Laras Weg

In Lara Guts Karriere lief wenig wie üblich. Jetzt steht wieder der Sport im Vordergrund.

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Es wäre eigentlich ziemlich einfach. Ein Berg, Schnee, zwei Bretter unter den Füssen und nur diese eine Frage: Wer ist am schnellsten unten? Kein Motor, nur der eigene Körper, der die Kräfte aushalten, die Unterlage spüren muss. Skifahren, nur Skifahren. Zwei Minuten zwischen blauen und roten Toren, Athlet und Piste. Alles andere: weit weg. Zwei Minuten, und plötzlich macht alles Sinn. All das Schuften im Kraftraum den Sommer hindurch; die Trockenübungen in der Halle; die Reisen nach Chile, nach Argentinien, wo der ewige Schnee in guter Qualität liegt; das Tüfteln am Material; die Momente, in denen die Frage aufkommt: Wofür tue ich das eigentlich? Zwei Minuten auf der Piste, und die Frage ist beantwortet. Dafür tun es die Skirennfahrer.

Dafür tut es Lara Gut, die Schweizer Ausnahmeerscheinung – auf und neben der Strecke. Für dieses Gefühl des Schwebens, in dem sie nicht überlegen muss, in dem alles wie von allein geht, die Füsse das tun, was sie tun sollen, weil sie in den Tausenden von Stunden auf Schnee darauf getrimmt wurden. Es wäre ziemlich einfach, eigentlich.

Lara Gut und Wendy Holdener im Interview:

Skirennfahrern wird in den Alpenländern eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Lara Gut stammt aus ­Sorengo, Tessin. Schweiz, Alpenland. Und sie landet erst noch mit einem Knall auf der grossen Bühne des Skisports, als 16-Jährige, mit einem Sturz kurz vor der Ziel­linie von St. Moritz, einem Schlitterer über die Ziellinie, mit Rang 3 in ihrer ­allerersten Weltcupabfahrt. Der Schnee klebt an ihren Wangen, als sie noch unbeschwert ins Publikum winkt und dieses für sich begeistert.

Deutsch, ihre dritte Sprache

In diesem Moment wird sie hinein­katapultiert in eine für sie fremde Welt. Plötzlich sind Kameras auf sie gerichtet, werden ihr Mikrofone entgegen­gestreckt, muss sie Auskunft darüber ­geben, wie ihre Fahrt war, muss sie an anderen Tagen erklären, wieso sie nicht gut war. Auf Italienisch, Französisch, der Sprache ihrer Kindheit, der Sprache ihrer Mutter – und auf Deutsch, ihrer dritten Sprache, wie sie sie nennt.

Auf einmal liest sie über sich in der Zeitung. Viel Gutes. Manch Reisserisches. Oft fühlt sie sich missverstanden. Gut führt auf Italienisch und Französisch die feinere sprachliche Klinge. «Auf Deutsch kam ich oft hart rüber. Dabei habe ich das gar nicht so gemeint», sagt sie. Es ist Pyeongchang 2018, zehn Jahre nach dem Coup im Engadin. Lara Gut ist Hoffnungsträgerin des Schweizer Teams an den Olympischen Spielen, vor allem im Super-G in der Nacht auf morgen. Sie hat ihren eigenen Medientermin im House of Switzerland, der Raum ist eng, mit Holz getäfelt, Journalisten sitzen auf Stühlen, Kameramänner stehen hinter ihren Geräten. Zehn Minuten, heisst es von ihrer persönlichen Mediensprecherin, dauert die Fragerunde. Nach 7 Minuten und 40 Sekunden beendet sie diese – genug Fragen gestellt.

Sie wurde ­gesperrt, und die Querelen ­zogen sich hin.

Es gab Zeiten, da sprach Gut mit fast jedem, da rannte sie von einem Termin zum nächsten, versuchte, allen Anfragen gerecht zu werden, von Medien, von Sponsoren. Und verrannte sich. Es brannte sie aus, weil sie nicht eine ist, die Plattitüden von sich geben kann. Sie will tiefgründig sein, und rieb sich auf an den Gesprächen.

