Vom Sägemehl in den Schnee

Seit dieser Saison fährt Sina Siegenthaler im Weltcup. Die 18-jährige Schangnauerin ist die Jüngste im Schweizer Team, die alle Weltcuprennen bestreiten darf. Das hindert sie nicht daran, in der Weltspitze mitzufahren.

Arbeitet Sina Siegenthaler als KV-Lehrling beim EDA, lebt die Emmentalerin in Bern. Foto: Christian Pfander

Arbeitet Sina Siegenthaler als KV-Lehrling beim EDA, lebt die Emmentalerin in Bern. Foto: Christian Pfander

Peter Berger@PeterBerger67

Sina Siegenthaler bezeichnet sich als «Wettkampfsau». Ihr erstes Kräftemessen im Snowboardcross im März 2015 war indes ein Plauschwettkampf gewesen. Sie hat gewonnen. Vier Jahre später ist die 18-jährige Emmentalerin Weltcupfahrerin und WM-Starterin. Der steile Aufstieg verblüfft sie manchmal selber.

«Nach jeder Saison denke ich, das wird schwierig, diese zu übertreffen. Bisher ist das nächste Jahr dann doch immer besser geworden.» Erklären kann sich Siegenthaler das nicht. «Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich muss mich auf das fokussieren, was kommt.»

Derzeit liegt ihr Augenmerk auf dem nächsten Weltcuprennen vom Wochenende in Spanien. Dann steht Mitte März das Weltcupfinale in Veysonnaz an, eine Woche später tritt sie an der Lenk an der Schweizer Meisterschaft als Titelverteidigerin an.

Der verhängnisvolle Sturz

Dabei debütierte Siegenthaler erst im Dezember im Weltcup. In Cervina (ITA) erreichte sie auf Anhieb Rang 5 und realisierte gleich im ersten Rennen die WM-Qualifikation. Wie sie das geschafft hat, kann sie sich nicht richtig erklären. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf ihre jugendliche Unbekümmertheit. «Ich weiss einfach, dass ich eine unglaubliche Freude verspürte», erinnert sich Siegenthaler, «das ist bisher einer meiner schönsten Tage.»

An der WM in Park City war Sina Siegenthaler schnell unterwegs, bevor sie stürzte. Foto: Getty Images

Ende Januar realisierte die Schangnauerin in den USA an der Weltmeisterschaft im ersten Qualifikationslauf den 13. Rang. Dieser hätte zur Teilnahme an den K.-o.-Läufen der Top 16 gereicht. «Doch ich wollte mehr, einen noch besseren Startplatz herausfahren», erzählt Siegenthaler. Zu viel. Bei Tempo 80 stürzte sie und schlug mit dem Kopf auf der Piste auf. «Ich war bewusstlos.» Die Hirnerschütterung verunmöglichte einen Start. Der WM-Traum war geplatzt.

Aktive Schwingerin

Eine lange Pause gönnte sich die Frohnatur nicht. «Es war nicht meine erste Hirnerschütterung. Aber das Gute ist, dass ich mich jeweils rasch erhole. Ich denke, da hilft mir meine starke Nackenmuskulatur, die ich mir als Schwingerin antrainiert habe.» Denn auch im Sägemehl stand Siegenthaler wettkampfmässig.

Die Tochter eines Schwingers absolvierte mehrere Schlussgänge, bis sie als Neuntklässlerin den Rücktritt gab und voll auf Snowboardcross setzte. War sie vorher auch Geräte- und Nationalturnerin und trainierte im Jiu-Jitsu-Club, bleibt jetzt keine Zeit mehr für andere Sportarten.

Lehre beim EDA

Beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) absolviert sie eine KV-Lehre. Im Sommer endet die dreijährige Ausbildung. «Seit ich die Lehre angefangen habe, gibt es bei mir keine Freizeit mehr, Ferien sowieso nicht.» Beklagen will sich Siegenthaler nicht. «Ich bin ein positiver, zielstrebiger Mensch. Als Organisationstalent habe ich es gerne strukturiert.»

Arbeitet sie wie die vergangenen zwei Wochen in Bern im Büro und lebt weit weg vom Schnee, trainiert sie auf dem Skateboard oder feilt an ihren konditionellen und koordinativen Fähigkeiten. Während dieser Zeit wohnt der Familienmensch in der Stadt in einer Wohngemeinschaft. Am Wochenende trifft man sie aber auf der Piste an, zuweilen zu Hause am Bumbach-Lift, dort, wo einst auch Abfahrer Beat Feuz begonnen hat.

Natürlich stand Siegenthaler früher ebenfalls auf den Skiern, war in der JO. Aber ihre Schwester Valeria (20) brachte sie schliesslich zum Snowboarden. Heute arbeitet diese als Flight Attendant und fährt nur noch Snowboardcross zum Plausch, wie auch Bruder Andri (15), der setzt voll auf die Karriere als Schwinger.

Sina Siegenthaler dagegen hat nicht vor, die Sportart zu wechseln. Ihr Fernziel sind die Olympischen Spiele 2022. Im Frühjahr will sie ein Crowdfunding-Projekt lancieren, um sich eine Mentaltrainerin leisten zu können. Denn in diesem Bereich hat sie noch Schwächen ausgemacht.

Der Sturz an der WM war ein Beispiel. Im vergangenen Sommer war sie zudem an der Junioren-WM in der Qualifikation die Schnellste gewesen. Im Rennen resultierte dann nur Platz 9. «Unter Druck begehe ich einfach noch zu viele Fehler», weiss Siegenthaler. Um noch bessere Trainingsbedingungen vorzufinden, hofft die Emmentalerin zudem, bald mit der Spitzensport-RS beginnen zu können. Denn so schön der 5. Platz beim Weltcupdebüt war, Siegenthaler will mehr. Sie will Siege.

Berner Zeitung

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