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«Ich bin unheimlich stolz auf uns»

Bei den Deutschen fliessen nach dem verloren Drama gegen die Russen zuerst die Tränen. Danach kommt Stolz und Freude über die erbrachte Leistung auf.

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Die Entscheidung: Die Sbornaja erzielt den entscheidenden Treffer in der Overtime. (Video: SRF/Tamedia)

Das «Miracle on Ice II» (nach dem Sieg der amerikanischen College-Spieler 1980 über die Sowjetunion, der verfilmt wurde) schien da. Die Deutschen gingen im olympischen Final gegen Russland in der 57. Minute erstmals in Führung (57.). 131 Sekunden vor Schluss musste ein Russe für zwei Minuten auf die Strafbank. In Unterzahl und ohne Goalie schafften die Russen aber 55,5 Sekunden vor Schluss doch noch den Ausgleich.

Grenzenloser Jubel: Die Russen schlagen die Deutschen in der Verlängerung und sind Olympiasieger.
Grenzenloser Jubel: Die Russen schlagen die Deutschen in der Verlängerung und sind Olympiasieger.
Harry How/Getty Images
Aber nur wenig später kommt Stolz und Freude auf. Daryl Boyle, Christian Ehrhoff,  Brooks Macek, Marcus Kink, Matthias Plachta (v. l.) und ihre Teamkollegen haben Geschichte geschrieben.
Aber nur wenig später kommt Stolz und Freude auf. Daryl Boyle, Christian Ehrhoff, Brooks Macek, Marcus Kink, Matthias Plachta (v. l.) und ihre Teamkollegen haben Geschichte geschrieben.
Harry How/Getty Images, Keystone
Die Entscheidung: Kirill Kaprissow (nicht im Bild) schiesst in Überzahl das 4:3 in der Verlängerung.
Die Entscheidung: Kirill Kaprissow (nicht im Bild) schiesst in Überzahl das 4:3 in der Verlängerung.
Kirill Kudryavtsev, AFP
Verrückte Schlussphase: In der 54. Minute trifft Nikita Gusew zur 2:1-Führung.
Verrückte Schlussphase: In der 54. Minute trifft Nikita Gusew zur 2:1-Führung.
Jung Yeon-Je, AFP
Die Führung hält aber nur gerade 10 Sekunden, dann gleicht Dominik Kahun (Nummer 72) bereits wieder aus.
Die Führung hält aber nur gerade 10 Sekunden, dann gleicht Dominik Kahun (Nummer 72) bereits wieder aus.
Jae C. Hong
Drei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit schiesst Jonas Müller gar noch den Führungstreffer für die Deutschen.
Drei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit schiesst Jonas Müller gar noch den Führungstreffer für die Deutschen.
Alexander Hassenstein/Getty Images
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Der 25-jährige Nikita Gussew, Flügelstürmer von SKA St. Petersburg und überragender Akteur des Eishockeyturniers, leitete mit dem Ausgleichstreffer die späte Wende ein. Gussew hatte schon an der letzten WM als Topskorer geglänzt; in der KHL gelangen ihm diese Saison in 53 Partien 22 Tore und 40 Assists. Gegen die Deutschen erzielte er zwei Goals und zwei Assists. Das 4:3 durch Kaprissow erzielten die zuvor angezählt wirkenden Russen in Überzahl.

Die Rolle der Heads

Kurz zu reden gaben die Referees. Im zweiten Abschnitt nahmen die Schiedsrichter einen ausgesprochenen Doppelausschluss gegen das Team OAR zurück. Und der hohe Stock von Patrick Reimer, der dem 4:3 für die Olympier aus Russland vorausgegangen war, wurde von Pawel Dazjuk selber ans Gesicht gelenkt.

«Aber nein», stellte der Zuger Danny Kurmann klar. «Die Schiedsrichter haben alles richtig entschieden. Die Vierminutenstrafe wurde zurückgenommen, weil ein Linienrichter sah, dass der Deutsche von einem eigenen Stock getroffen wurde. Auch die letzte Strafe war korrekt: Reimer ist für seinen Stock verantwortlich.» Kurmann ist Schiedsrichterchef in spe beim internationalen Verband IIHF.

