«Endlich nutze ich meine Zeit sinnvoll»

Als Profi hat Michael Siegfried sein Glück nie gefunden. Beim FC Münsingen geht die Suche weiter.

Michael Siegfried bald nur noch mit Spielzeugstoffball? Der Familienvater denkt an den Rücktritt.

Michael Siegfried bald nur noch mit Spielzeugstoffball? Der Familienvater denkt an den Rücktritt.

(Bild: Patric Spahni)

Marco Spycher

Michael Siegfried verzichtet auf das, wovon Millionen Jugendliche träumen: Anstatt seinen Profivertrag beim FC Thun in der Saison 2015/2016 zu verlängern, entschied er sich freiwillig, die Profikarriere an den Nagel zu hängen. Doch Siegfried ist mit sich im Reinen. Das zeigt sich auch an diesem Mittwochmorgen, als er bei Sonnenschein gut gelaunt die Tür zu seiner Wohnung öffnet, in der er zusammen mit seiner Frau Nathalie und dem neun Monate alten Sohn wohnt.

Überall hängen Bilder – meist von der Familie oder Landschaften. Diese Bilder zeigen, wie Siegfried tickt. Nichts, ausser vielleicht ein Spielzeugstoffball des Sohnes, lässt erahnen, dass er über 80 Spiele in der Super League absolvierte. Seit September spielt er nun beim FC Münsingen in der Promotion League.

Das Comeback bei Aarau

«Wenn ich ehrlich bin, habe ich im Fussball nie das gefunden, was ich im Leben suchte», sagt Siegfried über seine Zeit als Profi. Nach seinem Engagement bei Thun wollte er zuerst seinen Horizont erweitern. Er bereiste mit seiner Frau Nathalie zwei Monate Australien. «Es war der richtige Moment», ist Siegfried im Nachhinein überzeugt.

Er wäre im Ausland offen für ein neues Abenteuer in seiner Karriere gewesen. Es ergab sich allerdings kein Transfer – nicht in Australien, und auch nicht in Amerika einige Zeit später. Zurück in der Schweiz, konnte er die Finger trotzdem nicht vom Fussball lassen. Im Sommer 2017 gab er sein Comeback beim FC Aarau in der Challenge League. Auch da wurde er jedoch nicht glücklich.

Letzten August löste Siegfried den Vertrag auf und wollte seine Karriere definitiv beenden. Doch Kulttrainer Kurt Feuz lotste ihn zum FC Münsingen. Bei den Aaretalern stimmt die Chemie für Siegfried. «Ich will niemandem auf die Füsse stehen, aber bei Münsingen haben die Spieler im Vergleich zu manchen Profis noch etwas im Kopf», meint er mit einem Schmunzeln. Und trotzdem überlegte er sich, in der Winterpause bereits aufzuhören. Nach einem Gespräch mit Trainer Kurt Feuz entschied er sich allerdings, dem Team bis Ende Saison erhalten zu bleiben. Vor Beginn der Rückrunde (heute in Bellinzona) belegt der FC Münsingen in der Promotion League den 11. Rang und weist sechs Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz auf.

Die Zukunft als Lehrer

Dass er kein Profi mehr sein möchte, liegt vorderhand an den Problemen, die er im heutigen Fussball sieht. «Es ist viel zu viel Geld im Spiel. Am Schluss ist alles nur ein grosses Geschäft, mit dem Ziel, möglichst viel Profit zu machen.» Und auch der Status eines Fussballspielers werde oft überbewertet, findet Siegfried. Das erlebte er am eigenen Leib. Als er bei der U-21 beim FC Thun eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, ging er auf den Notfall ins Spital. Da musste er vier Stunden auf eine Betreuung warten. Ein paar Wochen später erlitt er erneut eine Gehirnerschütterung und fuhr wiederum auf den Notfall. Diesmal allerdings als Kaderspieler der 1. Mannschaft.

«Im Wartezimmer war ein Typ, der voll mit Blut war, und ich wurde ihm vorgezogen, nur weil ich Profifussballer war. Mit solchen Dingen habe ich extrem Mühe.» Trotzdem wird er nie ganz vom Fussball wegkommen, wie er meint. Derzeit ist er bei der U-14 des FC Thun als Assistenztrainer aktiv. «Ich schliesse es nicht aus, einmal als Trainer im Profifussball an der Seitenlinie zu stehen.»

Vorerst will sich Siegfried beruflich ganz anders ausrichten – nämlich als Lehrer. Aktuell unterrichtet er an der Oberstufe in Aeschi bei Spiez. Im Herbst will er die Ausbildung starten. «Ich stehe nun am Morgen auf und gehe mit einem Lachen zur Arbeit. Endlich nutze ich meine Zeit als Mensch sinnvoll und habe das Gefühl, etwas bewirken zu können. Das ist der grösste Unterschied zu meiner Zeit als Profifussballer.»

Berner Zeitung

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