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Sie dürfen klatschen und küssen

Ob bei der Tour de France oder der Fussball-WM, der Sport degradiert Frauen immer wieder zu Beiwerk. Es gibt aber Hoffnung.

Hübscher Applaus: Zwei Frauen stehen neben dem besten Tour-de-France-Bergfahrer Julian Alaphilippe. (28. Juli 2018)
Hübscher Applaus: Zwei Frauen stehen neben dem besten Tour-de-France-Bergfahrer Julian Alaphilippe. (28. Juli 2018)
Keystone

Sie waren schon einmal weiter bei der Tour de France. Als Laurent Fignon 1984 die mythenumrankte Rundfahrt zum zweiten Mal gewann, wurde er am Ende nicht alleine gefeiert. Auf dem Podium, das auf den Champs-Élysées errichtet worden war, stand auch eine Siegerin: Marianne Martin. Die US-Amerikanerin hatte die erste Tour de France für Frauen gewonnen und durfte dafür – wie Fignon – im gelben Siegerleibchen einen schimmernden Pokal in die Höhe recken.

In diesem Jahr war das wieder anders. Der Tour-Sieger wurde bejubelt. Eine Siegerin aber gibt es nicht mehr. Die Frauen-Rundfahrt wurde wieder abgeschafft und das zweite Geschlecht in die Rolle zurückgedrängt, die es im Sport so oft zugewiesen bekommt: die des schmückenden Beiwerks. Drei Wochen lang bewegte sich die Tour durch Frankreich, als hätte es die «Me Too»-Diskussion nie gegeben: In jedem Zielort wurden den Etappenbesten zwei Frauen zur Seite gestellt, um das Siegerfoto aufzuhübschen. Das einzige Zugeständnis an den Zeitgeist: Geküsst wird nun nicht mehr gar so oft wie früher.

«Ganz an der Spitze des Sports ist der Sexismus immer noch am grössten»

Die Randerscheinungen bei der Grande Boucle – sie könnten als Rudiment aus einer längst überwunden geglaubten Epoche der Sportgeschichte durchrutschen. Doch bei der Fussball-WM, dem weltweit bedeutendsten Sportfest, war der Atavismus ebenfalls zu beobachten. Bei der Eröffnungsfeier sang Robbie Williams. Währenddessen tanzten auf hohen Sohlen sechs Frauen um ihn herum, deren knapp bemessenen Oberteile dabei weit nach oben rutschten. Vor dem Finale trug Philipp Lahm den Siegerpokal ins Stadion. Die Russin Natalia Vodianova tat so, als ob sie ihm dabei assistierte: Das Fotomodell führte ein goldenes Kleid vor, in dem sie selbst ein bisschen wie der Siegerpokal aussah. Der Mann macht, die Frau steht bewundernd dabei. Doch, doch: Das alles ist wirklich so geschehen. Gerade eben erst. Im Jahr 2018.

Das russische Model Natalia Vodianova darf an der Siegerehrung der WM 2018 neben Philipp Lahm den Pokal präsentieren. (Foto: Keystone)
Das russische Model Natalia Vodianova darf an der Siegerehrung der WM 2018 neben Philipp Lahm den Pokal präsentieren. (Foto: Keystone)

«Ganz an der Spitze des Sports ist der Sexismus immer noch am grössten. Und genau das ist es, was sich ändern muss», sagt Kathryn Bertine. Die 43-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bewegung Le Tour Entier, die sich die Losung «Liberté, Égalité, Cyclisme» gegeben hat und die dafür kämpft, dass die Frauen beim bedeutendsten Radrennen wieder eine Hauptrolle spielen. Der Weg dorthin dürfte weit sein. Wie weit, lässt eine Äusserung einer anderen ehemaligen Rennfahrerin ahnen. Die Britin Nicole Cooke wurde vergangenes Jahr von einem Komitee des britischen Parlaments vernommen, das Dopingvergehen nachspürte. Vor ihrer Aussage reichte Cooke eine schriftliche Erklärung ein, in der sie das aus ihrer Sicht grösste Problem gleich umriss: Der Radsport sei ein Sport, «der von Männern geführt wird, und für Männer».

