«Jeder Sport braucht Statisten wie Sauber»

Der einstige Formel-1-Pilot Marc Surer über die Rolle des Schweizer Teams, Bernie Ecclestones Geldverteilung und wieso in der Königsklasse nicht alles nur schlecht ist.

Wann gibts mal wieder Punkte? Felipe Nasr hat im Sauber einen schweren Stand.

Wann gibts mal wieder Punkte? Felipe Nasr hat im Sauber einen schweren Stand. Bild: Keystone

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Drei Rennen sind gefahren, Sauber hat null Punkte. Hinzu kommen verspätete Lohnzahlungen, Betreibungen, Ex-Fahrer wie Adrian Sutil, die klagen. Ist die Situation so ernst wie nie?
Es gab schon viele Horrormeldungen. Etwa im Vorjahr, als Ex-Ersatzfahrer Giedo van der Garde vor dem Saisonauftakt in Melbourne vor Gericht zog. Ich glaube nicht, dass es um Sauber schlimmer steht als in den letzten Jahren. Es ist ganz einfach noch immer so: Das Team braucht entweder einen Zuschuss eines grossen Sponsors, oder die Einnahmen der FOM müssen gerechter verteilt werden (für die Vermarktung der Formel 1 zuständig, Chef Bernie Ecclestone).

Was stört Sie an der Verteilung?
Sogar Ecclestone ist mittlerweile klar, dass sie falsch ist. Wenn ich sehe, dass Ferrari über 100 Millionen Dollar an Bonuszahlungen erhält, unabhängig der WM-Klassierung, oder Red Bull über 70, dagegen ein Team wie Williams, das schon ewig dabei ist und neunmal Weltmeister war, nur 10 Millionen, dann ist das nicht richtig.

Wieso hat Ecclestone diesen Teams 2013 diese Zugeständnisse gemacht, die bis 2020 gelten?
Damals liefen die Verträge aus. Es gab starke Bestrebungen der grossen Rennställe, sich abzuspalten und eine eigene Meisterschaft zu gründen. Ecclestone setzte also neue Verträge auf und begann mit den zwei Topteams zu der Zeit, Ferrari und Red Bull. Wenn diese unterschreiben würden, müssen die anderen auch, das war seine Überlegung. Deshalb köderte er sie mit vielen Millionen. Als diese zwei unterschrieben hatten, musste er natürlich bei den anderen Abstriche machen.

Wenn sich daran nichts ändert, muss Sauber einen grossen Sponsor finden, sagen Sie. Chefin Monisha Kaltenborn ist in Verhandlungen mit einem möglichen Partner. Der könnte Alfa Romeo sein, heisst es.
Das kann ich mir nicht vorstellen, aber es wäre schön.

Jeder käme Sauber gelegen.
Genau, eigentlich ist egal, wer kommt, Hauptsache, es steigt ein grosser Partner richtig ein, damit wieder aufgeatmet werden kann

Was würde die Formel 1 mit Sauber verlieren?
Jeder Sport braucht Statisten wie Sauber, weil sie die Topteams besser aussehen lassen. Statisten ist ein hartes Wort, aber es braucht genug Teilnehmer, damit die Vordersten ein Feld hinter sich haben.

Wie viele Teams wären 2020 noch dabei, wenn die jetzigen Verträge so bestehen blieben?
Nun, es kam jetzt mit Haas ein neues Team dazu, das zeigt, dass es möglich ist, erfolgreich einzusteigen – nicht wie zuletzt Caterham oder Manor, die furchtbar hinterherfuhren. Haas könnte andere Teams motivieren, auch in die Formel 1 zu kommen.

Das ist es, was die Werksteams sagen: Es gehen Rennställe, es kommen neue, so war das schon immer …
… ja, aber wenn selbst ein Team wie Williams knapp bei Kasse ist und sich nur so durchwurstelt, dann muss ich sagen: Das ist nicht gesund.

Sauber ist zurzeit von seinen Fahrern abhängig. Felipe Nasr und Marcus Ericsson tragen mit ihren Sponsoren über ein Drittel zum 100-Millionen-Budget bei. Wie nachhaltig ist dieses Konzept?
Dass ein Fahrer Sponsoren hat, ist normal. Ohne finanzielle Unterstützung kommt keiner in die Formel 1, der Weg allein kostet dreieinhalb Millionen Franken. Viele der grossen Stars haben auch Geld mitgebracht, das vergisst man einfach oder will es gar nicht wissen.

Nur sind die Summen heute ganz andere, 20, 30, gar 50 Millionen pro Saison bringen manche Fahrer mit …
… das Ganze ist heute einfach zu teuer.

