Sand im Getriebe

Spektakuläre Unfälle und Heldengeschichten waren der Motor der Rallye Dakar – nun steht das Rennen vor dem Aus.

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Wenige Stunden vom Tod entfernt, hatte Thierry Sabine die Erleuchtung seines Lebens. Der Franzose verlor mit dem Motorrad in der Wüste Libyens seinen Weg aus den Augen. Drei Tage lang irrte er ohne Kompass, ohne Wasser und ohne Hoffnung durch das Nichts – aber er hatte eine Idee im Kopf, die in der Aussichtslosigkeit der endlosen Einöde wuchs und gedieh. Sabine wurde gerettet, und ein Jahr später stand er mit 182 anderen unter dem Eiffelturm und wartete auf den Startschuss, um seine Erfahrung mit ein paar Verrückten dieser Welt zu teilen. Sein Ziel: Frankreich und die Wüste Nordafrikas zu durch­queren, entlang der Westküste, in mehreren Etappen hinunter bis nach Senegal. Die Rallye ­Dakar, das grösste Langstrecken-Etappenrennen der Welt, war ­geboren. Vieles war am vergangenen Sonntag bei den Fahrern vor dem Start der 40. Rallye Dakar so wie damals, 1978 in Paris. Die Freude am Abenteuer, der Respekt vor der Herausforderung, die Angst vor dem Unbekannten.

Übertragung in 190 Länder

534 Piloten machten sich in Autos, Trucks und auf Motorrädern auf die Reise durch die Endlosigkeit. 5600 Kilometer müssen die Teilnehmer in zehn Teilstücken zurücklegen. 61 Nationalitäten sind vertreten, 19 Frauen sind dabei. 70 Sender (unter anderem Eurosport) übertragen das Spektakel in 190 Länder, 2000 Journalisten berichten vor Ort. 7 Millionen Zuschauer werden vor den Bildschirmen kleben und dabei zusehen, wie sich die Fahrer auf ihrem eigenen Weg zu den Kontrollpunkten kämpfen.

Und doch: Es ist nicht mehr alles so, wie es 1978 war. Etwas hat sich in all den Jahrzehnten verändert, und das könnte dazu führen, dass die Rallye Dakar bald für immer zum Stillstand kommt. Die Kritik am Rennen wird immer grösser, die ökologischen Schäden seien immens, so die Gegner. Früher wurden die Teilnehmer als Helden der Motoren gefeiert, heute gibt es immer mehr Widerstand gegen sie: zu viel Verschmutzung, zu viel Lärm, zu wenig wirtschaftlicher Nutzen für die Austragungsländer. Die Unesco warnt schon seit Jahren vor den Auswirkungen der Dakar, die Zeitung «L’Osservatore Romano» nannte das Rennen einen «vulgären Auftritt von Kraft und Reichtum an Orten, wo Menschen heute noch verhungern und verdursten».

Verschollene und Tote

Das alles hat dazu geführt, dass das Rennen schon seit Jahren nicht mehr in Afrika stattfindet. Aber nicht nur darum. Als es 2008 zu politischen Unruhen und Terrordrohungen gegen die Organisatoren und Teilnehmer des Rennens kam, wurde die Austragung erstmals abgesagt. Seither findet der Event in Südamerika statt. Was blieb, ist der Name, Rallye Dakar.

Die zahlreichen schweren Unfälle und Todesopfer sind ein weiterer Grund für die immer grösseren Widerstände gegen den Traditionsanlass. Seit der ersten Austragung starben über 70 Menschen, Hunderte wurden schwer verletzt. Es gibt Geschichten von Fahrern, die von den Routen abkamen und mehrere Tage durch die Wüste irrten, ehe sie das Ziel verspätet und ausgehungert erreichten.

Fotografen wurden auf der Suche nach dem besten Schnappschuss überfahren, unachtsame Kinder rannten in den Dörfern Afrikas und Südamerikas im falschen Moment über die Strasse. Die Rallye Dakar ist nicht nur die grösste Herausforderung für den Fahrer, sie kann auch zur grossen Gefahr für den Zuschauer werden. Verschmutzte Umwelt, verschollene Fahrer, überfahrene Kinder: Für die Organisatoren war es dieses Jahr wohl so schwierig wie noch nie, einen neuen Austragungsort zu finden. Argentinien und Bolivien sprangen kurzfristig ab. Peru sagte nach langem Hin und Her zu, wenn auch mit einigen Bedenken. Zum ersten Mal in der Geschichte findet das Langstreckenrennen nur in einem Land statt, die Strecke ist mit 5600 Kilometern so kurz wie nie zuvor.

Gegen die Langeweile

Es gibt darum nicht wenige Experten und Journalisten, die davon ausgehen, dass diese Dakar nun wirklich die letzte sein könnte. Auf der anderen Seite hingegen stehen die Motorversessenen, die in diesen Tagen gegen Höllentemperaturen und den endlosen Sand ankämpfen und sich ein Leben ohne die Gefahr am Lenkrad nicht vorstellen können. Thierry Sabine, der Gründer des Rennens, pflegte zu sagen: «Wenn das Leben langweilig wird, riskiere es.»

1986 starb Thierry Sabine mit 36 Jahren – bei der Rallye Dakar.

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