Der Routinier hat sich neu erfunden

Nach dem missglückten MotoGP-Abenteuer greift Tom Lüthi in der Moto2 mit frischem Schwung an.

<b>Tom Lüthi ist zuversichtlich</b> vor dem Saisonstart in Katar, trotz Sturz im Abendtraining.

Tom Lüthi ist zuversichtlich vor dem Saisonstart in Katar, trotz Sturz im Abendtraining.

Fabian Ruch

Tom Lüthi hat sich mit 32 Jahren neu erfunden. Hinter ihm liegt das frustrierende MotoGP-Abenteuer 2018 als Hinterherfahrer im Marc-VDS-Team, das zudem von einem heftigen Machtkampf zwischen Besitzer und Teamchef durchgeschüttelt wurde.

Nicht einmal ein WM-Punkt blieb Lüthi in der Königskategorie vergönnt, der Bubentraum erwies sich als Albtraum. Vor ihm liegt nach der Rückkehr in die Moto2 eine Saison, die viel verspricht.

2016 und 2017 hatte er als WM-Zweiter beendet, und als sich seine Rückkehr abzeichnete, erhielt Manager Daniel Epp viele Angebote. «Die Marke Lüthi hat nicht gelitten», sagt er, «viele erinnern sich daran, wie erfolgreich Tom jahrelang war.»

Umfeld verbessert

Beim neuen Arbeitgeber Dynavolt Intact hat sich Lüthi bestens eingelebt, man spricht Deutsch, nach Anfangsschwierigkeiten im Februar steigerte sich der Emmentaler zuletzt bei den Tests regelmässig. Mittlerweile zählt er bereits wieder zu den schnellsten Fahrern. «Ich bin sehr zufrieden, wir haben grosse Fortschritte erzielt», sagt Lüthi vor dem Saisonstart in Katar. «Und ich bin sicher, dass ich von den Ereignissen letztes Jahr profitiert habe. Die vielen Rückschläge haben mich stärker gemacht.»

Die Winterpause hat Tom Lüthi genutzt, um das bittere Jahr 2018 zu verarbeiten. Er hat einige Lehren daraus gezogen. Seit Ende Januar blickt er nicht mehr zurück. Und heute sagt er: «Ich bin so gut aufgestellt wie noch nie.» Lüthi hat das Fitnesstraining nicht nur intensiviert, sondern noch stärker den Anforderungen angepasst. Es ging nicht darum, Muskeln aufzubauen, sondern im konditionellen Bereich belastbarer zu werden.

Mit frischem Schwung: Tom Lüthi. Foto: Keystone

Das Mentalcoaching mit Jörg Wetzel hat Lüthi erheblich ausgebaut, und die Arbeit mit Riding-Coach Alvaro Molina, der an jedem Rennen dabei ist, hilft ihm im technischen Bereich sehr. Ausserdem steht ihm sogar ein zweiter Fahrlehrer für Aktivitäten auf anderen Motorrädern zur Verfügung.

«Man muss von den Besten lernen», sagt Manager Epp. «Wir haben in der MotoGP gesehen, wie professionell die Topfahrer unterwegs sind und wie hart sie für den Erfolg arbeiten. Deshalb haben wir das Umfeld von Lüthi noch einmal verbessert.»

Sehr enge Kategorie

In den Augen vieler Beobachter ist Lüthi ein Absteiger, weil er in der Topklasse deutlich gescheitert ist. Er sieht das anders: «Ich bin heute ein besserer Rennfahrer.» Auf jeden Fall ist die grosse Tristesse frischem Schwung gewichen, Lüthi hinterlässt einen selbstbewussten Eindruck und versprüht jede Menge Elan. «Es waren 2018 schwierige Monate», sagt er, «aber ich habe stets daran geglaubt, dass wieder bessere Zeiten kommen werden.»

An die Kalex-Maschine hat er sich erstaunlich schnell gewöhnt. Diese wird neu von einem 765-ccm-Dreizylinder-Einheitsmotor von Triumph statt des 600er-Aggregats von Honda angetrieben. Zudem ist in der Moto2 ein bisschen mehr Elektronik als früher erlaubt, allerdings längst nicht so viel, wie es Lüthi aus der MotoGP kennt.

«Das ist schade, weil man in der Abstimmung noch viel herausholen könnte.» Er erwartet sehr enge Rennen («viele Fahrer können gewinnen»), entscheidend sei wie immer die Konstanz, damit man um den WM-Titel fahren könne. Im Kampf gegen die vielen jungen Wilden setzt er in seiner 18. Saison auf die Routine.

«Meine Erfahrung ist sicher ein Pluspunkt.» Mit Weitsicht und Cleverness regelmässig in die Top 5 fahren – so stellt er sich den Verlauf des Jahres vor. Zum grossen Favoritenkreis gehören neben ihm unter anderem auch Brad Binder, Sam Lowes, Luca Marini, Lorenzo Baldassarri und Alex Marquez, Bruder von Moto-GP-Superstar Marc Marquez.

Heftiger Sturz am Freitag

Am Freitag allerdings erlitt der Routinier einen Dämpfer, als er im Abendtraining in Doha erstmals dieses Jahr stürzte. Es war ein heftiger Abflug und sah übel aus, zumal Lüthi beinahe noch von Bo Bendsneyder überfahren worden wäre. «Das ist überhaupt kein Drama, es geht mir gut. Ich habe einfach ein bisschen zu viel riskiert», sagt Lüthi am Freitagabend hinter seiner Box in Doha.

Er wirkt trotz des Unfalls entspannt und sagt, das Team sei auf einem sehr guten Weg. «Wir sind schnell, das haben wir bewiesen.» Auch sein Teamkollege, der Deutsche Marcel Schrötter, überzeugte zuletzt. Und seinen Humor hat Lüthi ohnehin nicht verloren: «Nun weiss ich auch, wie sich ein Sturz auf diesem Töff anfühlt.»

Zu stark unter Druck setzt sich Lüthi nicht, in den ersten Rennen will er sich wieder an die Moto2 herantasten. «Man darf keine Wunderdinge erwarten, aber ich bin sicher, dass wir uns weiter steigern können.»

Spitzenplatzierungen liegen für ihn auf jeden Fall drin. Wie in seiner letzten Saison in der zweithöchsten Kategorie, als er 2017 in 16 Rennen gleich zehnmal aufs Podest fuhr und zwei Siege feierte.

Mit 16 Triumphen und 57 Podestplätzen in 267 Rennen sowie dem WM-Titel 2005 in der 125er-Kategorie als unbekümmerter Jungspund gehört Lüthi zu den erfahrensten und erfolgreichsten Moto2-Fahrern. Er sagt: «Es ist Zeit, wieder positive Schlagzeilen zu schreiben.»

Berner Zeitung

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