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Vertuschen statt aufklären

Das IOC hat offenbar positiv ausgefallene Kontrollen zu verheimlichen versucht. Es geht um die Olympischen Spiele 2008 in Peking, die betroffenen Proben stammen unter anderem von jamaikanischen Sprintern.

Peking 2008: Jamaikas Sprintstaffel um Usain Bolt feiert den Triumph. Später wird Nesta Carter (Zweiter von links) des Dopings überführt.
Peking 2008: Jamaikas Sprintstaffel um Usain Bolt feiert den Triumph. Später wird Nesta Carter (Zweiter von links) des Dopings überführt.

Die Fakten des jüngsten Dopingskandals sind rasch erzählt. Wobei vorausgeschickt werden muss, dass sich das Wort Skandal primär auf die Verhaltensweise der leitenden Wada- und IOC-Funktionäre bezieht.

Bei Nachtests von Proben, die während der Olympischen Spiele 2008 in Peking entnommen worden waren, fanden die Kontrolleure des Lausanner Labors im Frühling 2016 Clenbuterol-Spuren. Der Wirkstoff ist seit 1992 respektive dem Fall der Sprinterin Katrin Krabbe als Schnellermacher bekannt.

Mehrere der betroffenen Proben stammen von jamaikanischen Sprintern. Zur Erinnerung: Im «Vogelnest» zu Peking liessen sich Usain Bolt, Shelly-Ann Fraser und Veronica Campbell-Brown über 100 und 200 Meter die Goldmedaillen umhängen.

Wäre die Geschichte normal verlaufen, hätten die Lausanner Forscher ihre Funde bestätigt und die zuständigen Fachver­bände informiert. IOC-Chefmediziner Richard Budgett jedoch untersagte die Weitergabe der Ergebnisse. Unter den Deckel kehren lautete die Devise, und vermutlich wäre die heikle Materie unter dem Deckel geblieben, gäbe es Hajo Seppelt nicht. Der ARD-Journalist hat sich weltweit zum wirkungsvollsten Dopingaufklärer entwickelt.

Die Aussage des Kronzeugen

Nach der Publikation des Beitrags sah sich das IOC zu einer Stellungnahme gezwungen. Die registrierten Clenbuterol-Werte seien niedrig, womöglich auf die Einnahme von kontaminiertem Fleisch zurückzuführen, hiess es in der Mitteilung. Die Tester­gebnisse wurden als negativ beurteilt, weil es «keine signifikanten Hinweise» auf Missbrauch gab. Was insofern Fragen aufwirft, als für Clenbuterol kein Grenzwert existiert.

Radprofi Alberto Contador wurde 2011 für zwei Jahre gesperrt, nachdem bei ihm vergleichbare Clenbuterol-Spuren gefunden worden waren. Der Spanier versuchte, den Befund mit der Einnahme von verunreinigtem Fleisch zu erklären.

Olivier Niggli, der Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), sagte gegenüber Seppelt, das Clenbuterol könne sehr wohl von kontaminiertem Fleisch stammen. Hingegen sei die Fleisch­geschichte die «perfekte Aus­rede» für Betrüger, ergänzte der Kanadier. Für die zweite Variante sprechen im vorliegenden Fall die Aussagen von Angel Heredia.

Der Mexikaner hatte Spitzenleichtathleten mit Dopingmitteln versorgt, ehe ihn das FBI überführte und als Kronzeuge engagierte. Heredia hielt im ARD-Beitrag fest, er sei vor den Peking-Spielen von jamaikanischen Betreuern gefragt worden, ob Clenbuterol für Sprinter geeignet sei. Die Staffelgoldmedaille mussten die Jamaikaner bereits zurückgeben – bei Nesta Carter war ein unerlaubtes Stimulans gefunden worden.

Die Geschichte bestätigt den Eindruck, welchen die IOC-Spitze um Präsident Thomas Bach seit Jahren hinterlässt: Es geht primär ums Geschäft. Und wenn dieses in Gefahr gerät, was bei einer Überführung von Superstar Usain Bolt der Fall wäre, werden die gebetsmühlenartig propagierten Prinzipien über Bord geworfen.

Vertuschen statt sanktionieren – die Strategie der IOC-Funktionäre lässt sich mit den Praktiken im russischen Staatsdoping vergleichen.

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