«CNN berichtete noch am selben Abend»

Gstaad

Das Tennisturnier Swiss Open Gstaad feiert heuer das 100-Jahr-Jubiläum. Kein anderer hat diese Sportveranstaltung so geprägt wie Jacques Hermenjat, den alle nur «Köbi» nennen. Der 80-Jährige, von 1968 bis 2007 Turnierdirektor, blickt zurück.

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Adrian Ruch

Wenn jemandem der Übername «Mister Swiss Open Gstaad» gebührt, dann Jacques «Köbi» Hermenjat. Der 80-Jährige war zwischen 1946 und 2007 ins Turnier involviert. Für diese Zeitung kramt der rüstige Rentner, der an vielen Tennisevents rund um den Globus immer noch ein gern gesehener Gast ist, in seinen Erinnerungen. Er spricht über...

... das Jubiläumsturnier: «Für das Jubiläumsfest erhielt ich eine Einladung, involviert bin ich aber nicht mehr. Seit meiner Zeit als Turnierdirektor hat sich einiges verändert, dennoch bin ich froh, dass es diesen schönen Anlass immer noch gibt.»

... seinen ersten Einsatz: «Schon als ich ein kleiner Bub war, gingen die Teilnehmer in unserem Sportgeschäft ein und aus. Für mich war es die normalste Sache der Welt, dass im Sommer ein internationales Turnier stattfand. Ich ging über die Strasse, und schon war ich auf dem Gelände. 1946, als ich 11-jährig war, durfte ich erstmals als Balljunge mithelfen. Weil ich drei Sprachen beherrschte, kam ich mit den Spielerinnen und Spielern rasch in Kontakt. Mein Vater war ein Westschweizer, mit ihm redete ich Französisch. Englisch lernte ich in der Schule und in Gesprächen mit den zahlreichen Amerikanern, die nach dem Krieg in Gstaad ein Chalet gekauft hatten.»

...zu starke Gegner: «Weil ich Mitglied des örtlichen Tennisklubs war, durfte ich als bester Junior ein paar Mal mitmachen. Mit den Einheimischen wurde jeweils das Tableau aufgefüllt. Gegen die Spitzenspieler aus dem Ausland hatte ich keine Chance, aber es war interessant, gegen sie antreten zu dürfen. Mit 20 Jahren bestand ich die Prüfung zum Tennislehrer. Das Diplom bekam ich allerdings erst, als ich die Rekrutenschule absolviert hatte. Danach konnte ich nicht mehr am Turnier teilnehmen, weil es nur für Amateure offen war.»

...die Ernennung zum Turnierdirektor: «Ich gehörte schon länger zum OK und nahm regelmässig an Sitzungen in Wimbledon teil. Dort erfuhr ich 1968, dass künftig jedes Turnier einen Turnierdirektor würde stellen müssen. Als ich dies meinen Kollegen in Gstaad berichtete, hiess es: ‹Das machst du!›»

...den Wechsel in die Profiära: «1968 wurde die Trennung zwischen Amateuren und Profis aufgehoben. Das ging mit der Auszahlung von Preisgeldern und einer starken Reglementierung einher. Plötzlich mussten Setzlisten erstellt und eine Auslosung durchgeführt werden. Vorher hatten die Veranstalter die Tableaus nach Gutdünken zusammenstellen können.»

...die Folgen der Professionalisierung: «Früher war der Rahmen sehr familiär. Nach dem Final fand ein Abschlussball statt, und fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei. Wenn heute einer verliert, holt er das Preisgeld ab und ist spätestens am nächsten Morgen verschwunden.»

...die Verpflichtung der Stars: «Am Anfang kamen viele Spitzenspieler von selber, vor allem die besten Australier traten stets in Gstaad an. Nach Beginn der Profiära schloss ich einen Vertrag mit den ‹Handsome Eight› ab. Dieser Gruppierung gehörten acht der besten Tennisprofis an. Für 20000 Dollar wurde uns garantiert, dass fünf dieser acht nach Gstaad reisen würden. Bis zum Schluss immer wichtig blieb der persönliche Kontakt zu den Spielern. So gelang es uns immer wieder, Stars zu präsentieren.»

...ärgerliche Absagen: «Zwei attraktive Spieler kamen leider nie nach Gstaad: Jimmy Connors hatte die Teilnahme zugesichert, musste letztlich aber wegen einer Verletzung passen. Und John McEnroe wurde für drei Wochen gesperrt, weil er sich am World Team Cup in Düsseldorf rüpelhaft benommen hatte. Ich wehrte mich gegen diese Sperre – vergeblich. Später wurde das Reglement angepasst, weil man zur Einsicht kam, dass durch derartige Sperren vor allem die Turniere bestraft wurden.»

...die Streichung des Frauenturniers: «Das Mixed hatten wir schon vorher abgeschafft, weil die männlichen Profis nicht mehr teilnehmen und damit ihre Chancen im Einzel schmälern wollten. Plötzlich interessierten sich in der Schweiz diverse Leute dafür, internationale Turniere zu veranstalten. Der Schweizerische Tennisverband stellte uns 1983 vor die Wahl: Männer oder Frauen? Ich bat um 48 Stunden Bedenkzeit, um mich mit meinen Leuten zu beraten. Wir entschieden uns rasch für die Herren, deren Matchs bei den Zuschauern viel beliebter waren. Wir konnten damals nicht ahnen, dass Frauentennis hierzulande bald sehr populär sein würde. Martina Hingis war erst 3-jährig.»

