Müllers virtuelle Fahrt durch Bern

Der 27-jährige Berner aus Blumenstein ist Testfahrer in der Formel E.

Nico Müller hält sich für das Fotoshooting an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Foto: Raphael Moser

Nico Müller hält sich für das Fotoshooting an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Foto: Raphael Moser

Peter Berger@PeterBerger67

Nico Müller ist noch keinen einzigen E-Prix gefahren. Dennoch ist der 27-Jährige aus Blumenstein ein wichtiger Bestandteil der Elektroserie. Seit fast zwei Jahren ist er Testfahrer vom Formel-E-Team Audi Abt Schaeffler. Seine Aufgabe besteht darin, das Auto optimal abzustimmen, damit die beiden Stammfahrer Lucas di Grassi (BRA) und Daniel Abt (GER) im Idealfall gewinnen. «Mein Job ist wichtig, wenn ich versage, ist die Möglichkeit gross, dass es auch am Renntag in die Hosen geht», sagt Müller.

70 Prozent seiner Tätigkeit als Testfahrer verbringt er im Simulator. «Ich versuche in der virtuellen Welt möglichst genau die Realität abzubilden. Ich muss aussagekräftige Resultate erarbeiten.» So auch für die Strecke in Bern. Mittels Laserscanning ist diese von einer Firma vermessen worden. Die Teams kaufen diese Daten, um im eigenen Simulator das bestmögliche Set-up für die Autos zu eruieren.

In Bern liegt die grösste Herausforderung im Höhenunterschied. «Es fehlen die Roller-Passagen, wo man Energie sparen kann. Bergab hat man die Möglichkeit zu rekuperieren, also Energie zurückzugewinnen und in die Batterie einzuspeisen, aber bergauf benötigt man diese sofort wieder.» Das hat zur Folge, dass die Batterie heiss wird.

«Sollte die Aussentemperatur am Renntag über 30 Grad betragen, kann es heikel werden. Denn erwärmt sich die Batterie über 72 Grad, ist bald einmal Feierabend.» Den Energiehaushalt zu managen, sei deshalb die eine, die Temperatur im Griff zu haben, die andere Herausforderung, meint Müller.

«Das am Simulator herausgefahrene Energiemanagement-Profil muss mit der Realität übereinstimmen», betont Müller. Deshalb testet er vor allem, wenn bekannt ist, wie der Rundkurs genau aussieht. «Wenn die Strecke zum Beispiel beim Bärengrabenkreisel in Wirklichkeit einen Meter breiter ist als am Simulator, verändert das alles, dann ist meine Arbeit nichts wert.»

In diesem Simulator testet Nico Müller für die Formel E. Bild: zvg

Sitzt Müller im deutschen Neuburg im Simulator, sind immer Ingenieure mit im Raum und werten die Daten aus. «Simulator fahren ist anstrengend, man fährt nach visuellen Referenzen und nicht nach Gefühl. Das ist vor allem für den Kopf belastend, das Fahren auf der Strecke dagegen beansprucht mehr den Körper. Nach einem Tag im Simulator bin ich jeweils nudelfertig.»

Auch auf der Strecke schnell

Lieber als Stunden in der technischen Anlage zu verbringen, absolviert Müller Tests auf der Rennstrecke. Bereits hat er Runden mit dem neuen Auto für die Saison 2020/2021 gedreht. «Das sind die spannenden Momente. Sobald die neu entwickelte Technologie auf die Strecke kommt, ist es meine Aufgabe, den Technikern ein derart gutes Feedback geben zu können, damit das Auto noch schneller wird.»

Der Berner tauscht sich auch rege mit den Stammfahrern aus. Diese wissen, dass sie sich auf ihren Testpiloten verlassen können. Schliesslich ist der schnell. Beim Rookie-Test der Formel E in Marrakesch hat Müller sowohl 2018 wie auch 2019 Bestzeit und Streckenrekord realisiert. «Das Auto liegt mir, ich würde mich gerne mal im Rennformat messen», gibt Müller zu. Überhaupt sagt der Berner, dass die Elektroserie gut zu ihm passe. Die engen Stadtkurse behagen ihm.

Pudelwohl in der DTM

Aber noch hat Audi mit seinem seit 2014 engagierten Schweizer Werksfahrer andere Pläne. Müllers Priorität geniesst die DTM. Im Tourenwagen feierte er am vergangenen Sonntag in Misano (ITA) den zweiten Sieg der Karriere. «Ich fühle mich in dieser Serie pudelwohl», sagt er. In der Gesamtwertung belegt er nach 6 von 18 Rennen den dritten Rang.

Müller hat indes auch schon Rallye- und GT-Rennen bestritten. Er gilt als Allrounder. «Ich kann aus jedem Auto etwas lernen, das ich im anderen Cockpit wieder einsetzen und somit profitieren kann.» Und sollte ihn Audi dereinst zum Stammfahrer in der Formel E befördern, wäre Müller auch dafür schon bestens vorbereitet.

Berner Zeitung

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