Radsport fordert doppelt so viele Tote wie Formel 1

Stürze, Kollisionen, Herzversagen: Der Tod von Michael Goolaerts zeigt wieder einmal, wie gefährlich der Radsport ist.

Blumen am Ort der Tragödie: Hier stürzte am Giro 2011 Wouter Weylandt, Teamkollege von Fabian Cancellara, und starb noch an der Unfallstelle.

Blumen am Ort der Tragödie: Hier stürzte am Giro 2011 Wouter Weylandt, Teamkollege von Fabian Cancellara, und starb noch an der Unfallstelle.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3

Beim Radklassiker Paris-Roubaix spielten sich gestern dramatische Szenen ab: Rund 100 Kilometer nach dem Start stürzte der belgische Nachwuchsfahrer Michael Goolaerts in den Strassengraben und blieb bewusstlos liegen. Der 23-Jährige erlitt einen Herzstillstand, entweder vor dem Sturz oder deswegen. Ärzte versuchten noch vor Ort, ihn wiederzubeleben – alles live eingefangen von TV-Kameras, deren Bilder berneroberlaender.ch/Newsnetz aus Pietätsgründen nicht zeigt. Denn Goolaerts verstarb am Abend um 22.40 Uhr im Spital von Lille.

Der Belgier reiht sich in eine lange Liste von Radprofis ein, die während eines Rennens eine Herzattacke erlitten. Vor zwei Jahren ereilte seinen Landsmann Daan Myngheer, auch erst 22-jährig, beim Strassenradrennen Critérium International auf Korsika dasselbe Schicksal. Goolaerts’ Team verkündete gestern, aus Respekt gegenüber den Angehörigen keine weiteren Informationen über den Unfallhergang zu kommunizieren. Schnell tauchten Gerüchte um mögliches Doping auf, wie oft, wenn Herzversagen im Spiel ist.

Das hat auch mit Tom Simpson zu tun, dessen Geschichte als der Sündenfall schlechthin im Radsport gilt. Der Engländer hatte einen Cocktail aus Alkohol und Amphetaminen intus, als er bei der Tour de France 1967 am legendären Berg Mont Ventoux in glühender Hitze dehydriert zusammenbrach. Simpson taucht in jeder Liste von prominenten Todesopfern im Radsport auf.

  • loading indicator

Die Liste zeigt nur einzelne von unzähligen Opfern. Immer wieder hat der Radsport Todesfälle zu beklagen, denn er ist in vielerlei Hinsicht ein gefährlicher Sport. Die Profis riskieren bei rasanten Abfahrten, Sprints oder im engen Fahrerfeld stets, in einen Sturz verwickelt zu werden oder selbst die Kontrolle über ihr Velo zu verlieren. Hinzu kommt die Gefahr einer Kollision mit einem Auto oder Motorrad.

Insbesondere der Unfall von Antoine Demoitié sorgte vor zwei Jahren für Aufruhr in der Branche und fachte die Diskussion um Sicherheitsmängel im Profiradsport an. Der 25-Jährige war beim Klassiker Gent–Wevelgem gestürzt und dann von einem nachfolgenden Begleitmotorrad erfasst worden.

Verschiedene Verantwortliche und Fahrer forderten daraufhin Massnahmen. Der mehrfache Tour-de-France-Etappensieger Marcel Kittel bezeichnete Demoitiés Tod als «neuen Tiefpunkt in der Geschichte von Radsport und Sicherheit». Natürlich würden die Fahrer in diesem Sport ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. «Aber in den letzten Jahren ist es immer offensichtlicher geworden, dass der Radsport ein zunehmendes Sicherheitsproblem hat», schrieb er auf Facebook.

Forderte 2016 strengere Sicherheitsstandards bei Radrennen: Der deutsche Profi Marcel Kittel. (Screenshot: Facebook)

Wie Kittel setzte sich auch Marc Madiot, Manager der französischen Mannschaft FDJ, für striktere Regeln für Motorräder und Autos ein, die den Fahrertross begleiten. Immer wieder kommt es zu Kollisionen, viele gehen glücklicherweise glimpflich aus. Die aktuelle Situation sei nicht akzeptabel, sagte Madiot: «In unserem Sport gibt es mehr Tote als in der Formel 1.»

Tatsächlich sind bei Formel-1-Rennen und -Trainings seit 1953 insgesamt 32 Piloten tödlich verunglückt. In Radrennen waren es seit den 50er-Jahren mindestens 64 Fahrer – doppelt so viele.

Seit dem ersten bekannten Todesfall von Pierre Froget im Jahr 1894 sind mindestens 138 Fahrer bei Radrennen ums Leben gekommen, die tödlichen Unfälle während des Trainings nicht einmal eingerechnet.

Dabei schien der Radsport ab den 50er-Jahren immer sicherer zu werden. Die Zahl der Opfer ging zurück und pendelte sich bei unter zehn ein. Doch seit der Jahrtausendwende häufen sich die Unfälle wieder. In den letzten 18 Jahren starben 28 Fahrer im Rennen, allein fünf davon erwiesenermassen aufgrund eines Herzstillstands.

Einer davon war Michael Goolaerts. Als er gestern regungslos mit ausgestreckten Armen am Strassenrand lag, rauschte das Peloton einfach an ihm vorbei. Einige Fahrer schauten verwundert, andere schenkten ihm nicht einmal Beachtung. Ein alltäglicher Sturz, werden sie sich gedacht haben. Was mit Goolaerts wirklich los war, erfuhren sie erst im Ziel. Das Rennen wurde nicht abgebrochen, die Show musste weitergehen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt