Fast alle verlieren

Das Verfahren gegen Chris Froome wurde eingestellt. Sein Fall offenbart auch die Limiten des Anti-Doping-Kampfs.

Vorhang auf für den nächsten grossen Sieg? Chris Froome darf Radrennfahrer bleiben.

Vorhang auf für den nächsten grossen Sieg? Chris Froome darf Radrennfahrer bleiben. Bild: Christophe Ena/Keystone

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Der Anti-Doping-Kampf ist eine klare Sache. Athleten werden getestet, ihre Proben untersucht und für «negativ» oder «positiv» erklärt. Es ist diese Klarheit, die man im Fall von Chris Froome vermisste, sogar Tour-Chef Christian Prudhomme. Der Radstar gab im September an der von ihm gewonnenen Vuelta eine sogenannt abnormale Probe ab. «Eine abnormale Probe, das sagt der breiten Öffentlichkeit nichts. Es muss schwarz oder weiss sein, positiv oder negativ», sagte Prudhomme kürzlich, als das Verdikt noch immer ausstehend war.

Gemäss der Einteilung des Tour-Chefs ist Froome seit gestern offiziell «weiss»: Der Radweltverband UCI informierte am Mittag über die Einstellung des Verfahrens gegen den Briten. Damit wurde Prudhommes Taktik obsolet: Er hatte das nationale Sport­gericht mit der Frage bemüht, ob er Froome den Tour-Start verbieten dürfe.

10 Millionen Euro kostete Froomes Verteidigung

Froome hatte auf dem Weg zum Vuelta-Sieg nach der 18. Etappe eine abnormale Probe abgeliefert – seine anderen 20 Proben waren negativ ausgefallen. Es handelte sich um das Asthmamittel Salbutamol, das er seit je einnimmt. Doch dieses gilt als allenfalls leistungssteigernd, weshalb es nur bis zu einem bestimmten Wert erlaubt ist. Froome erhielt das Recht, diese abnormale Probe zu erklären.

Dass er weiter Rennen absolvierte, was rechtens war, sorgte für viel Kritik. Am intensivsten im Mai – als er den Giro d’Italia bestritt, gewann, sich damit zur noch grösseren Radfigur machte.

Loyal verhielt sich das Team Sky zu seinem wichtigsten Angestellten. Laut mehreren Medienberichten investierte es 10 Millionen Euro in Froomes Verteidigung, für Anwälte und Wissenschaftler.

All diese Bestrebungen halfen zweifelsohne seinen Bemühungen. Doch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erklärte gestern das Ende des Verfahrens unter anderem mit dem Fehlen einer brauchbaren Studie.

Die Wada sieht in ihrem Code vor, dass sich der betroffene Athlet nach einer abnormalen Probe mithilfe einer Fallstudie verteidigen kann, die untersucht, wie der Körper eine Arznei aufnimmt und ausscheidet. Doch Froome legte diese nicht vor, sondern strich stattdessen die ausserordentlichen Begleitumstände seiner positiven Probe heraus: An der Vuelta hatte ihm der Teamarzt wegen einer Erkältung geraten, die Salbutamol-Ration innerhalb des erlaubten Rahmens zu erhöhen. Zudem nahm er andere Medikamente ein, sein Körper war dehydriert, und er bestritt täglich Rennen.

Regelwerk ins Absurde geführt

Solche Umstände sind tatsächlich kaum für eine Studie reproduzierbar. Darum kippte die Wada ihre eigenen Anforderungen nach einer solchen Studie. Doch wenn die Wada erklärt, ihr eigenes Reglement sei nicht anwendbar, und auch deshalb das Verfahren einstellt, führt sie das Regelwerk etwas ins Absurde – und zeigt die Limiten im aktuellen Anti-Doping-Kampf auf.

Angesichts des Millionenbetrags, welches das Team in Froomes Verteidigung investierte, kann man zu einem zynischen Schluss gelangen: Wer genug Geld investiert, kann es selbst mit einer positiven Probe aufnehmen, indem er die Unschuld mit einer Unzahl an Studien und Experten zu beweisen versucht. Und konsequenterweise bei einer Sperre das Urteil weiterzieht, was im Fall Froome angesichts der finanziellen Möglichkeiten von Sky für den Radverband (Stichwort: Übernahme der Verfahrenskosten) sehr unangenehme Folgen hätte haben können.

Es wartet ein unangenehmes Publikum auf Froome

Somit startet Chris Froome am Samstag nach sechs Monaten der Vorverurteilung als Titelverteidiger zur Tour de France – als Mann, der versucht, eine vierte Grand Tour in Folge zu gewinnen.

Freut sich die Radwelt darüber? Bedingt. Wer Froome vor diesem Fall für unsauber erachtete, wird seine Meinung nach der Einstellung des Verfahrens kaum ändern. Ob Prudhomme ihn öffentlich je als «weiss» bezeichnen wird? Eher nicht.

Die drei Wochen könnten für Froome schwierig bis unangenehm werden. Nicht wegen der Unzahl an Höhen- und Kilometern, darauf konnte er sich vorbereiten. Sondern wegen der Leute am Strassenrand. Teile des französischen Publikums waren Froome gegenüber schon in der Vergangenheit feindlich gesinnt. Die Gefühle dürften sich zuletzt noch verstärkt haben, nachdem der fünf­fache Sieger und langjährige Tour- Mitarbeiter Bernard Hinault öffentlich gegen Froome Stimmung machte. Bei Start und Ziel steht Froome mittlerweile ein Bodyguard zur Seite. Während des Rennens ist dieser aber machtlos.

Erstellt: 03.07.2018, 06:25 Uhr

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