Wurde sie zu einem Interview gedrängt, konnte sie auch einsilbig sein, schnippisch wirken – und kam damit nur noch mehr in den Teufelskreis. Es wurde ein Bild von ihr transportiert, das sie nicht wollte, in dem sie sich nicht wiedererkannte. Sie zog ihre Schlüsse. Daher: eine eigene Presseverantwortliche, 7:40 Minuten.

Das Leuchten nach dem Unfall

In den sozialen Medien kann sie sich so präsentieren, wie sie will, ganz ohne Missverständnisse. «Worte», sagt sie, «kann jeder anders interpretieren. Bilder dagegen sind Bilder, sind die Wahrheit.» Also liess sie sich nach ihrem Sieg im ­Gesamtweltcup 2016 auch von einer Kamera begleiten, auf der Piste, bei intimen Momenten, in Augenblicken, in denen sie litt. Von denen gab es viele in der jüngsten Vergangenheit. Das Filmprojekt hätte mit der WM 2017 enden sollen. Es begann dann erst richtig, weil Gut in St. Moritz nicht zur grossen, ­sondern zur tragischen Figur wurde. Das Kreuzband riss im Training zum Kombinationsslalom. Auch das hat die Kamera eingefangen.

Letzte Woche sass Gut auf dem Sofa, sah den Dokumentarfilm «Laras Lauf» zum ersten Mal, sah den Sturz zum ­ersten Mal. «Es war schwierig, das an­zuschauen. Es tat weh. Ich sah, wie schlecht es mir ging.» Ihr Freund sass daneben auf dem Sofa. Nur einen Satz habe er gesagt, sagt Gut, «nach dem ­Unfall hast du wieder das Leuchten in deinen Augen gehabt».

Es war davor erloschen. Weil sie alles getan hatte für die grosse Kristallkugel, die wichtigste Auszeichnung im Skisport. «Ich rannte und rannte und hatte das Gefühl, ich könne nicht mehr atmen», sagte sie dieser Zeitung. Ihr Vater und Trainer Pauli sagt: «Sie hatte tausend Anfragen. Schon während der Saison wurde sie immer auf die Kugel angesprochen, wurde gesagt, sie habe diese ja schon gewonnen. Der Druck war enorm.» Der Körper setzte alldem ein Ende. Auszeit, Ruhe, keinen Termin nahm Lara Gut wahr, ein halbes Jahr lang.

Pauli hat Zeit für die Renovation

Sie scharte ein kleines Team um sich, Physiotherapeut, Konditionstrainer, arbeitete intensiv an ihrer Rückkehr. Sie besuchte Freunde und zog von zu Hause aus, nach Paradiso am Luganersee.

Plötzlich war sie weg, getrennt vom Vater, distanzmässig. In all dem Anrennen, im Hamsterrad der Skiwelt habe sie ihn verloren gehabt, so sagt das Gut. «Nun habe ich meinen Dad wieder.» Die Pause tat allen gut. Pauli Gut liess das Haus renovieren, die mittlere der drei Etagen sei praktisch neu. «Ich hätte es sowieso gemacht, nun hatte ich wegen Laras Verletzung mehr Zeit.» Am Esstisch hatte sich vieles um den Sport ­gedreht, schon immer, seit Lara ein Kind war. Jetzt ist das etwas anders, ist es ­etwas ruhiger im Hause Gut.

Vater und Tochter, es ist ein Gespann, das seinen eigenen Weg ging – und unweigerlich aneckte. «Wir wollten immer unser Programm machen und selber trainieren. So radikal wie wir hatte das wohl noch niemand durchgezogen», sagt Pauli Gut.

Plötzlich liest sie über sich in der Zeitung. Gutes. Reisserisches.

Mit dem regionalen Skiclub kam es zum Zerwürfnis, dann mit dem Tessiner Verband. Pauli Gut gründete mit einem anderen Vater den Club Sporting Got­tardo, in dem er Präsident war, seine Frau Gabriella Sekretärin. 1999 war das, Lara achtjährig, ihr Bruder Ian vier. Auch er ein Talent, heute fährt er im ­C-Kader. Dass vor allem Lara aber das ganz grosse Potenzial hat, wurde früh offensichtlich. Sie schlug bei Kinderrennen deutlich ältere Skifahrerinnen. Und spätestens in dem Augenblick im Frühjahr 2008, als Gut mit reichlich Schnee im Gesicht ins Publikum von St. Moritz winkte, war klar: Sie ist auch gemacht für die grosse Bühne.