Disziplinen, für die das gilt, gibt es einige. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet dort die sexuell aufgeladenen Rituale, die das Heldentum der Heroen herausstreichen sollen, besonders leidenschaftlich gepflegt werden. Die Nummerngirls beim Boxen sind, ganz objektiv betrachtet, schon immer so unnötig gewesen wie die Grid Girls beim Motorsport: Kein Faustkämpfer braucht eine Frau, die ihn daran erinnert, wie viele Runden lang er sich schon geprügelt hat, kein Rennfahrer eine Startplatz-Einweiserin. Geboren wurde das Phänomen, weil sich so Aufmerksamkeit fangen liess – und das ist, neben dem Sieg, das zweite grosse Ziel jedes Profisports.

Als erste Frau, die im Motorsport Aufsehen erregte, ohne selbst im Auto zu sitzen, gilt Rosa Ogawa. Die Japanerin hatte sich als Model und Sängerin bereits einen Namen gemacht, als sie in den Sechzigerjahren in der Startaufstellung, dem Grid, von Formel-1-Rennen auftauchte. Damals waren Singles, kleine Schallplatten mit nur zwei Liedern, noch die wichtigsten Tonträger. Auf einem Single-Cover stilisierte Ogawa sich vor einem Hintergrund in Japan-Rot als nationale Rennfahrerbraut: kurzes weisses Kleid, weisse Rennfahrerhandschuhe, weisser Rennfahrerhelm, um den Hals einen flatternden Schal. Das Motiv kam offenbar gut an. Gleich mehrere Firmen engagierten Ogawa als Werbeträgerin für ihre Produkte.

Auf die Revolution folgt die Konterrevolution

Sex sells. So einfach ist das bisweilen wirklich. An den Rollen, denen Frauen an den Rennstrecken zugedacht wurden, lässt sich die Geschichte über Klischees und den Wandel der Zeit besonders gut erzählen. In den Siebzigerjahren gab es in der Formel 1 noch viele Tote. Und entsprechend überschwänglich feierten die Überlebenden. James Hunt, der Weltmeister des Jahres 1976, trug rechts auf seinen Rennoverall gestickt seine Blutgruppe A Rh+ und darunter einen Aufnäher: «Sex – Breakfast of Champions». Da war es kein Wunder, dass die Veranstalter gerne «Rennköniginnen» kürten, die sie den vermeintlichen Königen des Asphalts zur Seite stellten.

Auch Sponsoren entdeckten den Reiz, den Aufreizendes bieten kann, und liessen Frauen in auffallenden Kleidern ihre Firmenfarben vorführen. Auf die Spitze trieb das ganze Ende der Neunziger dann Eddie Jordan. Der einstige Bankangestellte hatte keinen Autokonzern, der sein Team stützte. Also musste er sich etwas einfallen lassen, um es im Gespräch zu halten. Jordan lud unter anderen Katie Price, die zuvor auf der dritten Seite der Boulevardzeitung The Sun ihre mehrfachen Brustvergrösserungen vorgeführt hatte, in die Garage ein. Das lockte Kameramänner und Fotografen in Teile des Fahrerlagers, die sie sonst eher mieden. Der Begriff «Boxenluder» wurde geboren, der auch deswegen vielsagend ist, weil «Luder» in der Sprache der Jäger ein totes Tier bezeichnet, das zum Anlocken von Raubtieren ausgelegt wird.

Ein Produkt bleibt besser im Gedächtnis, wenn es in einem emotional erregenden Kontext kennengelernt wird: Die Psychologie ist da eindeutig. Und: Eine sexuelle Anspielung kann so eine emotionale Erregung darstellen. Gelegentlich aber reicht schon eine Kleinigkeit, um so ein vermeintliches Naturgesetz zu stürzen. Im Januar dieses Jahres verkündete Sean Bratches, der neue Formel-1-Marketingchef, das sofortige Aus für die Frauen mit den Startnummern. Dieser Brauch entspreche «eindeutig nicht mehr heutigen gesellschaftlichen Normen». Den Anstoss für die gross inszenierte Geste soll eine Frau gegeben haben. Die Ehepartnerin eines übergeordneten Geschäftsführers, die sich beim Grand Prix in Austin/Texas sehr erschrocken haben soll, in welch anachronistisches Metier sie da geraten war.

