«Vielleicht hatte er einen grippalen Infekt»

Michael Goolaerts stirbt während Paris–Roubaix. Ein Experte spricht über mögliche Gründe und Risikogruppen eines Herzinfarkts.

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Der plötzliche Tod von Michael Goolaerts erschüttert den Radsport. Der 23-Jährige erlitt während Paris–Roubaix einen Herzstillstand – der genaue Hergang der Tragödie ist allerdings noch unklar. Dr. Beat Villiger, unter anderem verantwortlicher Arzt der Eishockey-Weltmeisterschaften und 2014 medizinischer Direktor der Leichtathletik-EM in Zürich, äussert sich dazu im Interview.

Dr. Beat Villiger, was sind mögliche Gründe für einen Herzstillstand während des Rennens?
Am wahrscheinlichsten in diesem Alter ein angeborener Herzfehler, vor allem eine Herzmuskelstörung, die sogenannte Kardiomyopathie, oder, im Rahmen der bestehenden Grippewelle, ein viraler Infekt. Die Herzfehler können relativ einfach mit einer EKG-Untersuchung und, da vererbbar, mit einem Blick auf den Familienstammbaum diagnostiziert werden. In selteneren Fällen kann auch eine Fehlanlage oder ein Verschluss der Herzkranzgefässe, die das Herz mit Sauerstoff versorgen, der Grund sein. Diese Krankheit tritt aber im Normfalfall erst ab 35 Jahren ein.

Fallen diese Erkrankungen bei Routinetests nicht auf? Schliesslich ist davon auszugehen, dass solche Profiteams regelmässige Kontrollen durchführen.
Ich weiss nicht, wie häufig das Veloteam von Michael Goolaerts Gesundheitschecks macht. Und bei einem grippalen Infekt könnte es auch sein, dass es der Fahrer verschwiegen hat, um an der Rundfahrt teilnehmen zu können. Aber sonst kann man die Gefährdung durch Herzfehler zu 90 Prozent herausfinden – ein 10-prozentiges Restrisiko besteht immer. Ausserdem können sich Fehlbildungen im Herzen entwickeln, weshalb unbedingt jährlich getestet werden muss.

Welche Sportler setzen sich einem erhöhten Risiko aus?
Risikosportarten für den plötzlichen Herztod sind sämtliche Ausdauersportarten im Extrembereich, wie beispielsweise die Velorennen in der heutigen Zeit. Ausserdem sind schwarze Sportler öfter betroffen als weisse. Weshalb, ist allerdings noch unklar.

Inwiefern erhöht der im Radsport weit verbreitete Dopingkonsum das Risiko von Herzkrankheiten?
Chronischer Anabolikakonsum führt die Veränderung von Herzkranzgefässen früher herbei. Der Cholesterinwert wird stark erhöht, was die Innenschicht der Gefässe zusätzlich schädigt. Statt erst ab 35 sind plötzlich viel jüngere Sportler davon betroffen. Auch Stimulanzen wie Amphetamine sorgen für ein zusätzliches Risiko.

Bei Goolaerts ist noch unklar, ob er wegen eines Herzinfarkts gestürzt ist oder diesen durch den Sturz erlitten hat.
Durchaus. Genauso wie es Hirnerschütterungen gibt, existieren auch «Herzerschütterungen», die ein sogenanntes Kammerflimmern auslösen können. Das kann durch ungünstige Schläge passieren, wie beispielsweise einen Check im Eishockey – oder in diesem Fall, wenn ein Velofahrer mit der Brust auf den Randstein prallt.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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