Einst überholte sie Verstappen, jetzt testet sie für Sauber

Mit der Kolumbianerin Tatiana Calderón sitzt erstmals seit drei Jahren wieder eine Frau am Steuer eines Formel-1-Autos.

«Wie in einem Videospiel»: Die Kolumbianerin ist begeistert. Video: AP

Stolz kniet sie vor dem Auto mit der Nummer 9, den Helm auf ihrem Schoss. «UNREAL», schreibt sie auf Twitter, unwirklich. Mit vielen Emoticons macht Tatiana Calderón deutlich, was dieser Tag für sie bedeutet. Der Tag, an dem sie als erste Frau seit drei Jahren am Steuer eines solchen Boliden sitzen wird.

Das Auto, vor dem Calderón posiert, ist jenes von Sauber-Pilot Marcus Ericsson. Die Kolumbianerin ist Entwicklungsfahrerin beim Schweizer Rennstall, steht in der Hierarchie also noch hinter Ersatzfahrer Antonio Giovinazzi. Der Italiener wird in der Saison 2019 neben Kimi Räikkönen Stammfahrer von Sauber sein. Am Dienstag aber war erst mal Calderón dran. 23 Runden durfte die 25-Jährige im Rahmen der Pirelli-Tests in Mexiko drehen. Wenn auch nur zu Filmzwecken. Die offiziellen Tests absolvierte Giovinazzi selbst.

«Ich hatte das Gefühl, es wäre ein Videospiel, so schnell ist alles passiert», sagt Calderón nach ihrem ersten Einsatz. Sie habe sich nach ein paar Runden an die Geschwindigkeit gewöhnt. Keine Worte findet sie hingegen fürs Bremsen, beim Abbiegen von der Hauptgeraden des Autódromo Hermanos Rodriguez in die erste Kurve geht es von 350 km/h auf 115 runter. «Ich kann nicht beschreiben, wie sich das anfühlt», so Calderón begeistert. In einem Formel-1-Wagen sind Fahrer viel grösseren G-Kräften ausgesetzt, als in jenen der Formel 3, wo Calderón normalerweise fährt. Sie habe dennoch keine Probleme damit gehabt, sich anzupassen.

Einst war sie Bottas’ Ersatz

Calderón ist die erste Frau seit drei Jahren, die ein Formel-1-Auto fährt. Vor ihr war es Susie Wolff, ehemalige Rennfahrerin und heute verheiratet mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Sie testete zwischen 2012 und 2015 für Williams. Anders als bisher Calderón kam die 35-Jährige auch während mehrerer Formel-1-Wochenenden zum Einsatz, unter anderem im freien Training des GP von Grossbritannien. Für das restliche Wochenende übernahm dann standesgemäss der damalige Williams-Pilot Valtteri Bottas.

Bei Sauber sind sie hochzufrieden mit Calderón. «Sie wird immer besser und lernt schnell dazu», sagte Teamchef Beat Zehnder noch vor der ersten Fahrt der Kolumbianerin. Und Xevi Pujolar, der leitende Ingenieur von Sauber, sagt zur Premiere: «Dieser Tag stellt einen wichtigen Schritt in unserem Sport dar, und wir freuen uns, mitzuverfolgen, wie Tatiana sich weiterentwickeln wird.» Gut möglich also, dass Calderón, die dank einer Schweizer Schule in Bogotá übrigens hervorragend Deutsch spricht, schon bald öfter in einem Formel-1-Boliden sitzen wird. Denn der neue Sauber-Ersatzfahrer Marcus Ericsson fährt 2019 auch in der IndyCar Series mit.

Dass die Kolumbianerin ein Talent ist, zeigt sich aber nicht nur daran, dass sie am Dienstag in einem Boliden der Königsklasse sass. Vor ziemlich genau vier Jahren, es war in der Formel-3-Europameisterschaft, zeigte sie ihr Können auf dem Hockenheimring mit einem Überholmanöver. Kein spektakuläres, aber eines mit Symbolcharakter. Denn der Überholte seinerseits gilt heute als einer der begnadetsten Fahrer im Formel-1-Zirkus: Max Verstappen, 20 Jahre jung. Am Sonntag gewann der Red-Bull-Pilot den GP von Mexiko.

mro

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