Leiden statt liefern

Noemi Zbären muss zum dritten Mal nacheinander vorzeitig eine Saison abbrechen. Die Hürdensprinterin aus Langnau ist am Scheideweg ihrer vielversprechenden Karriere angelangt.

Das Kreuz mit dem Knie: Noemi Zbären muss wieder eine Auszeit nehmen.

Das Kreuz mit dem Knie: Noemi Zbären muss wieder eine Auszeit nehmen.

(Bild: Keystone)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Jahrelang verlief der sportliche Werdegang Noemi Zbärens konsequent in eine Richtung: steil bergauf. Die Langnauerin war ­bereits mit 18 Jahren Olympiateilnehmerin, sie gewann an der U-20- und U-23-Europameisterschaft Gold und als erste Schweizerin überhaupt eine Medaille an einer U-18-Weltmeisterschaft. Und 2015 sorgte die Hürdensprinterin an der WM in Peking mit dem 6. Platz für das Ausrufezeichen aus Schweizer Optik. Es schien, als gebe es für die Emmentalerin keine Grenzen.

Doch nun, drei Jahre später, befindet sie sich am Scheideweg ihrer so vielversprechenden Karriere. Seit Frühling plagen sie Schmerzen im Hüftbereich, ihr Start in die Freiluftsaison hat sich deshalb nach und nach verzögert – bis Zbären am Montag die Reissleine zog.

«Ich habe mich schweren Herzens entschieden, in diesem Jahr auf Wettkämpfe zu verzichten. Das Wichtigste ist für mich, dass ich wieder richtig gesund werde», lässt sie sich auf der Website von Swiss Athletics zitieren. Mehr möchte Zbären nicht preisgeben, sie hat sich ­zurückgezogen. Schliesslich ist es bereits die dritte Saison in Serie, die sie aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig abbrechen muss.

Folgenschwere Disbalance

Wer nach Ursachen sucht, wird bei ihrem 2016 erlittenen Kreuzbandriss fündig. In der nachfolgenden Operation wurde Zbären ein künstliches Sehnenimplantat eingesetzt. Seither ist ihr linkes Knie nicht mehr so beweglich, was sich auf den ganzen Bewegungsapparat auswirkt und für eine Hürdensprinterin einschneidende Konsequenzen hat.

Das erklärt die Muskelverletzungen, die Zbären im letzten Sommer respektive im vergangenen Winter erlitt. «Ich muss an mehreren Punkten arbeiten», hielt sie an einer Pressekonferenz im April fest. Sie sprach davon, andere Muskelgruppen aktivieren zu müssen, um die Disbalance aufzuheben. Zbären zeigte sich aber zuversichtlich: «Ich bin schlauer geworden, weiss nun besser, auf was ich Acht geben muss.» 2017 habe sie zu viel gewollt, sich wegen der Qualifikation für die Weltmeisterschaft zu viel Druck gemacht. «Als ich dann wieder verletzt war, habe ich gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.»

An Ostern absolvierte Zbären ein kleines Lager mit ihren Kol­legen vom SK Langnau. «Damals hatten wir ein gutes Gefühl», sagt ihre Trainerin Gabi Schwarz. Doch als sie erstmals über die grossen Hürden lief, verspürte sie wieder Schmerzen im Hüftbereich. Also suchte sie den Physiotherapeuten Adrik Mantingh auf, der schon mit Kariem Hussein und Mujinga Kambundji zusammengearbeitet hatte. Dieser zeigte sich zunächst optimistisch, das Problem in den Griff zu bekommen, damit Zbären doch noch rechtzeitig für die EM im August fit würde. Doch die Schmerzen blieben, und sie behinderten die Langnauerin auch im Alltag. Damit wurde eine EM-Teilnahme zur Utopie.

Mehr Zeit zum Grübeln

Der Fall Zbären erinnert an den Fall Lisa Urech. Sie – ebenfalls Langnauerin und eine grosse Hoffnung der Schweizer Leichtathletik – trat 2016 nach vierjähriger Leidenszeit mit nur 26 Jahren zurück.

Als Zbären im letzten Sommer die Saison wegen eines Muskelfaserrisses abbrechen musste, widmete sie sich dem Abschluss ihres Studiums in Immunologie und Biologie, um auf andere Gedanken zu kommen. Nun, dank eines 40-Prozent-Pensums als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität, verfügt sie über mehr Zeit für Sport und Regeneration. Gerade jetzt könnte diese Zeit für die Langnauerin zur Hürde werden.

Berner Zeitung

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