«Habe nun anderes zu tun, als nur zu trinken»

Mit bald 40 hat Kimi Räikkönen beim Schweizer Alfa-Romeo-Team einen Neustart gewagt – er bereut nichts.

Eigentlich möchte Kimi Räikkönen nur Rennen fahren. Mit dem Drumherum hat er sich in 20 Jahren Formel 1 noch immer nicht angefreundet. Foto: Imago

Eigentlich möchte Kimi Räikkönen nur Rennen fahren. Mit dem Drumherum hat er sich in 20 Jahren Formel 1 noch immer nicht angefreundet. Foto: Imago

René Hauri@tagesanzeiger

Ein Gespräch mit einem, der am liebsten nichts sagt. So ist das mit Kimi Räikkönen, dem Iceman der Formel 1, der sich dieses Image stoisch erschwiegen hat.

Doch nun beginnt es zu bröckeln. Seit dieser Saison ist der bald 40-jährige Finne zurück beim Schweizer Sauber-Team, wo er 2001 seine ­Karriere lancierte. In acht von zwölf Rennen ist er in die Punkte gefahren für den Rennstall, der nun Alfa Romeo heisst. Fern des immensen Drucks von Ferrari scheint er sich wohlzufühlen. Dass er an diesem Nachmittag vor dem Grand Prix von Belgien nicht ausführlicher wird, liegt am engen Zeitfenster. 10 Minuten redet Räikkönen, dann muss er weiter.

Es ist der Tag, an dem er für Aufregung sorgt. Ersatzpilot Marcus Ericsson ist im Fahrerlager. Grund: Räikkönen erlitt eine Muskelzerrung im linken Bein. Was ist passiert? «Sport. Verletzung. Werde alt», sagt Räikkönen im Staccato. «Ich habe es immer gesagt: Sport ist gefährlicher als Trinken. Beim Trinken kriegt man nur einen Kater.»

In Ihrer Biografie steht, Sie hätten 2012 16 Tage lang durchgetrunken und seien dann in Spanien aufs Podest gefahren. Wie war Ihr Zustand?
Das war normal für mich.

16 Tage betrunken war normal?
Nun, ich lebte mein Leben über Jahre so, wie ich es wollte. Es ist für manche Leute vielleicht schwierig, sich so etwas vorzustellen, aber für mich war das kein Problem.

Alkohol als fester Bestandteil des Lebens?
Mittlerweile habe ich auch andere Dinge zu tun, als nur zu trinken. Klar gehe ich noch aus, aber ich habe eine andere Aufgabe im Leben, ich habe eine Familie. Aber die Erinnerungen an die früheren Zeiten sind echt gut, ich würde sie nicht hergeben wollen.

Sie scheuen die Öffentlichkeit. Dennoch gibt es dieses Buch über Sie mit solchen Geschichten. Weshalb?
Das ist doch nur ein Buch, das in einer Buchhandlung im Regal steht. Es stört mich also nicht.

Mögen Sie es?
Ich hätte nicht mitgemacht, wenn ich es nicht mögen würde. Viele Jahre hatte ich Zweifel, ob ich das machen soll, und auch während der Entstehung war ich nicht überzeugt. Aber im Nachhinein ist es für mich in Ordnung.

Sie sind mit fast 40 noch immer in der Formel 1. Was schätzen Sie an Ihrem Beruf, was nicht?
Rennen zu fahren, mag ich. Den Rest gibt es halt auch. (lacht)

Das Drumherum stört Sie noch immer?
Ich bin doch nur hier, um Rennen zu fahren. Das andere gehörte leider zur Formel 1 und wird es unglücklicherweise auch immer bleiben. Als ich begann, waren die Verpflichtungen aber deutlich weniger. Nun ist mehr Geld im Spiel, sind mehr Sponsoren involviert, also muss ich mich dort auch blicken lassen. Ich kann nicht nur das Geld nehmen und nichts dafür tun.

