Sempach: Geschlagen, aber nicht niedergeschlagen

Der Berner Thomas Sempach unterliegt auf der Schwägalp im Schlussgang dem Nordostschweizer Daniel Bösch. Die zwei Verbände dürften nächsten Sonntag den Unspunnen-Sieger unter sich ausmachen.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Vielleicht malt am Sonntagabend manch ein Schwinginteressierter vor dem Zubettgehen noch ein Kreuz an die Decke. Ja, es ist tatsächlich möglich, dass ein Kranzfest mit Beteiligung der Berner Mannschaft nicht von einem Berner gewonnen wird.

Der Nordostschweizer Daniel Bösch bezwingt auf der Schwägalp im Schlussgang den Berner Thomas Sempach in der sechsten Minute mit Kreuzgriff und feiert seinen zweiten Triumph am Fusse des Säntis. Der Geschlagene wirkt nicht niedergeschlagen. «Ich konnte nach dem verpassten Kranz auf dem Brünig eine Reaktion zeigen. Meine Leistung war gut», sagt Sempach.

Und: «Mein Notenblatt ist so stark wie selten zuvor.» Auf dem Zettel sind vier «Eidgenossen» notiert, deren drei hat Sempach bezwungen: Michael Bless, Armon Orlik, Roger Rychen. Die Schwägalp sei für ihn ein gutes Pflaster, sagt der 32 Jahre alte Emmentaler aus Heimenschwand. Vor 9 Jahren hatte er an dieser Stätte reüssiert.

Nicht nur für Sempach ist die Schwägalp grundsätzlich eine Reise wert. Zwar zählt der Wettkampf auf der Passhöhe zwischen Toggenburg und Appenzellerland erst seit 17 Jahren zum erlesenen Kreis der Bergkranzfeste, doch punkto Interesse und Attraktivität hat er innert Kürze manch traditionelleren Anlass überholt.

Jahr für Jahr bevölkern über 10'000 Besucher die Wiese neben der Säntisbahn, wenn auf 1360 Meter über Meer geschwungen wird. Es handelt sich um den meistbesuchten nicht eidgenössischen Anlass.

2017 kommt das beliebte Bergfest für die Schwinger aber zur Unzeit. Eine Woche vor dem ­Saisonhöhepunkt Unspunnen möchte kaum ein Athlet das letzte Risiko auf sich nehmen. Aus Respekt vor Verletzungen haben mehrere Spitzenschwinger aus dem Bernbiet gar auf die Teilnahme verzichtet.

Bereits im Frühling sagte etwa der zurzeit rekonvaleszente Schwingerkönig Matthias Sempach: «Eine Woche vor dem Saisonziel ist solch ein harter Wettkampf für mich kein Thema.» Und so bedarf es für die mit nur fünf «Eidgenossen» antretende Berner Mannschaft um Teamchef Peter Schmutz einer Revidierung der Ziele.

Im Normalfall treten die Berner mit der Ambition an, das Fest sowie die meisten Kränze zu gewinnen. «Uns fehlen viele Spitzenschwinger. Bei dieser Ausgangslage muss es unser Ziel sein, einen Berner in den Schlussgang zu bringen», sagte Schmutz im Vorfeld. Dies sollte gelingen – Sempach sei Dank.

Im ersten Gang vermögen die Vertreter des stärksten Teilverbands nur in zwei Spitzenpaarungen zu reüssieren: Neben Sempach kann sich einzig noch Florian Gnägi durchsetzen. Der Seeländer hat wegen einer Knieverletzung seit Anfang Juli pausiert und sichert sich beim Comeback den Kranz.

Den stärksten Eindruck hinterlässt bis zum Mittag aber Bösch. Begleitet von Hackbrettklängen dreht der gelernte Metzger sowohl Simon Anderegg als auch Gnägi durch den Fleischwolf. Bösch, der die letzte Unspunnen-Austragung für sich entschieden hat, wird nächsten Sonntag zu den gefährlichsten Kontrahenten des BKSV zählen.

«Ich habe fürs Unspunnen viel Schwung und Motivation geholt», sagt er. Sein Verbandskollege Martin Hersche hingegen, der ebenfalls einer der ärgsten Widersacher der Berner wäre, scheidet nach zwei gewonnenen Gängen mit einer Kreuzbandverletzung aus. Der Appenzeller dürfte den Saisonhöhepunkt verpassen.

Die 19 Berner hingegen absolvieren den Parcours verletzungsfrei. Am Ende reisen die Gäste mit sechs Kränzen ab. Matthias Aeschbacher reiht sich als Bestklassierter im dritten Rang ein. Teamchef Schmutz zeigt sich zufrieden; er sagt, mit dieser dezimierten Equipe sei das Ziel erreicht worden.

Wir haben einige Topgänge gezeigt – und als Team hervorragend gearbeitet.Teamchef Peter Schmutz

«Wir haben einige Topgänge gezeigt – und als Team hervorragend gearbeitet.» Schmutz ist überzeugt, dass die Berner für Unspunnen bereit sind. «Aber dies trifft auch auf die Nordostschweizer zu.» In den letzten Wochen haben die BKSV-Athleten mehrere Male gezeigt, dass sie über die Mittel verfügen, Bösch sowie die Youngsters Armon Orlik und Samuel Giger zu bremsen.

«Aber wir werden auch Wettkampfglück benötigen», sagt Schmutz. Ob der Berner Betreuer Stefan Sempach bei diesen Worten das Sprichwort von den Scherben und dem Glück im Hinterkopf hat, als er in der Garderobe just zwei Kisten Bier fallen und die Flaschen zerscheppern lässt? Wohl kaum. «Ärgerlich! Nächsten Sonntag mache ich es besser», verspricht er. Dannzumal soll es wahrhaftig Grund zum Feiern geben.

Berner Zeitung

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