Reisen mit der britischen Koryphäe

Toni Minichiello machte Siebenkämpferin Jessica Ennis zur Olympiasiegerin. Das Training mit Rekordhalterin Géraldine Ruckstuhl lässt ihn schwärmen – und Mängel aufzeigen.

Wissenstransfer: Toni Minichiello (l.), Terry McHugh und die Athletin. Foto: Fabienne Andreoli

Wissenstransfer: Toni Minichiello (l.), Terry McHugh und die Athletin. Foto: Fabienne Andreoli

Es ist dunkel geworden, nur ein paar Läufer drehen noch ihre Runden auf der Leichtathletikanlage Sihlhölzli. Géraldine Ruckstuhl hat ihre Siebensachen gepackt, die Tasche geschultert und geht in Begleitung zweier um einiges älterer Männer Richtung Parkplatz. Tag drei einer speziellen Trainingswoche ist vorbei, der ebenso spezielle Abgang folgt aber noch: Nicht einer der Trainer setzt sich ans Steuer und chauffiert die Athletin aus Zürich hinaus, es ist die 21-jährige Luzernerin aus Altbüron selber, die ihren Betreuern eine Mitfahrgelegenheit bietet.

Es ist ein Bild mit Symbolgehalt: Ruckstuhl, die Schweizer Rekordhalterin im Siebenkampf, geht selbstbewusst voran, sie kennt ihren Weg, und sie geht ihn mit einigem Stolz. Denn im Auto sitzt nicht irgendwer, sondern jene Koryphäe aus England, die Speerwurftrainer Terry McHugh eigens für sie in die Schweiz gelotst hat. Seit sich Ruckstuhl und ihr Jugendcoach im Herbst trennten, hat McHugh die Verantwortung über die komplexe Trainingsplanung übernommen. Der einstige irische Olympiateilnehmer ist bei Swiss Athletics als Speer-Nationaltrainer angestellt.

Unbeeindruckt und ruhig

Ruckstuhl ist eine der talentiertesten Mehrkämpferinnen der Welt – im Ranking von 2018 die Nummer 1 in der U-23-Kategorie, die Nummer 9 bei der Elite, und im Speerwurf die Beste, wenn man die zehn weitesten Würfe berücksichtigt. Vor eineinhalb Jahren, als sie noch als Teenager an ihrer ersten WM «der Grossen» teilnahm, liess sie sich in London nicht beeindrucken von der immensen Zuschauerkulisse und wurde Elfte. An der EM im letzten Jahr in Berlin als Neunte dasselbe.

Anlauf Richtung Autobahn und Uetliberg: Géraldine Ruckstuhl beim Speer-Training im Sihlhölzli. Foto: Fabienne Andreoli

Immer wieder erstaunt Ruckstuhl ihre meist routinierteren Gegnerinnen mit ihrer Ruhe, die den Leistungen zugrunde liegt. Das war schon vor zwei Jahren in Götzis so, dem Mekka der Mehrkämpfer, als sie noch nicht einmal 20-jährig mit 6291 Punkten Schweizer Rekord erzielte und Zwölfte wurde. Um sie herum war der leistungsmässig beste Siebenkampf je im Gang, drei Athletinnen erreichten mehr als 6800 Punkte. Für die Schweizerin war das nur eines: bester Anschauungsunterricht.

Und nun also die neue Situation: Der zeitliche Aufwand fürs Training überstieg die Kapazitäten von Rolf Bättig, der Ruckstuhl neben seinem Job auf diese Stufe geführt hatte. Dank der Erfahrungen in der Spitzensport-RS wurde aus einem einzigen Trainer ein ganzer Stab, dem neben McHugh auch Adrian Rothenbühler, ein Mehrkampf-Spezialist, und Raphael Monachon, der ehemalige Hürdensprinter, angehören. Ruckstuhl hat im Winter vorwiegend in Magglingen trainiert, sie sagt: «Das hat viele Vorteile, Masseure, Physiotherapeuten, Ärzte – alles ist da.»

«Man muss sich das vor Augen halten: Géraldine hat das Alter und Potenzial für drei Olympische Spiele.»Toni Minichiello, britischer Mehrkampf-Spezialist und BBC-Experte.

Auch diese spezielle Trainingswoche hat in Magglingen begonnen. Ruckstuhl soll weiter Fortschritte machen, deshalb hat McHugh Unterstützung geholt, internationale Unterstützung. Er sagt offen: «Damit ich mich mit meinen Ideen nicht verrenne, brauche ich Ratschläge von aussen.» Gekommen ist Toni ­Minichiello, ein charismatischer Engländer mit italienischen Wurzeln. In Sheffield hat er aus einem 13-jährigen Mädchen eine langjährige Dominatorin im Siebenkampf geformt – Jessica Ennis, Olympiasiegerin 2012, Silbergewinnerin 2016 und dreifache Weltmeisterin. Er sagt mit einem breiten Grinsen: «Ich kannte sie schon als 9-Jährige. Als sie 13 war, begannen wir zu trainieren. Und jetzt hat sie einen Adelstitel, und ich stehe hier immer noch auf dem Platz.»

6'600 Punkte fürs Podest

Ruckstuhl ist ihm erstmals 2017 in Götzis aufgefallen, als sie den Speer über 58 Meter schleuderte, «das war enorm». Ihm gefällt ihre Einstellung, die «mentality», sie wolle lernen, wolle es besser machen. «Man muss sich das vor Augen halten: Sie hat das Alter und Potenzial für drei Olympische Spiele.» Mehr wissen wollten Hugh und die Athletin über die clevere Planung des Wettkampfes, die Einteilung der Kräfte, über seine Erfahrungen generell – und natürlich über Technisches und wo das Training zu vertiefen ist.

Ruckstuhl hat andere Talente als Ennis, die 2016 zurückgetreten und heute Mutter zweier Kinder ist. Die Britin verfügte über viel Speed und Sprungkraft, während die Schweizerin vor allem in den Würfen brilliert. Minichiello erzählt, redet ohne Punkt und Komma, macht Witze, beschreibt die Arbeit mit Ennis und die Beziehung zuletzt als «Hassliebe». Muss ich das tun? Ja, du musst!

Die Schwäche ist bei Ruckstuhl bald ausgemacht: Wird sie schneller, wird sie besser und holt mehr Punkte.

Die Schwäche hat er bei Ruckstuhl schnell ausgemacht, und es ist ja nicht so, dass ihr Schweizer Trainertrio nichts davon gewusst hätte. Sie ist nun einfach vom profunden Kenner benannt worden. «Wenn sie die Grundschnelligkeit nur ein bisschen verbessert, macht sie gleich im Weitsprung, über die Hürden und über 200 Meter Fortschritte», sagt Minichiello. Und gerät ins Schwärmen. Eine 21-Jährige, deren Rekord schon bei 6'391 Punkten liegt – «ein bisschen schneller noch, und sie ist bei 6'600 Punkten. Das reicht bei allen internationalen Meisterschaften für das Podest.»

Auch McHugh weiss das, fügt aber lakonisch an: «Wenn die Athletin ohne Verletzung durchkommt. Mein Credo ist, ‹Success is a journey, not a destination›.» Erfolgreich sein ist eine Reise und nicht das Ziel. Dann entschwinden sie in der Nacht.

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