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«Der asiatische Schnellzug nimmt Fahrt auf»

Der Schweizer Missionschef Ralph Stöckli zeigte sich hocherfreut über das Abschneiden in Südkorea – und blickt mahnend voraus.

Mit Ralph Stöckli sprach Simon Graf
«Wir stehen vor grossen Herausforderungen»: Ralph Stöckli sieht die Medaillen von Pyeongchang als Ansporn, nicht als Ruhekissen.
«Wir stehen vor grossen Herausforderungen»: Ralph Stöckli sieht die Medaillen von Pyeongchang als Ansporn, nicht als Ruhekissen.
Keystone

Wie blicken Sie zurück auf diese Olympischen Spiele?

Dem Schweizer Sport könnte es nicht besser gehen, also mir als Chef de ­Mission auch nicht. Was mich nebst ­allen Erfolgen freute: wie gut es unseren Athleten gelang, eine positive Atmosphäre zu kreieren. Nicht alle ­erreichten ihre Ziele. Doch eine positive Einstellung ist die ­Voraussetzung dafür, es zu schaffen. Und als die elf Medaillen ­näher rückten, die ich als Vorgabe ausgegeben hatte, trieb dies das Team noch zusätzlich an. Man hörte Athleten sagen: «Jetzt noch eine! Die holen wir noch!» Jeder war stolz, seinen Beitrag zu leisten.

Gibt es eine Medaille, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Es gab viele schöne Geschichten. Mich persönlich berührte jene von Ramon Zenhäusern besonders. Ich weiss noch, wie ich vor vielen Jahren mit ihm zusammensass, es ging um die Nominierung für die Spitzensport-RS. Er war ein bisschen ein Träumer. Und wir fragten uns: Hat er wirklich das Potenzial? Wenn ich sehe, wo er heute steht, da haben viele Zahnräder ineinandergegriffen. Und dass er dann am Tag X im Slalom und auch im Team-Event eine solch starke Leistung abrief, ist unglaublich. Fasziniert bin ich auch von Nevin Galmarini, der nach dem Silber von Sotschi vier Jahre auf Pyeongchang hinarbeitete und nun ­souverän Gold gewann. Hut ab!

Sie hatten auch kritische Momente als Missionschef. Die Schweizer waren ja die Einzigen, die vom Norovirus erwischt wurden. Hatten Sie zeitweise Angst, dass das ganze Team krank würde?

Wir waren nicht die einzigen. Wir ­waren einfach die einzigen, die offen kommunizierten. Weil wir das Gefühl hatten, es helfe unserem gesamten Team, darauf hinzuweisen, dass man aufpassen müsse. Aber auch andere Nationen hatten dieses Problem, sie sagten es einfach nicht.

Wer?

Bei den Österreichern etwa weiss ich, dass sie Fälle des Norovirus hatten. Klar, wir waren gefordert mit dem ­Medical- Team, mussten schnell handeln. Dass gleich das ganze Team angesteckt würde, mussten wir aber nicht ­befürchten. Unsere Athleten waren ja auf viele Aussenstationen verteilt. Aber in Bokwang mussten wir sehr sensibel mit diesem Thema umgehen.

Wie reagierten Sie, als Sie das Rolltreppenvideo von Freestyle-­Skifahrer Fabian Bösch sahen?

Wie viele andere auch: Ich musste laut lachen. Das passt einfach zu diesen Jungs. Bei denen muss immer etwas ­laufen. Und dass sich ein solches Video viral verbreitet, gehört zu ihrem Lifestyle. Als Chef de Mission musste ich ab und zu beide Augen zudrücken. ­Trotzdem fand ich den Ansatz der ­Freestyler bereichernd. Dieser Spass, diese Freude, überhaupt am Wettkampf dabei zu sein. Und dass es bei den ­beiden Slopestyle-Athletinnen dann auch noch aufgegangen ist, war dann umso schöner.

Mussten Sie auch einmal eingreifen, weil es zu bunt zu und her ging?

Nein, die sind gut geführt. Sie haben schon ein Gespür dafür entwickelt, was geht und was nicht.

Was sagen Sie zum Eishockeyteam der Männer, das auf der ganzen Linie enttäuschte?

Sie hatten sich das Turnier ganz anders ­vorgestellt. Das sagte Patrick Fischer ja auch klipp und klar. Und die Spieler ­wissen ja selber am besten, dass dies kein guter Auftritt war. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Sie versuchten ihr ­Bestes. Aber natürlich ist es brutal, wenn man sieht, was die Deutschen erreicht haben. Das zeigt, dass es nicht falsch war, dass Fischer von einer ­Medaille träumte.

