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«Big Brother» abseits der Kameras

In Basel spielt Murray – allerdings nicht Andy, sondern dessen älterer Bruder Jamie. Eine monatelange Auszeit hat die Karriere des 29-Jährigen, der das Leben fernab des Rampenlichts schätzt, gerettet.

Jamie Murray steht stets im Schatten seines jüngeren Bruders Andy. Im Davis-Cup sorgen die Briten als Doppel für Furore – Ende November wollen sie in Belgien den Titel gewinnen.
Jamie Murray steht stets im Schatten seines jüngeren Bruders Andy. Im Davis-Cup sorgen die Briten als Doppel für Furore – Ende November wollen sie in Belgien den Titel gewinnen.
Keystone

Was verbindet man mit Tennis und dem Namen Murray? Na klar, Andy, Olympiasieger, Gewinner von zwei Grand-Slam-Turnieren, Weltnummer 2. Vielleicht noch Judy, überehrgeizige Mutter von Andy und dessen langjährige Trainerin. Aber Jamie? Er ist der ein Jahr ältere Bruder, von Beruf Doppelspieler. Ein ziemlich erfolgreicher.

Die verlorene Freude

Wer einen Interviewtermin mit Andy Murray bekommen will, braucht viel Geduld, etwas Glück und gute Beziehungen. Ein Gespräch mit Jamie zu führen dagegen ist kein Problem, an den Swiss Indoors in Basel geht das völlig unkompliziert beim Mittagessen, zwischen Teigwaren und Vanilletörtchen. An und für sich befinden sich die Brüder in anderen Welten, und doch ist vieles gleich. «Auch ich verdiene gutes Geld, logiere in schönen Hotels, spiele in grossen Stadien.

Aber Andys Leben spielt sich in der Öffentlichkeit ab, er hat neben dem Platz viel mehr Stress als ich», sagt Jamie Murray. Rasch wird klar: Der 29-Jährige verspürt keinen Neid, er ist glücklich mit sich und der Tenniswelt. Auf ihn gerichtete Kameras und ein grosses Tamtam um seine Person braucht er nicht. Es passt ganz gut, bestreitet er heute mit seinem australischen Partner John Peers das Erstrundenspiel in Basel auf dem kleinen Nebenplatz, am späten Abend.

Nicht nur Andy, auch Jamie Murray galt in Grossbritannien früh als aussergewöhnlich begabt. Sein erstes Turnier im Ausland gewann er sogleich; er war 10, als er in Frankreich einen gewissen Gaël Monfils im Final 6:0, 6:1 bezwang.

Bis er 15 war, hatte ihm der jüngere Bruder kaum etwas entgegenzusetzen. «Dann ging Andy nach Spanien – das war ein riesiger, wegweisender Schritt. Seine Fortschritte waren extrem.» Jamie Murray zog die Reise in südlichere Gefilde nicht einmal in Erwägung. Auf die Frage, ob die letzte Konsequenz beim Verfolgen der Ziele gefehlt habe, antwortet er ausweichend.

Noch nicht volljährig, verlor der Schotte die Freude am Tennis. Während einiger Monate rührte er den Schläger nicht an, befand sich oft auf Golfplätzen. Vom «Sabbatical» spricht er, «ich realisierte in dieser Zeit, was ich wirklich will».

Im Einzel aber tat er sich schwer, kam nicht über Rang 834 hinaus. «Die Entscheidung, mich aufs Doppel zu konzentrieren, fiel mir leicht», erzählt der Linkshänder, ergänzend, erfolgreiche Doppelspieler erhielten nicht genug Respekt für ihre Leistungen. «Wir werden zudem schlecht vermarktet, sagt die Nummer 7 der Welt. «Dabei bieten wir viel Unterhaltung. Im Doppel geht alles viel schneller als im Einzel, es gibt mehr verrückte Ballwechsel und Unvorhergesehenes zu sehen.»

Das Massaker von Dunblane

Andy und Jamie Murray könnten Zwillinge sein. Da sind die leicht gekräuselten Haare, da ist der etwas schlurfende Gang, die Körpergrösse von je 190 Zentimetern. Sie verstehen sich gut, das war nie anders. «Als Kinder reisten wir Jahr für Jahr nach Wimbledon. Ich schaute Tennis, Andy hingegen wollte möglichst viele Autogramme sammeln.»

Gemeinsam erlebten sie am 13. März 1996 das fürchterliche Massaker von Dunblane, als ein Attentäter in der Primarschule 16 Erstklässler und deren Lehrerin erschoss. Unter dem Pult im Zimmer des Rektors versteckten sich die Brüder während der Gräueltat. «Ich kenne Familien, die ihr Kind verloren haben», sagt Jamie Murray, «das Ausmass dieser Tragödie wurde mir aber erst Jahre später bewusst.»

Gewisse Sponsorendeals hat der Doppelspezialist nicht zuletzt dank seinem prominenten Familienmitglied abschliessen können. Es ist aber nicht sein Stil, sich im Glanz des erfolgreichen Bruders zu sonnen. Spielt dieser einen bedeutenden Match, nimmt Jamie selten in der «Murray-Box Platz», oft sitzt er irgendwo auf der Tribüne neben Kollegen.

Ende November allerdings werden die Murrays Seite an Seite auf grosser Bühne auftrumpfen – im Davis-Cup-Final gastiert Grossbritannien in Belgien.

Andy und Jamie sind ein eingespieltes Duo, zwei Turniere haben sie auf der Tour gewonnen. Im Final dürfte viel vom Ausgang des Doppels abhängen. «Spielen wir zusammen, bin ich der Leader», konstatiert Jamie, «ich kommuniziere mehr, sage Andy aber nicht, was er zu tun hat. Er spielt ja selbst ganz gut Tennis» Triumphieren die Briten im Davis-Cup, wird die Euphorie auf der Insel riesig sein. Und beim Namen Murray der eine oder andere wohl auch an Jamie denken.

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