Das liegt auch an den Motoren, die ein Kundenteam wie Sauber 25 Millionen Franken an Leasing pro Saison kosten und damit rund dreimal so viel wie der Vorgänger. Muss da der Hebel angesetzt werden?
Man kommt sicher nicht von den hohen Kosten runter, indem schon wieder ein neuer Motor konstruiert werden soll. Die Entwicklung des jetzigen Antriebs hat wahnsinnig viel Geld verschlungen, und jetzt sind etwa Renault oder Honda gerade so weit, dass sie konkurrenzfähig werden. Also: Bitte nichts Neues anfangen!

Sauber hatte starke Partner wie Red Bull, Petronas, die Credit Suisse oder BMW. Seit Peter Sauber das Team 2009 von BMW zurückkaufte, wartet es auf einen solchen. 2012 wurde Kaltenborn Teamchefin: Kann ihr ein Vorwurf gemacht werden?
Nein, es geht vielen so, dass sie keinen Hauptsponsor finden. Es hat nicht jeder einen Gene Haas (Gründer des Haas-F1-Teams) im Hintergrund, der es sich einfach leisten kann, ein Team zu betreiben.

Ist die Formel 1 weniger attraktiv für Sponsoren?
Eigentlich nicht, sie geht ja in Märkte, die für viele Firmen interessant sind. Aber im Moment hat die Serie ein schlechtes Image, weil nur noch über Probleme geredet wird anstatt über die guten Rennen, die wir bislang hatten. Die waren echt super. Es hat zwar immer der Gleiche (Nico Rosberg) gewonnen, aber dahinter war der Teufel los. Doch der Gesamteindruck ist, dass nur gestritten wird, dass es nur Skandale gibt. Und dann kommt noch eine Idee wie dieser Qualifying-Modus, der nur wegen politischer Machtkämpfe zustande kam.

War die Einführung des Modus, der wieder abgeschafft wurde, eine Verzweiflungstat?
Richtig, die Entscheidungsträger haben einfach keine Ideen. Es gab doch schon immer Phasen, in denen ein Team überlegen war. Komischerweise fanden es alle toll, als ein Michael Schumacher vorausfuhr, weil er derjenige war, den man schlagen wollte. Heute regt sich jeder über die Dominanz von Mercedes auf. Es bräuchte nun einen Marketingfachmann, der sich die Formel 1 genau anschaut und dann die richtigen Entscheidungen trifft. Es soll nicht wieder wild etwas geändert werden, nur, damit etwas geändert wurde.

Haben Sie diesen Eindruck von Chefvermarkter Ecclestone?
Ja, den habe ich. Natürlich ist er unter Druck von Formel-1-Inhaber CVC, weil die Zuschauerzahlen rückläufig sind. Aber das ist vor allem deshalb so, weil es immer nur negative Schlagzeilen gibt.

Ecclestone trägt dazu bei, nannte die Formel 1 beschissen. Schadet er der Serie?
Er hat ein paar Aussagen gemacht, die nicht gerade förderlich waren. Klar, er will damit bezwecken, dass sich etwas ändert, aber eigentlich schadet er so dem Sport.

Wird er noch ernst genommen, ist er noch tragbar?
Die Frage ist doch: Wer soll es sonst machen? Es gibt schlicht keinen, der das besser machen könnte.

Ecclestone mag den Hybridantrieb nicht. Und Sie?
Die Technik ist zukunftsweisend. Und die viel beschimpften Hybridmotoren laufen mittlerweile sensationell. Es ist auch nicht so, dass es nur Sparmotoren wären, wir sind bei 900 System-PS angelangt, das ist schon toll. In zwei Jahren werden wir sicher bei 1000   PS sein. Zudem ist es so: Je länger am Reglement nichts verändert wird, desto grösser wird die Chancengleichheit, weil auch der Hinterste und Letzte herausfinden wird, wie ein solcher Motor und ein solches Auto gebaut werden müssen. In diesem Jahr hat etwa Red Bull mit Renault schon ein Rennen angeführt – das war 2015 noch unvorstellbar.

Die Motoren sollen bleiben, dafür die Autos 2017 anders ausschauen. Eine richtige Entwicklung?
Wenn die Autos attraktiver aussehen, warum nicht? Zu meiner Zeit hatten wir viel breitere Reifen und riesige Heckflügel, das sah gut aus. Mit den schmaleren Autos und den kleineren Heckflügeln wurde der Formel 1 das Macho-Gen genommen. Wenn nun alles wieder breiter, bulliger wird, damit man Wow sagt, wenn man den Boliden sieht, dann macht das Sinn. Die Teams bauen ohnehin jedes Jahr ein neues Auto, deshalb ginge diese Änderung schon in Ordnung.

