Fahrt am Abgrund

Eine Woche vor dem Start zur Formel-1-Saison dominieren beim Team Sauber die finanziellen Nöte – einmal mehr.

Hoffentlich kein Sinnbild für die neue Saison: Sauber-Pilot Marcuss Ericsson kollidiert in Sotschi mit Nico Hülkenbergs Force India. (11. Oktober 2015)

Hoffentlich kein Sinnbild für die neue Saison: Sauber-Pilot Marcuss Ericsson kollidiert in Sotschi mit Nico Hülkenbergs Force India. (11. Oktober 2015) Bild: Keystone

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In einer Woche ist dieser Winter Geschichte, es ist offizieller Frühlingsanfang. In einer Woche, da startet auch die Formel 1 in Melbourne in ihre neue Saison. Für Sauber, den Schweizer Rennstall, wird es die 24. sein. Doch Frühlingsgefühle kommen beim Team aus Hinwil keine auf.

Und das hat vor allem mit diesem Winter zu tun, der zwar mild war, für Sauber aber äusserst streng. Man kann sagen: Wie so oft in der jüngsten Vergangenheit, seit sich Patron Peter Sauber 2009 gezwungen sah, sein Lebenswerk von BMW zurückzukaufen, weil sich die Deutschen zurückzogen.

Es waren die Monate, in denen keine Prämiengelder vom Formula One Management (FOM) flossen, die werden zwischen Februar und November ausgeschüttet. Es war aber die Zeit, in der das Auto weiterentwickelt und fertiggestellt werden musste. Für Privatteams ohne Hauptsponsor, wie das Sauber zurzeit ist, wird das immer mehr eine Wanderung auf einem schmalen Grat. Es droht der Absturz. Und wie nah dieser sein kann, zeigte sich bei den Schweizern gerade in den letzten Wochen.

Das lange Warten auf den nächsten grossen Partner

Erstmals konnten sie Löhne von Angestellten nicht termingerecht bezahlen. Rund 200 der über 300 Mitarbeiter warteten bis letzten Mittwoch auf ihre Gehälter vom Februar. Es habe bei der Überweisung von Sponsorengeldern Probleme gegeben, sagte Monisha Kaltenborn, seit 2012 die Chefin. Laut Informationen von Insidern ist es aber viel eher so, dass sich die Österreicherin noch in Verhandlungen mit einem möglichen Hauptsponsor befindet, auf dessen Gelder das Team dringend angewiesen ist. Weil bislang keine Einigung erzielt wurde, entstand akute Geldnot, die wohl von einem anderen Sponsor überbrückt wurde.

Gross äussern mag sich Kaltenborn dazu nicht. Die 44-Jährige sagt nur: «Wir kommentieren unsere finanzielle Situation nicht.» Und: «Wir werden Partner zu gegebener Zeit bekannt geben.»

Starke Partner, das waren einst Mercedes, Red Bull, Petronas und BMW. Acht Jahre lang war das auch die Credit Suisse. Seit dem Ausstieg der Grossbank Anfang 2009 und dem Rückzug von BMW 10 Monate später wartet man in Hinwil vergeblich auf ein solches Engagement, das in der Formel 1 üblicherweise bei 30 Millionen Franken und mehr pro Saison angesiedelt ist. Käme es nun zum Abschluss mit einem solchen Grosssponsor, wäre das der grosse Befreiungsschlag. Falls nicht, ist – oder besser: bleibt – die Zukunft äusserst ungewiss.

Die Verträge der finanzstarken Fahrer laufen aus

Die zwei Haupteinnahmequellen blieben dieselben. Und die sind alles andere als gesichert.

Da sind zum einen die Fahrer, der 25-jährige Schwede Marcus Ericsson und der 23-jährige Brasilianer Felipe Nasr. Ericsson, von Privatleuten unterstützt, die sich im Hintergrund halten wollen, und Nasr, seit fünf Jahren von der Banco do Brasil finanziert, tragen geschätzte 35 Millionen Franken zum 100-Millionen-Budget von Sauber bei. Ihre Verträge laufen Ende Saison allerdings aus. Vor allem Nasr dürfte vieles daran setzen, einen neuen Rennstall zu finden. Jedenfalls sprach er schon immer von einem Zweijahresplan, wenn es um seinen Einstieg in die Formel 1 ging, den er 2015 bei Sauber machte. Es müsste also Ende Jahr zumindest ein finanziell gleichwertiger Ersatz gefunden werden.

