Bencics Unvollendete macht sie nur noch gefährlicher

Die 22-jährige St. Gallerin hat dieses Jahr das Fundament gelegt, um noch grössere Erfolge zu erreichen.

Belinda Bencic weiss inzwischen, dass sich die harte körperliche Arbeit neben dem Court auszahlt.

Belinda Bencic weiss inzwischen, dass sich die harte körperliche Arbeit neben dem Court auszahlt.

(Bild: Keystone Alex Plavevski)

René Stauffer@staffsky

Belinda Bencic hat dieses Jahr zweimal am ganz grossen Erfolg geschnuppert, ist aber kurz vor dem Ziel gestolpert. Am US Open war sie im Halbfinal der späteren Siegerin Bianca Andreescu lange überlegen, gewann aber zu wenige der wichtigen Punkte (6:7, 5:7). Auch in Shenzhen war sie am WTA-Finale spielerisch zuerst stärker als Jelina Switolina, bis sie wegen Krämpfen im dritten Satz aufgeben musste und auch diesen Final verpasste.

Man könnte nun von einer unvollendeten Saison sprechen, mit Bedauern auf die verpassten Chancen hinweisen. Doch Bencics Karriere muss aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Sie war zwar schon mit 18 zweifache WTA-Turniersiegerin und Weltnummer 7, der Ausgangspunkt ihrer jetzigen Karriere aber liegt anderswo: In jenen Monaten, als sie nach der Operation des linken Handgelenks im April 2017 monatelang pausieren musste, ihr Name in den Tiefen der Weltrangliste verschwand (im September 2017 stand er auf Rang 318), sie ihre Fitness einbüsste und die Karriere infrage stand.

Sie hat dieses Jahr viel mehr erreicht, als realistischerweise zu erwarten gewesen war.

Das Fundament, das sie sich seither gebaut hat, ist nun viel stabiler als das ihres ersten Gipfelsturms, der sie wie ein rauschender Traum nach oben getragen hatte – viel zu schnell, wie man inzwischen weiss. In den Monaten ohne Tennis fand Bencic eine grundlegend neue Einstellung zu ihrem Sport. Und als sie nach einigen Experimenten auch ihr massgeschneidertes Umfeld gefunden hatte – Vater Ivan als Coach, Freund Martin Hromkovic als Fitnesstrainer –, ging es fast von alleine aufwärts. Ohne zu hohe Ambitionen, mit Geduld. Bencics erstes Ziel 2019 war, an jedem Turnier mindestens eine Runde zu überstehen, was nur fünfmal nicht gelang.

Sie hat dieses Jahr viel mehr erreicht, als realistischerweise zu erwarten gewesen war, mit dem Vorstoss von Rang 37 auf 7, einer Matchbilanz von 49:21, davon 11:8 gegen Top-10- und 6:2 gegen Top-5-Spielerinnen, mit Turniersiegen in Dubai und Moskau und vier grossen Halbfinals (Indian Wells, Madrid, New York und Shenzhen).

 Ihr jugendlicher Sturm und Drang von einst ist einer neuen Umsicht und Wertschätzung für den Moment gewichen.

Zwar hatte die St. Gallerin auch dieses Jahr ihr grosses Temperament auf dem Court nicht immer wie gewünscht unter Kontrolle. Doch auch in dieser Hinsicht hat sie grosse Fortschritte gemacht. Ihr jugendlicher Sturm und Drang von einst ist einer neuen Umsicht und Wertschätzung für den Moment gewichen. Im Verlauf dieser Saison hatte sie einmal sogar die Befürchtung geäussert, dass es wieder zu schnell aufwärtsgehen könnte. Es ging zwar schnell, aber nicht so schnell wie etwa bei Naomi Osaka oder Bianca Andreescu. Das passt Bencic, denn sie plant nun langfristig, visiert eine lange, ausgewogene Karriere an, kein kurzes Feuerwerk. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht gar nicht schlecht, dass ihr der grosse Triumph noch verwehrt blieb.

Sie wisse jetzt aber, dass sie das Spiel habe, um mit den Besten mitzuhalten, zu den Top 10 zu gehören und um grosse Trophäen kämpfen zu können, sagte Bencic am Samstag, nachdem ihre Saison zu Ende gegangen war. Und sie weiss inzwischen auch, dass sich die harte körperliche Arbeit neben dem Court auszahlt – und dass sie dieses Jahr mit etwas Wettkampfglück sogar noch mehr hätte erreichen können. Das wird ihren Hunger und die Motivation für die neue Saison nur noch vergrössern.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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