Antreiber Kimi

Er ist 39, doch müde ist Kimi Räikkönen nicht. Im Gegenteil: Der Finne hat bei Alfa Romeo seine Lust an der Formel 1 neu entdeckt – und zieht das ganze Team mit.

Im Alfa Romeo fühlt sich Kimi Räikkönen wohl – hier auch einmal ohne Helm und Overall. Foto: Imago

Im Alfa Romeo fühlt sich Kimi Räikkönen wohl – hier auch einmal ohne Helm und Overall. Foto: Imago

René Hauri@tagesanzeiger

Vom rechten Unterarm lächelt ein Bubengesicht. Auf dem linken steht in grossen Lettern: Iceman. Die Mütze ist ziemlich tief ins Gesicht gezogen, die Stimme leise, monoton. Doch, doch, das muss Kimi Räikkönen sein, der hier in Montmeló seine Arme mit dem tätowierten Abbild seines Sohns Robin und seinem Spitznamen auf den weissen Tisch gelegt hat. Nur: Wären all die Indizien auf seine Identität nicht, der eine oder andere Zuhörer würde sich an diesem Nachmittag im Motorhome des Alfa-Romeo-Teams fragen: Wer um Himmels willen ist das, der da vor sich her plaudert, sieben Sätze aneinanderreiht, manchmal sogar acht?

Iceman ist nicht nur ein Spitzname. Es ist eine Marke, ist Kult, Räikkönen hat sich das mit stoischer Ruhe erarbeitet. Er ist der Einsilbige, der Unnahbare, der Mythische. Und jetzt? Demontiert er seinen Ruf?

Nun, es ist nicht gleich so, dass der Finne zum grossen Spassmacher und Entertainer mutiert wäre bei seinem neuen Arbeitgeber. Plattitüden schiessen auch jetzt noch aus ihm heraus, es ist ein über Jahre antrainierter Reflex auf Fragen von Journalisten, die sich an diesem Tag zu zwei Dutzenden um ihn tummeln. Aber Räikkönen redet. Mehr als vielleicht je zuvor.

Der 39-Jährige ist weg von Ferrari, diesem Nährboden für Unruhen und Dauerdruck. Weg von der Arbeit als Zudiener für Sebastian Vettel, der irgendeinmal den nächsten Fahrertitel nach Maranello holen soll, nachdem Räikkönen das vor 12 Jahren letztmals getan hatte. Er wäre gerne geblieben, der Weltmeister von 2007, ohne Zweifel. Die Scuderia ist mehr als nur ein Formel-1-Team. Doch als er Mitte September zum zweiten Mal nach 2009 weggejagt wurde von Ferrari, wusste er auch um die Chance eines Neuanfangs. Und er wusste, wo er diesen wagen würde: bei Sauber, seit dieser Saison als Alfa Romeo am Start. Auch, weil das durchaus Annehmlichkeiten mit sich bringt – etwa den kurzen Arbeitsweg vom Wohnort Cham in die Fabrik nach Hinwil.

Rennfahren als Hobby

Jüngst sass Räikkönen als Alfa-Romeo-Fahrer an einer Pressekonferenz, gut gelaunt. Und sagte einen Satz, der aufhorchen liess. Er sehe die Formel 1 jetzt eher als Hobby, gab er da von sich. Was für ein Affront gegenüber seinem Team, raunten einige. Dabei war es Räikkönens Art, zu sagen, dass er nun wieder Spass hat an dem, was er tut, dass Rennfahren nicht mehr nur Arbeit ist oder gar Last.

Vor dem Grand Prix von Spanien am Sonntag, dem fünften Rennen und Auftakt in Europa, sitzt er am weissen Tisch und sagt: «Ich habe mehr Freizeit und geniesse das. Zudem ist die Atmosphäre im Team gut, ich bin also sehr glücklich.» Für zwei Jahre hat er bei dem Rennstall unterschrieben, bei dem er 2001 seine Formel-1-Karriere lancierte. Nicht nur das ist Indiz dafür, dass er seine Aufgabe bei den Schweizern ernst nimmt.

Beat Zehnder sitzt am Freitagmorgen auf einem Absatz des teameigenen Motorhome, einen Kaffee in der Hand, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Er war schon bei Sauber, als dieses noch in der Sportwagen-WM antrat, seit 25 Jahren ist er Teammanager, der dienstälteste in der Königsklasse.

Die Rückkehr lange geplant

Es braucht einiges, um dem Zürcher Superlative zu entlocken. Nun reicht ein Name: Räikkönen. Die beiden waren Freunde – und sind es in all den 18 Jahren geblieben, in denen der eine weg war aus dem Zürcher Oberland, für McLaren fuhr, Ferrari, Lotus und wieder Ferrari. «Wir haben einen speziellen Draht zueinander, waren immer extrem offen und haben uns alles erzählt», sagt Zehnder. Und: «Ich habe mit ihm schon länger über die Idee geredet, dass er zurückkehren könnte. Bei uns im Team wird keine Politik gemacht, wir sprechen alles an – er fühlt sich wohl.»

Dann gerät er ins Schwärmen, wie das jedem im Team passiert, der in diesen Tagen nach dem Finnen gefragt wird. Er sei ein wahnsinnig guter Fahrer, «darüber müssen wir gar nicht diskutieren». Was Zehnder viel wichtiger ist: Räikkönen ist ein Leader, ein akribischer Arbeiter – einer, der die Entwicklung des Autos vorantreibt, wie das kaum ein anderer kann. «Sein technisches Wissen ist enorm, er weiss einfach alles», sagt Zehnder. «Er versteht bei jeder noch so kleinen Änderung am Wagen, welche Auswirkung das hat auf das Fahrverhalten in einer entsprechenden Kurve. Er kann das Auto zusammen mit den Ingenieuren komplett ausloten.» Zudem schaue er mindestens einmal pro Woche in der Firma vorbei. Und doch gibt es Stimmen in der Formel 1, die behaupten, mit 39 habe Räikkönen das Feuer verloren.

Josef Leberer läuft vorbei, der Physiotherapeut der Mannschaft. Er sagt: «Andere hören mit 35 auf. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass die Batterie erst jetzt komplett geladen ist und noch für viele Jahre hält.» Zehnder sagt: «Kimi ist topmotiviert. Er hat schon beim ersten Gespräch mit Teamchef Vasseur die richtigen Fragen gestellt: nach der Struktur, der finanziellen Lage, er war extrem interessiert. Es war sofort klar, dass er nicht hier ist, um zwei Jahre lang als verfrühte Pensionierung im Auto zu sitzen.»

Das hat Räikkönen in den ersten vier Grands Prix bewiesen: vier Rennen, vier Top-10-Plätze. Sein junger Teamkollege Antonio Giovinazzi hat noch keinen Punkt geholt. Auch das komme noch, sagt Zehnder. Sagt auch Chef Frédéric Vasseur. Mit Kimi Räikkönen hat er den perfekten Lehrer an seiner Seite.

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