...Männerfreundschaften: «Roy Emerson, der in Gstaad fünfmal triumphiert hat, kenne ich seit über 60 Jahren. Wir haben bis heute einen engen Kontakt. Auch mit Nicola Pietrangeli, Manolo Santana, heute Turnierdirektor in Madrid, sowie Rod Laver verstehe ich mich ausgezeichnet. Letzterer hat zweimal den Grand Slam geschafft und ist auch sonst eine beeindruckende Persönlichkeit. Laver ist etwas älter als ich und trägt einen Herzschrittmacher, aber er begrüsst mich immer noch mit Vornamen.»

...den Umgang mit schwierigen Typen: «Ich fand fast zu allen einen guten Draht. Ilie Nastase zum Beispiel betrachte ich nach wie vor als Freund. Und auch mit Marcelo Rios, auch er eine Nummer 1 mit zweifelhaftem Ruf, kam ich gut zurecht. Zu Beginn seiner Karriere hatte er Probleme mit dem chilenischen Verband. Er verpflichtete einen eigenen Trainer, war aber knapp bei Kasse. Ich sagte ihm, er solle die Qualifikation bestreiten, ich würde ihm aber das Preisgeld für einen Erstrundensieg garantieren. Er nahm das Angebot entgegen dem Rat seines Managers an. Wir verstanden uns danach immer gut. Einmal stellte Rios mir am Turnier in Miami zum Erstaunen vieler sogar seine Freundin vor.»

...Roger Federer und Stan Wawrinka: «Etwas stolz bin ich schon, dass ich den beiden Schweizer Grand-Slam-Siegern als Erster eine Wildcard gegeben habe. Als ich Roger 1998 in Wimbledon anrief und ihm die Wildcard anbot, sagte er: ‹Ich stehe erst im Halbfinal.› Ich antwortete: ‹Du bekommst sie sowieso.› Letztlich gewann er in Wimbledon den Juniorentitel und trat siebenmal in Folge in Gstaad an.»

...die Kuh für Federer: «Wir wollten Roger etwas Schweizerisches schenken, aber eine Uhr kam nicht infrage. Er hatte bereits einen Vertrag mit einer Uhrenmarke. Weil unsere Region durch die Landwirtschaft geprägt ist, hatten meine Leute die brillante Idee mit der Kuh Juliette. Es war der grösste Mediencoup in der Turniergeschichte – CNN berichtete noch am selben Abend, und danach gingen die Bilder um die Welt. Was die Kuh genau gekostet hat, weiss ich nicht mehr. Aber es war bestimmt die beste und günstigste Werbung für den Tourismus im Saanenland, die es je gegeben hat. Bei der Zeremonie fragte Roy Emerson Roger, ob er melken könne. Als dieser verneinte, sagte Roy, ein Bauernsohn: ‹Ich zeige es dir.› So gingen wir am nächsten Tag auf die Alp.»

...die schönsten Momente: «Ich kann nicht einzelne Erlebnisse nennen. Das Schönste war, dass ich in den wichtigsten Gremien Einsitz hatte und den Tennissport, als er sich im Umbruch befand, mitprägen konnte. Ich hatte zum Beispiel einen engen Kontakt zu Hamilton Jordan, dem ersten CEO der ATP, nachdem diese das Männertennis übernommen hatte. Der leider verstorbene Jordan war eine sehr interessante Person. Er hatte vor seinem Engagement im Tennis zum Beispiel Jimmy Carter zum US-Präsidenten gemacht.»

...die grösste Enttäuschung: «Das ich nach 2006 die Turnierrechte abtreten musste, war für mich ein Schock. Ich musste mich im April 2005 einer schweren Schulteroperation unterziehen und war danach sieben Wochen ausser Gefecht. Ich merkte daher erst nach dem Turnier, dass wir grosse finanzielle Probleme hatten. Sportlich war 2005 ein guter Jahrgang. Umso trauriger stimmte mich dann, als ich im Februar 2006 von Leuten, denen es am nötigen Know-how mangelte, vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.»

...spezielle Gegebenheiten: «Zwei lustige Anekdoten kommen mir noch in den Sinn. 1965 wartete ich als Tennislehrer am Sonntag um 8 Uhr in der Früh bei den Plätzen des Hotels Palace auf einen Kunden, als die dreimalige Wimbledon-Siegerin Maria Bueno kam und vergeblich ihren Trainingspartner suchte. Die Brasilianerin fragte mich, ob ich mit ihr einspielen würde. Wir schlugen eine halbe Stunde lang Bälle, danach marschierte Bueno ins Dorf hinunter und bestritt den Final, den sie allerdings gegen die Französin Françoise Dürr verlor. 2001 schieden die beiden Supertalente Roger Federer und Marat Safin im Einzel in der ersten Runde aus, spielten sich aber im Doppel gemeinsam in den Final. Als sie gegen Jeff Tarango und Michael Hill 0:1 in Rückstand geraten waren, kam der grosse Regen. Ans Weiterspielen war nicht mehr zu denken. Irgendwie einigte man sich darauf, dass der Amerikaner und der Australier aufgeben würden. So kommt es, dass das Duo Federer/Safin im Goldenen Buch eingetragen ist. Wie die Spieler das Preisgeld unter sich aufteilten, entzieht sich meiner Kenntnis – ich wollte das damals gar nicht wissen.»

Berner Zeitung

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