Jetzt hilft nur noch Perfektion

Mujinga Kambundji weiss, dass sie heute an der Hallen-EM in Glasgow Gold über 60 m gewinnen kann. Es wäre nach vielen Rekorden ihr erster internationaler Titel.

Sprintet Mujinga Kambundji als vierte Schweizerin zu einem Hallen-EM-Titel? Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

Sprintet Mujinga Kambundji als vierte Schweizerin zu einem Hallen-EM-Titel? Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

Es war vor einem Jahr in Birmingham, als wäre sie mit einem 7-Sekunden-Lift in die höchste Etage hinaufgesaust, in die Beletage, wo sich nur noch die Weltspitze aufhält. Dritte war Mujinga Kambundji damals an der Hallen-WM geworden, «die 7,03 Sekunden zuvor an den Schweizer Meisterschaften waren beeindruckender gewesen, hatten den Leuten aber nichts gesagt», sagt sie. «Was aber eine WM-Bronzemedaille bedeutet, das wussten sie ziemlich genau.»

Jene WM-Leistung in 7,05 Sekunden war für die Bernerin der Türöffner gewesen und mit dem Schweizer Rekord zuvor der Anfang ihres erfolgreichsten Jahres. Was die Medaille für sie bedeutete, wusste sie sofort: «Dass ich recht gehabt hatte, auf mich zu hören, meinen Weg zu gehen. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, was mir im Training guttut und was weniger», sagt die 26-Jährige. Im Herbst davor hatte sie sich von Valerj Bauer getrennt und ihre Trainingsbasis in Mannheim verlassen, und ein Engagement des Holländers Henk Kraaijenhof beendete sie vorzeitig. Trotz chaotisch anmutenden Umständen blieb der Erfolg nicht aus. Und er gab ihr Selbstvertrauen. Künftig gehörte sie auch an den Diamond-League-Meetings im Ausland zu den Geladenen.

Fudge, der Optimierer

Heute ist nun der Tag, an dem Kambundji nach Meta Antenen (1974), Sandra Gasser (1987) und Selina Büchel (2015, 2017) die vierte Schweizer Hallen-Europameisterin werden könnte. Ihre Anreise nach Glasgow war kurz, sie kam am Mittwoch aus London, wo sie seit dem Spätherbst in Intervallen mit dem einstigen britischen Nationalcoach Steve Fudge trainiert. Sie beschreibt ihn als Trainer, der weiss, dass sie die wichtigen Teile ihres Puzzles beisammen hat, «er weiss, dass es um die Optimierung geht». Als sie sich entscheiden sollte, ob ihre Trainingszukunft in England liegt, liess sie sich von Adi Rothenbühler, ihrem Betreuer in Bern, zu einem Gespräch begleiten. «Fudge sagte, dass meine Rekorde von 10,95 und 7,03 für sich sprächen und er die gerne mitnehme», erzählt sie.

Dass der Grat auf höchstem Niveau allerdings sehr schmal und die Konkurrenz riesig ist, hat Kambundji an der EM in Berlin erlebt. Sie lief zwei sehr gute Rennen über 100 und 200 m, zu einer Medaille reichte dies jedoch im einen wie im anderen nicht. Es blieben zwei vierte Ränge, zum Abschluss kam noch ein weiterer mit der Staffel hinzu. «Seither weiss ich, dass ich die Dinge – und zwar alle – perfekt machen muss», sagt sie. Und weil heute ihre Distanz nicht die 200 oder 100, sondern nur die 60 Meter sind, geht alles noch ein bisschen schneller.

Der psychologische Vorteil

Die 7,08 Sekunden, mit denen sie zuletzt in St. Gallen Schweizer Meisterin wurde, hievten sie kurz an die Spitze der Jahresweltbestenliste. Nun, zwei Wochen später, geht sie zusammen mit der Polin Ewa Swoboda immer noch als Schnellste Europas an den Start (Final 21.35 Uhr) – und will dies auch bleiben. Dass die EM-Medaillengewinnerinnen von Berlin, das einheimische Ausnahmetalent Dina Asher-Smith, Dafne Schippers (NED) und Gina Lückenkemper (GER), alle nicht da sind, ist zumindest ein psychologischer Vorteil.

Dafür tritt neben ihren Schweizer Kolleginnen Ajla Del Ponte, Sarah Atcho und Riccarda Dietsche mit Asha Philips auch eine Teamkollegin aus London an. Sie ist aber nicht nur das, Philips ist Titelverteidigerin. «Sie ist mit ein Grund, wieso ich mich für diese Gruppe entschieden habe, ich wollte auch im Training auf ein höheres Niveau», sagt Kambundji. Wer bis jetzt allerdings von wem profitiert hat, lässt sich nicht ausmachen. Gelingt der Schweizerin heute aber ein perfekter Wettkampf, bliebe der Titel zumindest in der Gruppe. Und die Rivalität hätte für die ganze Saison eine neue Note.

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