Totale Sicherheit gibt es bei 300 km/h nie

Der Tod von Formel-2-Pilot Anthoine Hubert rüttelt die Szene durch. Die Physik war stärker als der Schutz.

Bild für die Ewigkeit: Die Erinnerungstafel für Anthoine Hubert.

Bild für die Ewigkeit: Die Erinnerungstafel für Anthoine Hubert.

(Bild: Keystone)

René Hauri@tagesanzeiger

In der Trauer sprechen Hilflosigkeit und Ohnmacht. Anthoine Hubert, 22, Renault-Junior, Grosstalent, liess am Samstag auf der Strecke von Spa-Francorchamps bei einem fürchterlichen Unfall im Hauptrennen der Formel 2 sein Leben. Die Welt des Motorsports reagiert mit Fassungslosigkeit. «Ich kann es nicht glauben», sagt Ferrari-Pilot Charles Leclerc.

Die Fahrer wissen um das Risiko, wenn sie ins Cockpit steigen. Sagen sie. Der Tod aber könnte in ihren Gedanken weiter weg nicht sein. Einerseits hat das mit Selbstschutz zu tun. Denkt ein Pilot beim Besteigen des Autos an das drohende Risiko, steigt er besser nicht ein. Zum anderen hat es einen positiven Grund: Es zeigt, wie sehr sich der Motorsport in den letzten Jahrzehnten bewegt hat.

Längst werden tödliche Unfälle nicht mehr akzeptiert als Teil des Ganzen. Es sind extrem seltene Schockmomente, die entsprechende Fassungslosigkeit auslösen. Eine Zahl aus Belgien untermauert das. Auf der Piste in den Ardennen sind in den letzten 90 Jahren 25 Autorennfahrer ums Leben gekommen. 22 davon bis 1994. Huberts tödlicher Unfall war der dritte in den letzten 25 Jahren, die anderen zwei ereigneten sich bei Rennen mit historischen Fahrzeugen, die nicht im entferntesten heutige Sicherheitsstandards erfüllen.

Mit 200 km/h in die Mauer – unverletzt

Die Boliden, mit denen in der Formel 1 und den Nachwuchsklassen Formel 2 und Formel 3 gefahren wird, sind derart sicher, dass Fahrer selbst dann oftmals unverletzt aussteigen, wenn sie mit über 200 km/h in eine Mauer prallen. Als Robert Kubica 2007 in Kanada mit seinem BMW-Sauber bei Tempo 230 in die Mauer knallte, das Auto quer über die Strecke flog, sich überschlug und komplett demoliert auf der Seite liegend zum Stillstand kam, hatte sein Körper die 28-fache Erdbeschleunigung auszuhalten. Oder: Der Pole wog in dem Moment statt 73 kg 2 Tonnen. Kubica zog sich Prellungen, eine leichte Gehirnerschütterung und eine Fussverstauchung zu. In einem älteren Rennwagen hätte seine Überlebenschance gegen Null tendiert.

Nach den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna 1994 in Imola machte sich der Automobilweltverband FIA daran, der Sicherheit höheren Stellenwert einzuräumen. Seither gab es mit Jules Bianchi 2014 in Japan noch einen Todesfall in der Formel 1. Die Strecken wurden ausgebaut, die Auslaufzonen vergrössert, vor allem aber haben sich die Rennwagen entwickelt.

«Eine brutale Erinnerung»

Kernstück: das Monocoque. In diesem befinden sich die sogenannte Überlebenszelle und das Cockpit. Für ein Monocoque werden rund 30 Quadratmeter Carbonfasermatten verarbeitet. Die Überlebenszelle ist durch eine Schicht aus Carbon und der synthetischen Faser Zylon geschützt, aus der kugelsichere Westen hergestellt werden. Bei Huberts fatalem Unfall kurz nach der Hochgeschwindigkeitskurve Eau Rouge blieb die Überlebenszelle ganz, der Rest des Autos lag in Stücken auf der Strecke. Für einmal reichte der Schutz nicht, die Erschütterung war zu stark.

Der Franzose war bei über 200 km/h in die Reifenstapel gedonnert. Als er zurückrutschte, wurde sein Wagen seitlich mit voller Wucht vom Auto Juan-Manuel Correas erfasst und in Einzelteile gerissen. Der 20-jährige Junior des Schweizer Sauber-Teams schlitterte mit seinem Auto kopfüber über den Asphalt. Der Sicherheitsbügel Halo, gegen den Widerstand einiger Exponenten 2018 in der Formel 1 und den beiden Nachwuchsserien eingeführt, sprühte dabei Funken und verhinderte Schlimmeres. Correa erlitt Verletzungen an beiden Beinen und an der Wirbelsäule. Er wurde operiert und befindet sich in stabilem Zustand, wie das Team mitteilte. Für Hubert dagegen kam jede Hilfe zu spät.

Es ist löblich, wenn Ferrari-Teamchef Mattia Binotto sagt: «Was passiert ist, ist eine brutale Erinnerung daran, wie gefährlich dieser Sport noch immer ist. Das ist auch der Grund, warum wir weiterhin unermüdlich an der Erhöhung der Sicherheit arbeiten müssen.» Der Rennsport muss sich auch dort weiterentwickeln. Doch es wird gefährlich bleiben, mit teils über 300 km/h in einem Feld mit anderen Fahrern um Positionen zu kämpfen. Immer. Gegen die Gesetze der Physik ist auch das sicherste Auto manchmal machtlos.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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