Sie sprachen von Ihrer Zeit. Was war damals besser, was schlechter als heute?
Ich bin froh, hat sich bezüglich Sicherheit so viel getan, dass ein Fernando Alonso in Melbourne mit Vollgas einen Unfall haben kann und einfach so aussteigt. Zu meiner Zeit hielten alle immer die Luft an, wenn einer abflog. Auf der anderen Seite war nicht alles so kontrolliert. Das Problem war in jüngster Vergangenheit, dass durch die Telemetrie (Übertragung der Messwerte vom Auto auf Computer) der Einfluss der Ingenieure extrem gross wurde. Der Sport ist nicht mehr so hemdsärmlig wie früher. Immerhin dürfen die Ingenieure nun nicht mehr während des Rennens über Funk Anweisungen geben. Das war ja grausam, als sie dem besten Piloten der Welt sagen mussten, wie er welche Kurve zu fahren hat. Die Fahrer waren nur noch Marionetten.

Noch immer aber sitzen bei Ferrari während eines Rennens 100 Ingenieure vor den Computern in Maranello …
… und machen dann doch vieles falsch. Es ist doch oft so, dass die spontane Strategie entscheidend ist, etwa, wenn der Safety-Car auf die Strecke kommt. Manchmal frage ich mich auch: Wieso fahren sie nun mit diesem Reifen, wenn sie doch gesehen haben, dass ein anderer schneller wäre? Wahrscheinlich können die Ingenieure vor lauter Daten das Rennen nicht mehr lesen, wie wir im Jargon sagen.

Viele sehen die Fahrer noch immer als eine Art Marionette. Fehlen die echten Typen?
Seit wir die freie Reifenwahl haben, können die Fahrer eher über sich hinauswachsen. Sie sind wieder wichtiger. Und: ein Hamilton oder ein Ricciardo, das sind echt gute Typen. Klar ist nicht jeder ein James Hunt, aber einen wie Hamilton gab es viele Jahre nicht mehr. Einen, der so gut ist und der ein solch ausgefallenes Leben führt. Er ist ein Star. Wenn ich zurückblicke, fallen mir auch nur ein paar Namen ein: Hunt, der das Leben genoss, wie das nun Hamilton tut. Lauda, der extrem gut war und vor allem durch seinen Unfall berühmt wurde. Oder Senna, der ein überdurchschnittlicher Fahrer war, der alles riskierte. Also so viele waren es auch in der Vergangenheit nicht, die wir aufzählen können. Und wenn wir in zehn Jahren zurückschauen, werden wir auch von Hamilton reden, wie er mit seinen Goldkettchen ankam und dann allen davonfuhr.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die Fahrer langweiliger sind, alles steriler ist.
Das Hauptproblem sind die Medienabteilungen der Teams. Wenn ein Fahrer einmal etwas spontan sagt, kriegt er gleich ein Problem. Deshalb kommen nur noch nichtssagende Antworten. Vorgefertigte Sätze verunmöglichen es, überhaupt den Typ zu fassen. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie Vettel, dem es auch einmal egal ist, was die Leute über ihn denken. Oder Alonso, der auch immer den Mut hat, zu sagen, was los ist.

Diesen Status muss sich ein Fahrer erarbeiten.
Klar, das kann man nicht tun, wenn man hinterherfährt und nur schon froh sein muss, überhaupt in der Formel 1 zu sein.

Hamilton hat diesen Status. Rosberg aber hat die ersten drei Rennen gewonnen. Rechnen Sie mit einem weiteren Mercedes-internen Duell?
Wenn Hamilton zurückschlägt, haben wir eine super Meisterschaft. Denn das war das grosse Problem in den letzten zwei Jahren: Die beiden haben sich zu wenig wehgetan. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.05.2016, 10:46 Uhr

Formel 1: GP England

NameTeamZeit
1.Lewis HamiltonMercedes 1:21:27.430
2.Valtteri BottasMercedes +14.063
3.Kimi RaeikkoenenFerrari +36.570
4.Max VerstappenRed Bull +52.125
5.Daniel RicciardoRed Bull +1:05.955
6.Nico HuelkenbergLotus Renault +1:08.109
7.Sebastian VettelFerrari +1:33.989
8.Esteban OconForce India+ 1 Runde
9.Sergio PerezForce India+ 1 Runde
10.Felipe MassaWilliams+ 1 Runde
Mehr...
Stand: 17.07.2017 07:35

Formel 1: WM-Stand Fahrer

NameTeamP
1.Lewis HamiltonMercedes72861
1.Lewis HamiltonMercedes381
3.Sebastian VettelFerrari72871
3.Sebastian VettelFerrari278
4.Kimi RaeikkoenenFerrari72871
4.Kimi RaeikkoenenFerrari150
5.Valtteri BottasMercedes72867
5.Valtteri BottasMercedes136
6.Felipe MassaWilliams72867
6.Felipe MassaWilliams121
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Stand: 11.04.2016 10:40

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