Auf die Revolution folgte allerdings schnell die Konterrevolution. Dmitrij Kosak, Russlands Vize-Premier und Chef des Formel-1-Rennens in Sotschi, hält von den neuen Zeiten wenig. Kinder statt Frauen die Startnummern halten zu lassen, findet er eine schlechte Idee. Dafür sei die Technik zu gefährlich, «hier brauchen wir Erwachsene», so Kosak. Ausserdem gelte: «Unsere russischen Girls sind die schönsten der Welt!» Und das wolle man dieser Ende September auch vorführen.

«Wenn ich das Auto parke und mir den Hintern von irgendeinem George oder Dave anschauen muss, bin ich damit nicht glücklich.»

Sebastian Vettel

Auch aus Monte-Carlo kam Protest: «Warum in aller Welt soll ich 30 Frauen davon abhalten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?», fragte Michel Boeri, der Vorsitzende des Automobilklubs von Monaco – was allerdings etwas heuchlerische war. 2010, als sich kein Sponsor für die Grid-Girl-Parade hatte finden lassen, war diese nämlich ohne viel Tamtam einfach ausgefallen. 2015 hatten die Monegassen, um Aufmerksamkeit zu heischen, auch einige Grid Boys an die Startnummern gelassen – was unter anderem Sebastian Vettel gar nicht gefallen hatte. «Wenn ich das Auto parke und mir den Hintern von irgendeinem George oder Dave anschauen muss, bin ich damit nicht glücklich», hatte Vettel damals gezürnt. Was er in diesem Jahr zu sehen bekam, dürfte ihm besser gefallen haben: Jedes Grid Girl bekam ein männliches Model als Begleiter, womit ein weiteres Mal belegt war, dass sich auch mit Gleichstellung ein Effekt erzielen lässt.

Burkini statt Bikini: Sogar die Beachvolleyballer haben die Zeichen der Zeit erkannt

Bereits vor mehr als zehn Jahren hat das der gewiefte Tennismanager Ion Tiriac als Erster vorgeführt. Bei einem Turnier in Madrid liess er die Bälle, die die Männer ins Netz schlugen, nicht von Kindern einsammeln, sondern von einer Riege sorgsam gecasteter weiblicher Models. Nach nicht wenigen Sexismus-Vorwürfen spielte Tiriac die Nummer daraufhin in einer Variation. Beim Frauen-Turnier am gleichen Ort liess er männliche Models ausrücken. In der Jury, die diese aussuchte, sass unter anderem die Szenegrösse Maria Scharapowa.

Stahl Sieger Laurent Fignon 1984 die Show: Marianne Martin war die erste Tour-de-France-Siegerin. (Foto: AFP)
Stahl Sieger Laurent Fignon 1984 die Show: Marianne Martin war die erste Tour-de-France-Siegerin. (Foto: AFP)

Beim Darts-Weltverband bleiben die Walk-on-Girls abgeschafft, obwohl Zehntausende eine Petition unterzeichneten, die ihre Rückkehr fordert. Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans werden den Siegern bereits seit 2015 keine Frauen mehr als Zierde zur Seite gestellt. Der Deutsche Fussball-Bund hat die unselige Tradition beendet, dass zum Pokalfinale der Männer eine als Goldfee verkleidete Sportlerin die Trophäe ins Stadion trägt, wie es unter anderen Magdalena Neuner, Maria Höfl-Riesch und Britta Heidemann getan hatten. Die Beachvolleyballer haben die sexistischen Vorgaben aufgegeben, die den Spielerinnen Badeanzüge oder knapp bemessene Bikinis vorschrieben; damit der Sport weltweit wachsen kann, darf inzwischen auch im Burkini gepritscht und gebaggert werden. Es geht also vieles in die richtige Richtung. Und auch für den Radsport gibt es Hoffnung. Bei der Vuelta in Spanien und der Tour down under in Australien wurden die Hostessen bereits abgeschafft. Es tut sich wirklich einiges. Mancherorten braucht es wohl nur noch ein Weilchen.

Laurent Fignon übrigens war damals, 1984, gar nicht angetan von der Aussicht, dass ihm eine Frau Glanz stehlen könnte. «Ich mag Frauen», sagte der Radprofi, «aber ich würde es vorziehen, wenn sie etwas anderes machen würden.»

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