«Bei Alfa Romeo ist es nicht so ­schwierig wie bei Ferrari, die Leute dazu zu bringen, mir zu vertrauen.»

Es zwang Sie niemand, weiter in der Formel 1 zu fahren.
Nein, es war meine Entscheidung. Und ich bereue sie nicht.

Wurden Ihre Erwartungen bei Alfa Romeo erfüllt?
Ich hatte keine. Fahre ich in die Top 10 oder werde ich Letzter? Ich wusste es nicht. Alles, was ich wusste, ist, dass es Limitierungen gibt im Vergleich zu den grossen Teams: weniger Geld, weniger Leute. Aber was wir haben, ist ziemlich gut. Wir verbessern uns langsam. Klar würde ich gerne ums Podest kämpfen, aber ich weiss, woher Sauber kommt. Vor drei Jahren drohte das Aus.

Warum suchten Sie sich nicht eine andere Rennserie mit weniger Aufmerksamkeit?
Weil in der Formel 1 das Niveau am höchsten ist. Und das Team ist grossartig, ich versuche, ihm zu helfen.

Wie sehr spielte bei Ihrer Entscheidung mit, dass Sie bei Sauber Ihre Karriere begannen?
Gar nicht, auch nicht, dass das Team unweit meines Zuhauses in Baar seinen Sitz hat. Ich wollte nur sehen, was möglich ist. Es stehen tolle Leute hinter dem Projekt, und wir haben die Chance, etwas Gescheites hinzukriegen.

Sie wirken frischer und glücklicher als zuvor bei Ferrari. Täuscht der Eindruck?
Ich denke nicht, dass das so ist. In vielen Bereichen ist mein Job noch der gleiche. Der Zeitplan an einem Wochenende ist zu 95 Prozent kongruent: Meeting, Training, Sitzung, Rennen.

Und davon abgesehen?
Neben dem Rennfahren ist es angenehmer, stimmt. Ich habe mehr Freiheiten – auch, weil das Team so nah ist. Ich muss nicht den ganzen Tag in einem Flugzeug verbringen, um irgendetwas in der Fabrik zu tun. Vieles ist viel einfacher geworden für mich.

Sie sind nun auch massgeblich an der Entwicklung des Autos beteiligt. Mögen Sie die Rolle?
Das war auch bei Ferrari so: fahren und das Auto weiterbringen. Aber: Hier wird mehr auf mich gehört. Es ist nicht so schwierig wie bei Ferrari, die Leute dazu zu bringen, mir zu vertrauen.

Erleben Sie die Formel 1 neu?
Nicht wirklich. Ich war in meiner Karriere in unterschiedlichen Positionen und Teams. Nun ist es für mich beim Start des Rennens wieder etwas schwieriger, weil die Chancen eines Unfalls grösser sind. Ich fahre gegen mehr Leute, es ist enger. Aber die Geschichte bleibt: Ich versuche zu überholen und nicht überholt zu werden.

Wie sehr haben Sie sich seit 2001 gewandelt?
Ich habe mich so verändert wie jeder andere auch in 20 Jahren. Mein Leben ist jetzt anders, ich habe Familie.

Vor zwei Wochen drehte Ihr vierjähriger Sohn Robin seine ersten Runden in einem Kart, Ihre zweijährige Tochter ­Rianna sass auch schon in einem. Gibt es Karrierepläne?
Nein, nein. Zuvor fuhr Robin ­Motocross und mit Quads. Nun machte es Spass, ihn in einem Kart zu sehen.

Haben Sie Angst um ihn?
Beim Motocross war ich besorgt. Ich brauchte lange, bis ich das wirklich mochte. Immer wieder habe ich ihm gesagt, er soll langsam beginnen, weil er schwer verletzt werden könne. Nach seinen ersten Runden im Kart fragte ich ihn, ob es einfacher gewesen sei als auf dem Motorrad. Er bejahte. Er hat es genossen. Wer weiss, was da herauskommt.

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