Der Materialwart, der Chef

Silvan Rudolf ist der neue Trainer des FC Köniz in der Promotion League. Der 30-jährige Solothurner will die neue Clubphilosophie konsequent umsetzen und den Spielern Freude vermitteln.

Der nächste Schritt: Der neue Köniz-Trainer Silvan Rudolf auf dem Sportplatz Liebefeld.

Der nächste Schritt: Der neue Köniz-Trainer Silvan Rudolf auf dem Sportplatz Liebefeld.

(Bild: Raphael Moser)

Als Silvan Rudolf am 6. Dezember 2018 ein schwarzweisses Foto von sich auf Instagram postet und dazu schreibt, dass er nun eine neue Herausforderung in seinem Leben annehme und Trainer der ersten Mannschaft des FC Köniz werde, dauert es nicht lange, bis die Glückwünsche aus der grossen, weiten Fussballwelt eintreffen.

Breel Embolo, Manuel Akanji, Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez, Johan Djourou und Yann Sommer gratulieren dem Jungtrainer zu seinem ersten Cheftrainerposten auf dieser Stufe. Doch wie kommt ein 30-jähriger Solothurner, aufgewachsen in Selzach, zu Anerkennung der grossen nationalen Fussballprominenz?

Die Frage an der Chilbi

Rudolf sitzt im Clubhaus des FC Köniz und skizziert seinen Werdegang. Als 17-Jähriger wurde er an der Chilbi seines Heimatdorfes von der Trainerin der E-Junioren angefragt, ob er sie assistieren wolle. Rudolf sagte zu. In den Jahren darauf folgten weitere Trainerengagements im Junioren- und Amateurbereich. Lange war er auch noch selbst als Amateurfussballer aktiv, und während vier Jahren amtierte er bis in die 3. Liga regelmässig als Schiedsrichter.

Nebenbei erwarb er ein Trainerdiplom nach dem anderen, ehe er im letzten Jahr mit dem A-Diplom die zweithöchste Qualifikation für Trainer hierzulande in Empfang nehmen konnte. «Ich habe einfach immer den nächsten Schritt genommen», sagt Rudolf. Nun hat ihn dieser Anfang Januar zum FC Köniz in die dritthöchste Liga geführt. Im Sommer war der gelernte Kaufmann als Trainer der zweiten Mannschaft zum Verein gestossen, in der Winterpause entschieden die Verantwortlichen, Rudolf eine Chance im Fanionteam zu gewähren.

«Wir wollen ein Sprungbrett sein in den Profifussball.»Silvan Rudolf 

Auch, weil sie in ihm den perfekten Repräsentanten für die neue Clubphilosophie sahen. Der FCK will in Zukunft nämlich primär auf junge Talente aus der Region setzen, anstatt teure Spieler von überall her zu engagieren. Im Vergleich zu früheren Jahren ist das ein neuer Weg, den Köniz damit einschlägt. Aber Rudolf ist überzeugt, dass es der richtige, weil nachhaltige ist. «Wir wollen jungen Spielern eine Plattform bieten, ein Sprungbrett sein in den Profifussball.»

Der Vergleich mit Villas-Boas

Rudolf gibt zu, dass er erschrak, als die Anfrage für den Cheftrainerposten der ersten Mannschaft kam. Nicht, weil er sich die Aufgabe nicht zutrauen würde, sondern weil er nicht damit rechnete, für eine solche Stelle berücksichtigt zu werden. Und auch, weil er nicht wusste, wie sich ein solches Engagement auf seinen Job auswirken würde. Einen Job, den er unglaublich gerne ausübt. Seit viereinhalb Jahren ist Rudolf Materialwart beim Schweizerischen Fussballverband.

Insgesamt ist er für 14 Nationalteams zuständig, organisiert und koordiniert, damit alle immer das richtige Material zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung haben. Die A-Nationalmannschaft hat er in dieser Funktion unter anderem an die EM in Frankreich und die WM in Russland begleitet. So sind auch zu diversen Nationalspielern Freundschaften entstanden. «Als Materialwart hat man eine andere Beziehung zu den Spielern als als Trainer», sagt Rudolf.

Dass er nun aufgrund seiner Aufgaben beim FC Köniz wohl etwas weniger Zeit haben wird, Spiele seiner Freunde zu besuchen, nimmt er in Kauf, eben, weil er die Herausforderung annehmen und sich als Trainer beweisen will. Der FCK startet am Samstag (15 Uhr) in Nyon in die Rückrunde. Aufgrund der vielen Veränderungen, die das Kader in der Winterpause erfahren hat, kann sich Rudolf nicht festlegen, was für die momentan neuntplatzierten Könizer drinliegt. Es werde sicher ein bisschen Zeit brauchen, bis sich das Team gefunden habe, vermutet er. Wichtiger als taktische Ausgereiftheit ist Rudolf sowieso etwas anderes. «Ich kann den Spielern noch so viele Systeme beibringen. Wenn sie am Ende nicht mit Freude auf dem Platz stehen, nützt alles nichts.»

Gelson Fernandes bezeichnet Rudolf im Instagram-Post als «Villas-Boas der Schweiz». Doch der 30-Jährige will sich weder mit dem ehemaligen Chelsea-Trainer noch irgendeinem anderen vergleichen. «Ich versuche einfach, mich selber zu sein.» Silvan Rudolf wird sich nun vorderhand auf den Nebenschauplätzen der Fussballszene bewegen. Hat er mit dem FC Köniz jedoch viel Grund zum Jubeln, dürfte seine Arbeit schnell auch in der grossen Fussballwelt Anerkennung finden.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...