, das ist die schönste Erinnerung an meine Karriere: dieser Moment, wenn ich auf die Bahn gekommen bin und die Reaktion und den Lärm der Massen hörte. Das habe ich immer geliebt. Dieser Moment wird mir in Zukunft ­sicherlich fehlen.

Haben Sie Angst davor, was Sie nun in diesem neuen Kapitel Ihres Lebens erwarten wird?
Ja, ich habe Angst, weil ich nicht wirklich weiss, welche Wendung und welche Richtung mein Leben nehmen wird. Es gibt so viele Sachen, die ich machen könnte. Ich weiss aber noch nicht was und auch nicht wie. Ich bin gleichzeitig ängstlich und neugierig.

«Verlieren ist immer schmerzhaft. Das Ende war nicht so, wie ich mir das erhofft hatte.»

Befürchten Sie, dass Sie sich ­verändern? Dass Sie dann nicht mehr wirklich Usain Bolt sind?
Nein, ich werde die gleiche Person bleiben, auch ohne Wettkämpfe. Ich habe gerne Spass, liebe es, mich zu amüsieren und zu entspannen. Ich war immer so, schon als ich ganz klein war. Ich liebe die Dinge, die mir Spass machen und Freude bereiten. Alles, was ich in Zukunft ­machen werde, wird sich danach ausrichten.

Wie schwierig war es mental, dazu «verdammt» zu sein, jedes Rennen zu gewinnen und nie enttäuschen zu dürfen?
Zu gewinnen ist immer schwierig. Um der Beste zu sein und es während Jahren zu bleiben, gibt es kein anderes Mittel als hartes Training und seine Grenzen zu überschreiten. Das ist mir während der ganzen Zeit gelungen: Ich konnte mich stets weiterpushen, um mich von den Gegnern abzuheben.

Und was ist mit Niederlagen? Wie haben Sie die Weltmeisterschaft in London erlebt, die nicht in einem Happy End gipfelte?
Zu verlieren ist immer schmerzhaft, und es spielt keine Rolle, in welchem ­Moment einer Karriere es geschieht. Das Ende war nicht so, wie ich mir das ­erhofft hatte, aber ich habe mein ganzes Herz in diesen letzten Wettkampf ­geschüttet. Ich bin für meine Fans angetreten. Sie haben es geschätzt, dass ich ein letztes Mal zurückgekommen bin und ­ihnen noch ein wenig von mir gegeben habe. Im Grunde genommen freue ich mich genau darüber.

Bildstrecke: Der schnellste Mann der Welt

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Trotz aller Erfolge, die Sie feiern konnten: Würden Sie gewisse Dinge anders machen, wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten?
Nein, ich denke, dass sich die Dinge im Leben von selber ergeben. Würde es den Lauf der Geschichte ändern, wenn ich nur eine Sache ändern würde? Wissen Sie was: Ich werde mich an das Szenario halten, das für mich geschrieben wurde.

Sie haben alles erlebt, Ruhm, ­Berühmtheit, Lobhudeleien. Wären Sie nicht manchmal gerne ein ­normaler Mensch gewesen, der sich bewegen kann, wie es ihm beliebt, ohne Menschenaufläufe zu ­provozieren?
Manchmal schon, das ist klar. Die Anonymität hat mir in gewissen Momenten gefehlt. Vor allem, wenn ich einfach nur Freunde besuchen wollte oder shoppen oder Fussball spielen. Ja, für alle diese einfachen Sachen des täglichen Lebens. Manchmal möchte man nur gerne seine Ruhe haben . . .

Sie sind der Götti des Sohnes Ihres besten Freundes. Wie sieht dieser kleine Junge denn Usain Bolt?
Die Kinder sind anders, vor allem, wenn sie noch klein sind und ihnen noch nicht wirklich bewusst ist, was ich in den Augen der Leute darstelle. Sie sagen mir, was sie denken, und betrachten mich als einfache Person, nicht wie einen Star oder eine Ikone. Sie haben einen erfrischenden Blick. Und das hat mir immer gutgetan.

Wie fühlt es sich an, eine Legende und der schnellste Mann auf dem Planeten zu sein?
Ich werde Ihnen nicht verheimlichen, dass es ein geniales Gefühl ist. (lacht) Als ich jünger war, hätte ich mir nie vor­gestellt, dass ich diese Gipfel erreichen und mein Leben diese Wendung nehmen würde. Zu keinem Moment habe ich mir vorgestellt, all dies zu schaffen. Wenn ich zurückschaue und sehe, was ich alles erreicht habe, ist das ein ­unglaubliches Gefühl.

«Das schönste Kompliment ist, wenn Kinder zu mir kommen und mir sagen, ich sei eine Inspiration für sie.»

Alle Ihre Träume haben sich erfüllt.
Als ich mit dem Laufen begann, hoffte ich, ein Champion zu werden. Danach habe ich mir gesagt, dass ich etwas noch viel Grösseres erreichen wolle. Mein ­Vater sagte mir immer, dass ich hart arbeiten müsse, wenn ich wolle, dass das Ende der Geschichte meinen Hoffnungen entspreche. Das habe ich im Verlauf der Jahre gemacht, und das möchte ich später meinen Kindern weitergeben. Man kann im Leben alles erreichen, was man will, aber man muss durchhalten und darf nie aufgeben. Man muss an seine Träume glauben. Nichts ist unmöglich. Es gibt keine Grenzen.

Sie haben auf der ganzen Welt viele Leute inspiriert. Ist dies letztlich nicht trotz aller Rekorde und Siege das Wichtigste?
Das schönste Kompliment für mich ist, wenn Kinder zu mir kommen und mir sagen, ich sei eine Quelle der Inspiration für sie. Die Kinder sorgen dafür, dass ich mich gut fühle, weil ich weiss, was das für sie bedeutet. Ich war auch einmal ein Kind mit Idolen und leuchtenden ­Augen. Ich weiss, wie gut und glücklich man sich fühlt, wenn man endlich jemanden trifft, den man bewundert.

Jetzt, da nicht mehr Wettkämpfe Ihr Leben bestimmen: Was werden Sie morgen machen? Übermorgen?
Ich weiss ungefähr, wie mein Programm in den nächsten beiden Wochen aussehen wird. Aber danach? Keine Ahnung. Ferien? Jawohl, ich werde Ferien machen.

Das Interview kam auf Vermittlung von Bolts Sponsor Hublot zustande.

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