Zum anderen sind da noch die FOM-Gelder. Diese rund 600 Millionen Franken aus dem Einnahmetopf der Formel 1. Die Hälfte davon wird gleichmässig an jene Teams ausgeschüttet, die in den letzten drei Jahren mindestens zweimal in den Top 10 der Konstrukteurswertung lagen. Der Rest wird nach WM-Rangierung verteilt (19 Prozent für den Weltmeister, 4 Prozent für Rang 10).

Von Ecclestone gibt es 50 Millionen Franken

Für 2015 und Rang 8 gibt es von Chefvermarkter Bernie Ecclestone so knapp 50 Millionen Franken für Sauber. Allerdings erhält es, im Gegensatz vor allem zu den grossen Teams, keine Zusatzzahlungen – bei Ferrari betragen allein diese 100 Millionen Franken. Längst kämpft Kaltenborn gegen diese aus ihrer Sicht ungerechte Verteilung. Im letzten Jahr legte Sauber zusammen mit Force India gar Beschwerde bei der EU-Kommission ein, auch, um die Rechtmässigkeit dieses Systems zu prüfen. «Die Sache ist am Laufen», sagt die Österreicherin.

Vorerst ist ihr Rennstall aber noch von der WM-Klassierung abhängig. Die Ränge 10 und 8 waren es in den letzten zwei Jahren. Nicht gerade das, was in Hinwil für Zuversicht sorgen dürfte.

Die Tests in Barcelona verliefen zwar ganz gut, der C35 war zuverlässig und auch schnell – an drei von vier Tagen erzielten Nasr und Ericsson auf der Zielgeraden die Spitzengeschwindigkeit. Das spricht für ein verbessertes Auto und einen stärkeren Ferrari-Motor. Allerdings auch dafür, dass es dem C35 an Abtrieb fehlen könnte, was schon in den letzten Jahren das grosse Manko der Sauber-Boliden war.

Und ja: Eigentlich wurde auf dem Circuit de Catalunya an acht Tagen getestet. Nur die Hälfte davon konnten die beiden Piloten des Schweizer Teams aber im aktuellen Auto bestreiten. Dass sie Ende Februar noch mit einem umlackierten C34er-Modell ihre Runden drehen mussten, soll an der Umstellung des Rennkalenders gelegen haben, hiess es bei Sauber. Der Saisonstart und die Tests wurden um zwei Wochen vorverlegt. Allerdings war das bereits im September letzten Jahres. Eher dürfte es wiederum mit den knappen finanziellen Ressourcen zusammenhängen, dass das Auto nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte.

Es droht viel Ungemach – und noch mehr

Die Konkurrenten im hinteren Teil des Feldes spulten derweil viele Kilometer ab und hinterliessen dabei keinen schlechten Eindruck. McLaren-Honda, 2015 der Ausfallkönig, dürfte diesmal mehr als nur Gegner von Sauber sein. Haas, der amerikanische Neuling, schlug sich ordentlich, und selbst Hinterbänkler Manor, der neu nicht mehr mit einem Ferrari-, sondern mit einem Mercedes-Motor antritt, könnte den einen oder anderen Top-10-Platz herausfahren.

Auch sportlich könnte diese Saison also zur grossen Herausforderung für Sauber werden. Mehr noch als das letzte Jahr, in dem es lang vom Wunderstart in Melbourne mit den Rängen 5 von Nasr und 8 von Ericsson zehrte. Ein solcher darf nun, nach nur vier Testtagen, nicht erwartet werden. Und weil es zumindest zurzeit so aussieht, als ob auch die finanzielle Lage angespannt bliebe, dürften die Schweizer bei der Weiterentwicklung des Autos während der Saison erneut stark eingeschränkt sein.

Doch es droht noch weiteres Ungemach. Für 2017 sind grössere Änderungen am Auto vorgesehen. Während sich die meisten Teams schon bald an die Konstruktion der nächsten Generation machen, fehlt Sauber auch hierfür das Geld.

Zudem lief zuletzt eine Betreibung von América Móvil (5,3 Millionen Franken), das die mexikanischen Ex-Sauber-Piloten Sergio Pérez und Esteban Gutiérrez in der Formel 1 unterbrachte. Und es klagt ein anderer ehemaliger Fahrer gegen Sauber. Der Deutsche Adrian Sutil fordert für 2014 und 2015 knapp 7 Millionen Franken.

Nur ein Grosssponsor könnte dafür sorgen, dass in Hinwil bald Frühlingsgefühle aufkommen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.03.2016, 09:44 Uhr

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