Das Schauspiel von Rumpelstilzchen Vettel

Der Deutsche fährt als Erster über die Ziellinie – und gewinnt den GP von Kanada wegen einer Fünf-Sekunden-Strafe doch nicht. Er zeigt den Frust auf seine Weise.

Ein Manöver mit Folgen: Sebastian Vettel kommt von der Wiese zurück und schneidet Hamilton den Weg ab. Die Aktion kostet ihn den Sieg. (Video: SRF)
René Hauri@tagesanzeiger

Irgendwann driftete das Schauspiel ins Groteske ab. Es war nach dem Rennen und Sebastian Vettel der Hauptdarsteller. Gerade eben hatte er seinen roten Rennwagen in der Boxengasse abgestellt und ihn von Hand nach hinten geschoben. Er war nicht in den Parc fermé gefahren, wo die besten drei des Tages ihre Autos abstellen müssen. Und zu diesen gehörte Vettel an diesem Sonntag. Doch der emotionsgeladene Deutsche legte an seinem Gefährt lieber selbst Hand an. Es war ein erstes seltsames Zeichen seines Protestes.

Dann spazierte er nicht zum obligaten Interview mit Martin Brundle, er lief schnurstracks zum Motorhome seines Teams, verschwand hinter der Türe. Es hätte nicht erstaunt, wäre er gar nicht mehr erschienen. Doch er zeigte sein Gesicht dann doch noch einmal im Fahrerlager – und wählte auf dem Weg zum Podest den speziellsten aller Wege: Er lief an silbernen Wänden vorbei, an einem grossen Stern: Vettel lief durch die Garage von Mercedes, durch Feindesland.

Und als der vierfache Weltmeister durch die Türe hätte schreiten sollen, die den Weg hoch weist zu Champagner und Hymnen, zum gloriosen Ende eines jeden Formel-1-Rennens, schaute er sich nach links um, dann nach rechts, schritt zu den aufgestellten Pappzahlen vor den zwei Autos, die im Gegensatz zu seinem korrekt parkiert waren, und liess den Höhepunkt seines Rumpelstilz-Auftritts folgen. Er stibitzte die Nummer 1 vor der Nase von Hamiltons Mercedes, setzte sie auf den leeren Platz daneben, schnappte sich die 2 und stellte sie vor den Silberpfeil. Daneben stand das Auto von Charles Leclerc, seinem Teamkollegen, der Dritter geworden war.

Vettel will die Nummer 1 sein. (Video: SRF)

Die Ruhe vor dem Ausritt

So hätte es enden müssen, dieses Rennen in Montreal, wenn es nach Vettel gegangen wäre, der nun schon seit unendlich langen fünf Jahren versucht, in seinem roten Auto die Macht von Mercedes zu durchbrechen: Er auf der 1, Hamilton auf der 2. Ja, der Grand Prix von Kanada hätte durchaus so enden können, er hätte es sogar müssen, wäre alles normal gelaufen. Doch normal lief es nicht an diesem Sonntag.

Dabei hatte alles noch ruhig begonnen für den aufbrausenden Mann aus Heppenheim. Vettel, erstmals seit Hockenheim 2018 von der Poleposition gestartet, kam gut weg, liess Hamilton keinen Hauch einer Chance. Und so blieb das lange auf dem Circuit Gilles-Villeneuve, der immer wieder gut ist für allerhand Spektakel. Vettel kam früher als sein Widersacher zum Boxenstopp – es war die goldrichtige Entscheidung. Der 31-Jährige holte dadurch gar noch ein paar Sekunden mehr heraus auf Hamilton.

Hamilton ungewohnter Jäger

Dieser war also für einmal der Jäger. Es ist eine Rolle, die ihm nicht steht, dem Fünffachweltmeister, so sieht er das vor allem selber. Der Popstar der Formel 1 ist der Vorausfahrende, die 19 anderen die Statisten. Also setzte der Brite Vettel mächtig unter Druck, zeigte sich immer wieder im Rückspiegel des Ferraris, kam näher und näher. Die Jagd war eröffnet. Und es kam, wie es schon fast kommen musste für Vettel, der den Erfolg in den letzten Jahren nicht gerade angezogen hat. Plötzlich holperte er mit seinem Wagen über die grüne Wiese wie ein angeschossener Hase, rutschte zurück auf die Strecke und zwang Hamilton zu einem Bremsmanöver, um eine Kollision zu vermeiden. Das Formel-1-Schnellgericht entschied: 5-Sekunden-Strafe für Vettel.

Weil Hamilton auch in der Folge derart dicht an dessen Heck klebte und das bis zum Schluss des Rennens tat, fuhr der Ferrari zwar als Erster über die Ziellinie, hätte aber trotzdem nur die Nummer-2-Tafel vor die Nase gestellt bekommen – hätte das Auto nach dem Rennen denn dort gestanden, wo es hätte stehen müssen.

«Das ist eine verkehrte Welt»

«Nein, nein, nein, nein, nein, nicht auf diese Art. Nein, nein, nein, nein. Ich war blind, rutschte über den Rasen und war glücklich, dass ich nicht in die Mauer krachte. Das ist eine verkehrte Welt. Das ist nicht fair.» Es war Vettels Funkspruch kurz nach der Zieleinfahrt. Danach stieg er an unkonventioneller Stelle aus und liess das durchaus unterhaltsame Schauspiel folgen.

Martin Brundle bekam ihn dann oben auf dem Podest doch noch vor sein Mikrofon. Vettel sagte: «Ich habe das Rennen wirklich genossen, auch die Zuschauer, die mich in jeder Runde angefeuert haben. Lewis war zwar etwas schneller als ich, aber ich blieb vorne. Sonst habe ich schon genug gesagt.» Hamilton kam dazu, sagte unter Buhrufen, er habe die Entscheidung ja nicht gefällt. Und Vettel bat das Publikum in einem Anflug von Vernunft, das Buhen doch sein zu lassen, «wenn ihr jemanden ausbuhen wollt, dann diejenigen, die diese komische Entscheidung getroffen haben».

Es mag aus Vettels Sicht ein überaus frustrierender Tag gewesen sein. Es mag auch eine harte Strafe gewesen sein, die ihn da ereilte. Doch letztlich bleibt wie schon oft festzuhalten: Hätte er diesen Fehler nicht gemacht, er hätte das Rennen gewonnen. So aber blieb Vettel nur die kleine Genugtuung, eine Nummer 2 aus Karton vor Lewis Hamiltons Wagen gestellt zu haben. Immerhin das.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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