«Da wurde das Reglement kaltblütig angewendet»

Supervisor Andreas Egli erklärt, warum die Amerikanerin Tatishvili in Roland Garros mit 46'000 Euro gebüsst wurde.

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René Stauffer@staffsky

Als Nick Kyrgios in Rom einen Stuhl auf dem Court warf und davonlief, verlor er sein Preisgeld (33'635 Euro) und wurde wegen drei Regelverstössen zusätzlich mit 20'000 Euro gebüsst. Für Anna Tatishvili verhängten die Regelwächter am French Open 46'000 Euro Busse auf einmal, womit die in Georgien geborene Amerikanerin ihr gesamtes Preisgeld verliert. Ihr einziges Vergehen: Sie war gegen die formstarke Griechin Maria Sakkari (WTA 30) in 55 Minuten chancenlos und schied mit 0:6, 1:6 aus.

Der bekannte holländische Coach Sven Groeneveld war einer derjenigen, die zu ihrer Verteidigung schritt, die Busse harsch kritisierte und die WTA-Tour aufforderte, sich für ihre Spielerin zu wehren. Er wies zurecht darauf hin, dass es noch kürzere und einseitigere Erstrundenpartien als diese gegeben habe. Die Höhe der Busse überrascht tatsächlich und erscheint auf den ersten Blick unverhältnismässig hoch. Was war da los?

Ein Präzedenzfall

Der Schweizer Supervisor Andreas Egli, der in Paris für die Vergabe der Bussen zuständig ist, bestreitet gar nicht, dass an Tatishvili ein Exempel statuiert wurde. «Hier handelt es sich um einen Präzedenzfall, bei dem das Reglement kaltblütig angewendet wurde», sagt der erfahrene Innerschweizer, der an über 100 Grand-Slam-Turnieren aktiv war, ursprünglich als Schiedsrichter. Um diesen Fall hätten sich aber gleich vier Supervisoren sowie der Referee gekümmert, so Egli.

Das Videostudium und die Analyse der Partie hätten das Gremium zum Entscheid kommen lassen, dass die 29-Jährige gar nicht in der Lage war, auf diesem Niveau anzutreten und sie demnach einer anderen Spielerin den Platz im Tableau weggenommen habe. Tatishvili hatte seit Oktober 2017 wegen insgesamt drei Knöcheloperationen keine Partie mehr bestritten, die ehemalige Nummer 50 ist aus der Weltrangliste gefallen und konnte in Roland Garros auch nur antreten, weil sie von einem «geschützten Ranking» profitierte, das Spielerinnen nach Verletzungen den Einstieg erleichtern soll.

Das falsche Turnier gewählt

Egli weist darauf hin, dass es inzwischen aber auch Reglemente gibt, die verlangen, dass nur wirklich wettkampffähige Spieler zu Grand-Slam-Turnieren antreten dürfen. «Wenn jemand zwei, drei Wochen vor dem Turnier nicht gespielt hat und dann eine Leistung bringt, die nicht genügt, wird der Fall genau angeschaut. Bei ihr hatten wir klar das Gefühl, dass sie nicht hätte antreten dürfen.» Ein Anlass wie das French Open sei auch nicht dazu geeignet, als Einstiegsturnier nach einer zweijährigen Pause zu dienen.

Tatishvili hätte sogar die Hälfte des Preisgeldes erhalten, wenn sie sich dazu entschlossen hätte, ihren Platz einer anderen Spielerin zu überlassen. Mit diesem Passus kämpfen die Grand-Slam-Turniere seit zwei Jahren erfolgreich dagegen an, dass nicht fitte oder verletzte Spieler antreten, um die hohen Preisgelder für Erstrundenverlierer abzuholen und es so zu Verzerrungen im Turnier kommt oder fittere Spieler nicht antreten können. In Paris nahmen dieses Jahr über ein halbes Dutzend Spieler diese Möglichkeit wahr.

Tatishvili, die heute am kleinen Turnier in Bol auf Timea Bacsinszky trifft, kann gegen den Entscheid rekurrieren. «Wenn sie gute Gründe hat, erhält sie vielleicht ein wenig Geld zurück», sagt Egli. Wenn nicht, kann sie sich damit trösten, dass das Geld wenigstens für einen guten Zweck verwendet wird: Die Bussgelder fliessen zum grossen Teil in den Grand-Slam-Entwicklungsfonds, aus dem Stipendien vergeben werden für Tennistalente aus ärmeren Regionen.

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