Die Guts waren bestärkt in ihrem Weg, Vater Pauli gab seine Stelle als Berufsschullehrer auf. Ein gewisses Risiko sei das gewesen, «aber die Resultate von Lara waren ja da, europaweit», sagt er. Sie kamen auch im Weltcup. In der ­Saison nach ihrem Coup stand Lara Gut in St. Moritz zuoberst. Bis heute ist das ihr Kraftort, sagt sie selbst. Schliesslich hatte ja auch die Verletzung ihr Gutes.

Flatscher, der Brückenbauer

Das Team Gut zog sein teils egoistisches Ding durch, bis es auch mit dem Schweizer Verband zum Eklat kam. Weil Lara Gut gegen Kleidervorschriften mit entsprechenden Sponsorenlogos verstossen und sich gegenüber Cheftrainer Mauro Pini – einst ihr Privatcoach – und dem Verband respektlos benommen habe, wurde sie 2010 von Swiss-Ski für zwei Rennen gesperrt. Die Querelen ­zogen sich hin.

Es ist eine Angelegenheit, über die kein Beteiligter gerne spricht. Lara Gut sagt: «Es gibt schon genug Gegnerinnen in anderen Teams. Wenn man dann noch mit dem eigenen Verband kämpfen muss, statt sich gegenseitig zu unterstützen, verliert man nur Energie.» Pauli Gut sagt: «Das hat an unseren Kräften gezehrt. Aber wichtig ist, dass man einen Weg sieht und diesen auch geht.»

Im Hamsterrad der Skiwelt hat sie ihren Vater verloren.

Es brauchte eine Person, die eine Brücke schlug zwischen den beiden ­Lagern. Hans Flatscher, der 2012 Pini als Cheftrainer ablöste, vermittelte. «Ich musste es so büscheln, dass es für alle ­einigermassen stimmte», sagt er. «Es dauerte eine Weile, bis alle verstanden hatten, dass es am Ende ums Wohl der Fahrerinnen geht. Dass man sie unterstützen sollte, nicht schikanieren und blockieren. Egal welchen Weg sie gehen: Sie fahren für die Schweiz.»

Seit 2014 hat Pauli Gut ein Trainermandat bei Swiss-Ski, seine Tochter ist so weit ins Team integriert, wie es eben geht bei einer Allrounderin, mit einer Athletin, die genau weiss, was sie will, was sie braucht, die gewohnt ist, dass alles auf ihre Bedürfnisse aus­gerichtet ist. Als sie ankam im Team, als 16-Jährige, konnte das noch nicht gut ­gehen. Sämtliche Schweizerinnen waren deutlich ­älter als sie, entsprechend kritisch wurden sie und ihr eigener Weg beäugt.

Nun ist sie die Vorzeigeathletin, nun sind die anderen die Jungen. Lara Gut kann in erster Linie wieder das tun, was sie eigentlich immer nur tun wollte: Ski fahren, nur Ski fahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2018, 23:40 Uhr

Das Rennen

Ohne Shiffrin

Kein Training, nur Besichtigung und viel Renninstinkt: Der Super-G liegt Lara Gut. So sehr, dass sie in ihrem Comebackwinter bereits zum Auftakt in Lake Louise als Zweite wieder auf dem Podest stand. Vor den Spielen gewann sie in Cortina d’Ampezzo in ihrer Paradedisziplin. ­Deshalb gehört sie an Olympia zu den Favoritinnen. Eine der grössten Herausforderinnen dürfte die Liechtensteinerin Tina Weirather sein, die in drei von sechs Super-G auf dem Podest stand. Nichts zu befürchten hat Gut von Mikaela Shiffrin. Die Riesenslalom-Olympiasiegerin verzichtet wegen des von Verschiebungen geprägten und nun dichten Programms auf den Start. (rha)

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