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In der Rolle des Schuldigen

Hamilton und McLaren werden vom Verband am meisten bestraft, Ferrari kaum

Es war ein Einzug wie bei einem Boxkampf, Lewis Hamiltons erster Auftritt am Donnerstag vor dem Italien-Grand-Prix. Bevor der WM-Leader jeweils auf der Bühne im Motorhome von McLaren-Mercedes erscheint, tritt zunächst ein Conferencier auf. In gestelztem Englisch bittet er stets um Verständnis, dass sein Landsmann nicht zu allem Stellung beziehen wird. Und dann: «Hier kommt er» In diesen Momenten dauert es dann nicht mehr lange, bis es heisst: Applaus, Applaus, Applaus. Nach dem gestrigen Regen-Qualifying fehlten Conferencier und Applaus - nur Hamilton war da. Doch nach Startplatz 15 war er eher wortkarg.

13 der 18 Rennen sind absolviert. Die heisse Phase der Saison hat begonnen. Und wie. Zuletzt beim Belgien-GP war Hamilton der Schnellste. Eindeutig. Als zum Ende des Rennens Regen einsetzte, jagte er auf der Ziel-geraden an Kimi Räikkönen im Ferrari vorbei, was den finnischen Weltmeister wie einen Fahrschüler aussehen liess. Dummerweise hatte Hamilton unmittelbar zuvor allerdings eine Schikane ausgelassen.

Die Strafe für die Aktion folgte zwei Stunden nach dem Grand Prix: Die drei Rennkommissare Nicholas Deschaux (Fr), Yves Bacquelaine (Bel) und Surinder Thatthi (Kenia) belegten den WM-Führenden mit einer 25-Sekunden-Strafe. Dabei beriefen sie sich auf den Regel-Paragrafen, der besagt: Wer die Strecke verlässt, darf davon keinen Vorteil haben. Der grosse Profiteur der Aktion war Felipe Massa. Der zweite Ferrari-Fahrer wurde als Gewinner ausgerufen und rückte Hamilton in der WM bis auf zwei Punkte nahe.

Hamiltons gezielter Tiefschlag gegen Konkurrent Räikkönen

Kein Rennfahrer gibt gerne einen Sieg her. Schon gar nicht aber lässt er ihn sich widerstandslos von einer Rennleitung nehmen, die aus drei Laien besteht. McLaren legte deshalb Berufung gegen das Urteil ein. Über den Einspruch befindet das Berufungsgericht des Internationalen Automobilverbandes Fia am 22. September. Zurückhalten will sich Hamilton bis dahin nicht. «Ich fühle mich voller Selbstvertrauen, so als käme ich von einem Sieg», sagte er auf der Bühne im Motorhome, «und ich bin wild entschlossen, mich davon nicht beeinflussen zu lassen.» Hamilton hörte sich dabei so an wie ein Boxer, der beim Wiegen vor einem wichtigen Kampf grosse Töne spuckt.

Als Hamilton gefragt wurde, ob er so leicht an Räikkönen vorbeifahren konnte, weil seine Reifen mehr Haftung hatten, sagte er forsch: «Mit Haftung hatte das nichts zu tun. Wenn Kimi nicht den Mut hat, spät zu bremsen, ist das nicht mein Problem.» Das war ein gezielter Schlag unter die Gürtellinie Räikkönens, dessen Konter nicht lange auf sich warten lassen wird. Das Gerangel ist damit eröffnet: «Ring frei» für die nächste Runde.

Grosse Leistungen und haarsträubende Fehltritte haben Hamiltons zweites Formel-1-Jahr bislang geprägt. In Monte Carlo, in Silverstone und in Hockenheim kämpfte er sich unter schwierigen Umständen zum Triumph. In Montreal jedoch vergab er zehn Punkte, weil er die rote Ampel am Ende der Boxengasse übersah. Für diese Unaufmerksamkeit wurde er in Magny-Cours um zehn Startplätze strafversetzt. So oft wie McLaren (siebenmal) wurde bisher kein anderes Team vor die Rennkommissare zitiert, und kein anderer Pilot wurde öfter bestraft als Lewis Hamilton.

Das gute Verhältnis von Ferrari zum Automobil-Verband

In Malaysia lautete Hamiltons Vergehen: Behinderung von Heidfeld im Qualifying. In Bahrain legte er sich mit Alonso an und musste zum Rapport. In Frankreich überholte er Vettel neben der Strecke. In allen Fällen folgte auf die Anklage eine Strafe, die WM-Punkte kostete.

Ferrari-Fahrer Massa dagegen ging kein Punkt verloren, als die Fia-Aufseher in Valencia prüften, ob er bei der übereiligen Fahrt aus der Box Adrian Sutil gefährdete. Räikkönen blieb gar mit einem losen Auspuffrohr, ein Sicherheitsrisiko, in Magny-Cours als Zweiter straflos. Das Verhältnis von Ferrari zur Fia, die in Paris residiert und über die Formel-1-Regeln wacht, gilt traditionell als gut. Das zwischen McLaren-Mercedes und der Fia wirkt spätestens seit 2007 angespannt, als die Silberpfeile in der Spionageaffäre zur Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar verurteilt wurden.

Die Fia hat in dieser Saison wieder eingeführt, dass abwechselnd jeweils drei Rennkommissare bei den GPs als Aufseher fungieren. Dazu gibt es neu einen permanenten Berater für die Rennleitung: Alan Donnelly. Er gilt als Vertrauter von Fia-Präsident Max Mosley. Dass die vom Briten Donnelly gegründete PR-Firma Sovereign Strategy Ferrari als Klienten führte, hat Verschwörungstheorien aufkeimen lassen. Ein bisschen ist es wirklich wie beim Boxen: Auch dort soll das Kampfgericht ja nicht immer ganz neutral sein.

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