Das Triple für den Routinier

Und so jubelten am Ende doch die Russen. Die russische Delegation, die eigentlich keine russische Delegation sein durfte, freute sich über die zweite Goldmedaille in Pyeongchang. Die erste hatte am Freitag die 15-jährige Eiskunstläuferin Alina Sagitowa gewonnen. Die Fans und die Hockey-Stars sangen lautstark die russische Hymne, die nicht abgespielt werden durfte. So waren die Russen am Ende zufrieden mit den Spielen, an denen sie eigentlich gar nicht dabei waren. Zumal sie die für sie wichtigste Goldmedaille, jene im Eishockey, gewonnen haben.

Der 39-jährige Routinier und Captain Pawel Datzjuk zeigte sich trotz der grossen Freude über Gold im Interview mit dem SRF erstaunlich gefasst. Der Stürmer der Sbornaja zollte dem Gegner grossen Respekt. «Die Deutschen haben sehr gut gespielt und grossartig gekämpft, vor allem in der Defensive. Sie sind aber auch offensiv immer gefährlich gewesen. Es war ein hart erkämpfter Sieg.» Dass es ihm nun nach WM-Titel und Stanley Cup (zweimal) nun zu Gold an Olympia, also zum Triple, gereicht hat, lockte ihm ein Lächeln hervor. «Ein alter Traum hat sich heute erfüllt.»

«Mission Gold»

Stolz sind aber auch die Verlierer, wenn sie die Enttäuschung über die fahrlässig verspielte Goldmedaille (Ausgleich mit einem Mann mehr auf dem Eis kassiert) überwunden haben. Auf dem Eis flossen bittere Tränen. Nur Coach Marco Sturm sah das Unheil kommen. «Mein erster Gedanke, als wir die letzten zwei Minuten in Überzahl spielen konnten: 'Oh nein!' Denn ich habe genau das, was uns passiert ist, auch als Spieler schon erlebt.»

Sturms Befürchtungen wurden wahr. Und Verteidiger Jonas Müller, der 196 Sekunden vor Schluss mit dem Treffer zum 3:2 die Tür zu Gold weit geöffnet hatte, wurde der Helden-Rolle beraubt. Müller war es auch gewesen, der vor dem Final ein Team-Geheimnis ausgeplaudert hatte: Die «WhatsApp-Gruppe» des deutschen Teams lief unter dem Titel «Mission Gold»!

Dennoch Silber gewonnen

Fast-Held Müller war nach dem Final einer der ersten, der sich freuen konnte: «Unglaublich, dass wir jetzt Silber gewonnen haben und dennoch das Gefühl nicht los werden, dass Gold für uns bereit gelegen wäre. Wir waren verrückt genug, vom dem Turnier als Gruppe von Gold zu träumen. Vielleicht war es dieser Mut und dieser Grössenwahn, der uns so weit getragen hat.»

Der starke Verteidiger Christian Ehrhoff meinte gegenüber SRF: «Einerseits haben wir Silber gewonnen, andrerseits sind wir knapp an Gold dran gewesen. Aber wir haben hier ein augezeichnetes Turnier gespielt. Ich bin unheimlich stolz auf uns.» Bereits zehn Minuten nach dem Sudden Death konnte Stürmer Dominik Kahun guten Gewissens vor der Kamera erklären: «Ich fühle mich super. Die Enttäuschung über die knappe Niederlage ist weg. Wir haben hier Geschichte geschrieben. Wer hätte gedacht, dass wir ins Finale kommen und die Russen im Kampf um Gold so fordern würden?» Wo er recht hat, hat er recht.

Der Vergleich mit der Schweiz

Eine Frage bleibt aus Schweizer Sicht: Hätten die Schweizer wie die Deutschen auch soweit kommen können? Antwort: Im Prinzip ja, denn die DEL gilt als die schwächere Liga als die National League, den Deutschen stand weniger Vorbereitung zur Verfügung als der Schweiz, in Deutschland wurden bis Februar noch mehr Runden gespielt als in der Schweiz, und die Reiserei ist in der DEL stressiger als bei uns. Aber: Die Deutschen können Powerplay und Boxplay spielen, sie kämpfen, sie gewinnen Zweikämpfe, und vor allem adaptierten sie eine Spielweise, die zu den Fähigkeiten der Spieler passt und an das erfolgreiche Schweizer System unter Ralph Krueger (1997 bis 2010) erinnerte.

So wie die Schweizer derzeit unter Patrick Fischer spielen wollen, nämlich mit spielerischen und läuferischen Qualitäten den Gegner ausspielen, so stehen die Aussichten auf ein baldiges Schweizer «Miracle on Ice» eher nicht gut.

(SDA)

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