Viele junge Schweizer Athleten holten Medaillen. Ein gutes Zeichen für Peking 2022?

Eine gute Grundlage, ja, aber kein ­Garant. Es ist wichtig, dass man in ­Zeiten des Erfolgs kritisch bleibt und schon wieder nach vorne schaut. Das ist meine Aufgabe. Unser Abschneiden in Pyeongchang ist das Abbild unserer ­tollen ­Wintersportsaison. Aber wir ­stehen vor grossen Herausforderungen.

Inwiefern?

Es drängen immer mehr Nationen in den Wintersport. Und die haben auch den Anspruch, Erfolge zu feiern, gehen sehr spezifisch auf gewisse Sportarten los, bei denen sie Möglichkeiten sehen. Der ­asiatische Schnellzug in der Sportförderung hat Fahrt aufgenommen. Das ­spürten wir schon hier. Die Koreaner holten Medaillen in Bereichen, in denen sie, anders als im Shorttrack, keine ­Tradition hatten. Die Chinesen werden uns in Peking noch alle überraschen. Die geben Vollgas. Im alpinen Bereich mache ich mir nicht unbedingt Sorgen. Aber in anderen Sport­arten wird es unglaublich schwierig sein, den Anschluss an die Weltspitze zu ­halten. Zudem sind wir in einigen Sportarten, in denen es viele ­Medaillen gibt, schlecht vertreten.

Wie im Eisschnelllauf, für den es in der Schweiz nicht einmal eine Bahn hat. Wäre es nicht eine Idee, eine zu bauen?

Ein Stadion zu bauen für den Eisschnelllauf, wäre der falsche Ansatz. Es gibt viele ­Anlagen in unmittelbarer Nähe – in Deutschland, Holland. Da könnte man mit einem viel geringeren Aufwand viel mehr herausholen. Aber mich fasziniert die Geschichte von Livio Wenger, der ein Inliner ist und nun auch im Eisschnelllauf antritt. Ich bin sehr interessiert am Transfer zwischen den Sportarten. Wir haben ein grosses Projekt initiiert im Hinblick auf die Jugendspiele 2020 in Lausanne, wo wir in allen Sportarten vertreten sein wollen. Wenn ein junger Athlet in seiner angestammten Sportart die ­Selektion nicht mehr schafft, schaut man, ob bei ihm der Wille da ist, zu einer anderen Sportart zu wechseln. Viele Länder machen das vor. Da komme ich wieder auf die Asiaten zu sprechen. Im Freestyle gibt es viele ­Athleten mit einer Kunstturnvergangenheit.

Wie haben Sie die Spiele in Pyeongchang aus organisatorischer ­Perspektive erlebt?

Es war für uns eine herausfordernde Mission. Wir vom Führungsteam gehen mit ein paar Sorgenfalten mehr und ein paar Haaren weniger nach Hause. Aber mit einem Lächeln im Gesicht. Denn die Südkoreaner waren sehr herzlich. Es klappte nicht immer alles. Aber sie haben stets nach schnellen Lösungen ­gesucht.

Was klappte nicht?

Was die Wettkampfstätten betraf, lief ­alles einwandfrei. Aber bei Transport und Logistik gab es viele Herausfor­derungen. Das raubte uns viel Energie.

Wie haben Sie die Stimmung an den Wettkämpfen erlebt?

Ich war ein bisschen überrascht von der negativen Berichterstattung. Ich erlebte es oft anders. In den letzten Tagen ­bekam ich mehrmals Hühnerhaut. Ich war beim Parallel-Riesenslalom im Snowboard, als der Koreaner im Final Galmarini forderte. Beim Eisschnelllauf oder beim Ski-Team-Event. Da herrschte überall eine tolle Stimmung. Klar, half ­jeweils die koreanische Beteiligung an den Wettkämpfen. Aber das ist wahrscheinlich die Realität in einem Land, das keine Wintersporttradition hat.

Was erhoffen Sie sich von diesen Olympischen Spielen für die Kandidatur Sion 2026?

Ich hoffe schon, dass das Feuer etwas entfacht wurde. Wir können als Wintersportland nicht nur immer Gast sein. Wir müssen auch wieder einmal Gast­geber sein. Und dass wir die Kompetenzen haben, einen solchen Anlass durchzuführen, dem widerspricht niemand.

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