Der doppelte Horror

Simona Halep, die Nummer 2 der Welt, erzählt in Cincinnati von zwei unschönen Premieren und von Albträumen.

Simona Halep will nicht mehr an die Weltrangliste denken, um sich nicht zu fest unter Druck zu setzen.

Simona Halep will nicht mehr an die Weltrangliste denken, um sich nicht zu fest unter Druck zu setzen.

(Bild: Keystone)

Adrian Ruch

Simona Halep ist eine fröhliche Person. Jedenfalls lacht die Rumänin im Interviewraum des Lindner Family Tennis Center immer wieder, als sie von den Erlebnissen der letzten Tage erzählt – meistens über sich selber. In Toronto hatte die Formkurve der 25-Jährige nach oben gezeigt, bis ihr am Samstagabend im Halbfinal gar nichts mehr gelingen wollte. 1:6, 1:6 unterlag sie Jelina Switolina. Gegen die starke Ukrainerin, welche die Jahreswertung ­anführt, kann man durchaus verlieren, selbst als Nummer 2 der Welt.

Schockierend war allerdings, dass Halep phasenweise kaum einen Ball ins Feld spielte. Diese Tatsache veranlasst sie dazu, in Mason bei Cincinnati zu sagen: «Ich möchte mich bei den Zuschauern entschuldigen.» Sie spricht von einem «Horrormatch, ich spürte den Ball schlicht nicht». Eine Erklärung für ihren missratenen Auftritt hat sie allerdings nicht. «Ich habe so etwas zuvor nie erlebt.» Und mit Galgenhumor fügt sie an: «Aber einmal ist immer das erste Mal.»

Zu kleiner Privatjet

Nach der herben Enttäuschung galt es, rasch den Transfer nach Cincinnati zu planen. Mit Linienflügen dauert die Reise trotz re­lativ kurzer Distanz rund zehn Stunden, daher empfahl Coach Darren Cahill, einen Privatjet zu buchen. Die zweimalige Roland-Garros-Finalistin stimmte zu. Cahill habe alles tadellos organisiert, erzählt sie auf ihre Premiere zurückblickend. «Doch als ich das Flugzeug sah, bekam ich Angst.» Der Coach redete seiner Spielerin gut zu – vermeintlich mit Erfolg. Nach wenigen Flugminuten war wegen der Zollformalitäten in Buffalo eine Zwischenlandung notwendig. Da habe sie gesagt, berichtet Halep: «Es ist genug, ich werde nicht mehr in dieses Flugzeug einsteigen. Also mieteten wir ein Auto und fuhren in sechs Stunden hierher.»

Was war denn das Problem? «Das Flugzeug war zu klein. Ich war kreideweiss und hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen.» Die kampfstarke Rechtshänderin sorgt für Lacher, als sie sagt: «Mein Physiotherapeut und mein Fitnesstrainer flogen auf meine Kosten weiter; der arme Darren musste hingegen gemeinsam mit mir fahren.»

Zwei Stunden sass die Profispielerin selber am Steuer, den Rest der Strecke lenkte der australische Coach den Mietwagen. «Im Jet schüttelte es mir zu fest, am Boden fühlte ich mich sicher. Die Reise war für mich entspannend.» Wird sie nie mehr per Privatjet reisen? Ein grösseres Flugzeug werde sie unter Umständen buchen, antwortet sie. «Aber so ein kleines: Nie wieder! Es war der Horror.»

Niederlage wirkt nach

Die Rumänin ist auch sehr offen, als sie auf die Möglichkeit angesprochen wird, nach dem Western & Southern Open die Weltranglistenspitze zu übernehmen. Wer die Nummer 1 sei, habe sich durch grosse Konstanz und viele gute Resultate ausgezeichnet. «Aber für mich ist nur eine wahre Nummer 1, wer auch einen Grand-Slam-Titel geholt hat.» Dieser ist ihr bis jetzt verwehrt geblieben. «Ich war in Paris sehr nahe daran, am selben Tag ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen und die Nummer 1 zu werden. Ich habe bis jetzt Albträume», erzählt sie mit Bezug auf die bittere 3-Satz-Niederlage im French-Open-Final gegen die junge Lettin Jelena Ostapenko.

«Das unbedingte Verlangen, es zu schaffen, bremste mich», gibt Halep zu. Daher wolle sie nun nicht mehr an das Ranking denken, sondern Match für Match nehmen und hart weiterarbeiten. Gesagt, getan: Nach dem Medientermin absolviert sie gleich noch eine zweite Trainingseinheit – schliesslich gilt es, das schlechte Gefühl aus dem Halbfinal von Toronto aus dem System zu kriegen.

Tags darauf kommt aus, ob Simona Halep den doppelten Horror verarbeitet hat. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe ist die Partie gegen Qualifikantin Taylor Townsend noch im Gang.

Berner Zeitung

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