Warten und siegen

Das «Bernjurassische» in Péry wird von Verletzungen geprägt. Derweil bleibt Kilian Wenger trotz speziellem Auftakt cool und gewinnt sein 21. Kranzfest.

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Marco Oppliger@BernerZeitung

«Mais non!» Der entsetzte Aufschrei der Zuschauerin lässt nichts Gutes erahnen. Ihr banger Blick schweift zum Sägemehlring, in welchem sich Lukas Renfer mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Schulter greift. Eben wurde er von Thomas Sempach auf den Rücken gelegt, das verhängnisvolle Malheur allerdings war bereits zuvor in diesem fünften Gang passiert. Renfer konnte kaum mehr zupacken, aber er machte weiter.

Für den 22-Jährigen ist es ein bitteres Ende, weil er vermutlich länger ausfallen wird, sich offenbar eine Sehne gerissen hat. Und für die Bernjurassier, welche das Fest in Péry organisieren, ist es ein Dämpfer. Denn nach vier Gängen befand sich Renfer, der in Corgémont aufgewachsen ist, mittlerweile in Galmiz wohnt und mit den Mittelländern trainiert, mit makellosem Notenblatt auf Kurs Richtung Schlussgang. Was die Hoffnungen der Bernjurassier nährte, dass erstmals seit 1974 und Andreas Röthlisberger wieder einer der ihren am Heimfest triumphieren könnte.

So aber muss Renfer frisch geduscht und mit einbandagierter Schulter zusehen, wie Kilian Wenger und Patrick Schenk zum finalen Duell in den Ring schreiten. Und wie der Schwingerkönig nach etwas mehr als einer Minute seinen Emmentaler Kontrahenten mit einem Kurzzug ins Sägemehl bettet, damit zum 21. Mal an einem Kranzfest reüssiert.

Stress für die Einteilung

Die Verletzungshexe übrigens, sie hatte in Péry bereits zugeschlagen, noch ehe sich die ersten Schwinger die Hände zum Kampfbeginn reichen konnten. Mit Florian Gnägi und Remo Käser mussten gleich zwei Eidgenossen Forfait geben. Ersterer hatte vor Wochenfrist am «Emmentalischen» bei einem Zusammenstoss ein Schleudertrauma erlitten und kämpft derzeit mit Gleichgewichtsstörungen.

Käser derweil entschied nach dem Einschwingen, auf den Wettkampf zu verzichten. Es dürfte sich um eine Vorsichtsmassnahme handeln; ihn zwickte es im Bereich der Bauchmuskeln, die er sich letzte Woche gezerrt hatte. Weil überdies mit Bernhard Kämpf – er wurde am Donnerstag erstmals Vater – ein weiterer Eidgenosse auf die Reise in den Berner Jura verzichtete, reduzierte sich das Spitzenfeld drastisch.

Das wiederum brachte die Einteilung gehörig ins Schwitzen. Denn für Wenger, der zum Auftakt mit Käser hätte zusammengreifen sollen, fand sich schlicht kein Gegner mehr. So musste der Oberländer lange warten und schliesslich gegen Matthias Aeschbacher ran – für den es bereits der zweite Kampf an diesem Tag war. Nach einem wenig attraktiven Gestellten im Duell mit dem Emmentaler steigerte sich Wenger. «Es war ein Auf und Ab», meint er, «letztlich ist dieser erste Kranzfestsieg in dieser Saison für mich einfach eine Erleichterung.»

Das Siegerinterview mit Kilian Wenger.
(Video: Marco Oppliger/Andreas Blatter)

Ehrenkranz für Renfer

Der Triumph in Péry lässt sich aus seiner Optik auch als kleines Déja-vu bezeichnen. Zum dritten Mal reüssierte er nun an einem «Bernjurassischen». Wobei Wenger 2008 in Reconvilier sein erstes Kranzfest überhaupt gewinnen konnte. «Dieser Sieg wird mir auf ewig in Erinnerung bleiben», meint er lächelnd.

Es liegt aber gewiss nicht falsch, wer behauptet, in zwei Wochen dürfte Wenger stärker gefordert werden. Am Luzerner Kantonalen in Willisau wird er auf die stärksten Innerschweizer treffen. Es ist ein frühes Kräftemessen mit den stärksten Nicht-Bernern – und eine kleiner Vorgeschmack auf das, was Wenger am «Eidgenössischen» erwarten wird. Der Sieg am «Bernjurassischen» gebe ihm aber Sicherheit und Selbstvertrauen, hält er fest.

Wenger übrigens bewies, wie es die Engländer zu sagen pflegen, Sportsmanship. Noch bevor er Auskunft über seinen Erfolg gab, liess er Genesungswünsche an Renfer ausrichten. Der Bernjurassier erhält derweil den Ehrenkranz. Es dürfte für ihn ein schwacher Trost sein.

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