Im Zweifel gegen das dritte Geschlecht

Der Leichtathletik-Weltverband darf Intersexuellen die Einnahme von Medikamenten vorschreiben – wenn diese bei den Frauen starten wollen. So entschied der Sportgerichtshof.

Enttäuschter Gang vors CAS: Caster Semenya und ihre Anwälte im Februar. Foto: Harold Cunningham (AFP)

Enttäuschter Gang vors CAS: Caster Semenya und ihre Anwälte im Februar. Foto: Harold Cunningham (AFP)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Worum geht es im Streitfall?
Die intersexuelle 800-m-Olympiasiegerin Caster Semenya fühlt sich vom Weltverband IAAF diskriminiert und rekurrierte vor dem Sportgerichtshof CAS gegen die ­sogenannte Intersexuellen-Regel.

Wie entschied der CAS?
Die drei Richter lehnten das Ansinnen von Semenya ab – gemäss «Spiegel online» im Verhältnis 2:1. Damit darf der Sport sehr wohl definieren, wen er in seiner Frauenkategorie teilnehmen lässt.

Worin besteht die Herausforderung mit intersexuellen Menschen im Sport?
Intersexuelle können aus genetischen, hormonellen und/der anatomischen Gründen nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden. Der Leistungssport kennt solche Differenzierungen aber nicht. Darum sagt die IAAF: Jede Intersexuelle, die einen bestimmten Testosteronwert überschreitet, muss ihn medikamentös senken, will sie in der Frauen-Kategorie starten.

Wie kommt der Leichtathletik-Verband zu diesem Entscheid?
Mittels Studien legte er dar: Die Menge des Sexualhormons Testosteron beeinflusst die Leistung entscheidend. Intersexuelle (Athletinnen) wiesen gemäss IAAF einen Level von 7,7 bis 29,4 nmol/L auf. Fast alle biologischen Frauen kommen auf maximal 2 nmol/L. Gemäss IAAF ergab sich für Intersexuelle einen Leistungsvorteil von 1,8 bis 4,5 Prozent – je nach Disziplin. Ergo forderte die IAAF von Intersexuellen, den Testosteronlevel auf unter 5 nmol/L zu drücken. ­Ansonsten hätten biologische Frauen einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil.

Wie reagierte der Leichtathletik-Weltverband auf das Urteil?
Die IAAF wird auf den 8. Mai ihre Sistierung der Regeln bezüglich Intersexuellen aufheben. Wer ­damit zum sogenannt dritten ­Geschlecht gehört, aber bei den Frauen starten will, muss den Testosteronlevel auf unter 5 nmol/L senken – über minimal sechs ­Monate vor dem ersten Einsatz.

Da morgen das erste Meeting der obersten Serie beginnt, erlaubt die IAAF bis dahin eine Ausnahme. Und: Bis zur WM sind es nur noch fünf Monate, folglich würden Intersexuelle, die nun über sechs Monate ihren Testosteronspiegel drücken müssen, von den Titelkämpfen ausgeschlossen. Die IAAF löst das ­Problem wie folgt: Diese Frauen dürfen mit erhöhtem Wert in die Saison starten, müssen via Bluttest vor der WM aber belegen können, dass sie den Grenzwert unterschritten haben.

Wie reagierte Caster Semenya auf den Entscheid?
Indem sie auf Twitter schrieb: «Manchmal ist es besser, nicht zu reagieren.» Heisst übersetzt wohl: Sie findet das Urteil natürlich stossend. Darum könnte sie nun noch ans Bundesgericht gelangen. Nur: Dieses entschiede bloss, ob das Verfahren rechtens ablief. Der CAS räumte Semenya wie der Gegenseite aber so viel Erklärungszeit wie noch bei ­keinem anderen Fall ein und ­debattierte ihn über Tage.

Ergo sind die Chancen minim, dass das Bundesgericht den Entscheid kassiert. Semenya bliebe eine zweite Variante: Sie könnte die IAAF einklagen und geltend machen, dass in ihrem persönlichen Fall die Testosteron-These nie matchentscheidend gewesen sei. Nur: In der Phase, in der sie Medikamente einnehmen musste, sanken ihre Zeiten, machten aus ihr eine Läuferin von nationalem Format.

Sind die Daten des Leichtathletik-Weltverbandes für seine Strategie robust?
Es handelt sich um die Schlüsselfrage im Streit. Denn der CAS hielt in seinem Urteil ausdrücklich fest, dass es den Ansatz der IAAF im Minimum anzweifelt. Erstens ist die Datenbasis enorm dünn. Auf 1000 Topleichtathletinnen kommen circa 7 Intersexuelle. Und Einzelbeispiele wie dasjenige von Semenya reichen für eine juristisch unanfechtbare Regel nicht. Hinzu kommt: Die Arbeiten der IAAF waren teil­weise schludrig und somit angreifbar. Die IAAF erhob weitere Daten. Der Zweifel an der Robustheit der Daten blieb.

Handelt der Leichtathletik-Weltverband konsequent?
Nein. Er wendet den Intersexuellen-Passus bloss für folgende Disziplinen an: 400 m, 400 m Hürden, 800 m, 1500 m und die Meile (1609 m). Dabei schrieb er in den eigenen Studien, dass Intersexuelle auch im Hammerwerfen und Stabhochspringen bevorteilt seien. Andere Disziplinen klammerte er aus, weil in diesen die Teilnehmerzahl an Intersexuellen zu gering war– und sie bislang nur in Laufdisziplinen gut genug für globale Medaillen waren.

Das bedeutet folglich: Eine intersexuelle Kugelstösserin (mit sehr hohem Testosteronlevel) muss keine Medikamente einnehmen. Der Grund für das stossende Vorgehen der IAAF: Bislang fielen erst intersexuelle Läuferinnen auf. Sobald solche Frauen auch in anderen Disziplinen reüssieren sollten, wird der Verband nachbessern müssen – oder von einer biologischen Frau, die sich zu Recht benachteiligt fühlt, eingeklagt werden und dann handeln müssen.

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