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«Novak nennt mich immer Schatzi»

Boris Becker findet im Tennis Zuflucht vor seinem turbulenten Privatleben. In Melbourne sagt der Deutsche, wie er den Dreikampf um Federers Grand-Slam-Rekord sieht.

Per Becker-Hecht auf den Tennisolymp: 1985 düpiert Boris Becker in Wimbledon als 17-Jähriger die gesamte Weltelite.
Per Becker-Hecht auf den Tennisolymp: 1985 düpiert Boris Becker in Wimbledon als 17-Jähriger die gesamte Weltelite.
Keystone
Hoch die Tassen: Nach dem Viersatzsieg über Kevin Curren aus Südafrika präsentiert Becker, Übername «Bum Bum», die Wimbledon-Trophäe.
Hoch die Tassen: Nach dem Viersatzsieg über Kevin Curren aus Südafrika präsentiert Becker, Übername «Bum Bum», die Wimbledon-Trophäe.
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Klar ist: Boris Becker findet im Tennis Zuflucht von seinem turbulenten Privatleben. In der Tennis-Welt fühlt er sich wohl, hier blüht er auf.
Klar ist: Boris Becker findet im Tennis Zuflucht von seinem turbulenten Privatleben. In der Tennis-Welt fühlt er sich wohl, hier blüht er auf.
Getty Images
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Auf Boris Becker müssen, wieder einmal, alle warten. Mats Wilander und die anderen Experten vom Sender «Eurosport» sind längst da, als er an diesem Morgen etwas zerknittert zum Medientreff in einem Melbourner Hotel erscheint. Blauer Anzug, weisses Hemd, strohblonde Haare. 52 Jahre haben tiefe Furchen in sein Gesicht gezeichnet, aber eine beeindruckende Figur ist er geblieben. Sein Blick ist hellwach, seine Präsenz füllt das Zimmer fast alleine aus. Er scheint alle zu überragen.

Becker hatte 1985 als 17-Jähriger und ungesetzt Wimbledon gewonnen (Bild: Getty Images)
Becker hatte 1985 als 17-Jähriger und ungesetzt Wimbledon gewonnen (Bild: Getty Images)

Der Leimener mit Wohnsitz Wimbledon ist wegen des Tennis in Australien. Sein turbulentes Privatleben, das längst mehr Schlagzeilen abgeworfen hat als seine Karriere, ist hier weit weg und an diesem Morgen auch kein Thema. Wir sind ja am Australian Open. Und schnell wird klar, wie sehr ihn dieser Sport, der ihn schon als Teenager zur Überfigur werden liess, noch immer fesselt. Und auch, wie nahe er immer noch an dessen Puls ist. Zuletzt Anfang Jahr als Captain des deutschen Teams am ATP-Cup in Brisbane, nun als TV-Experte. Fast jede seiner Aussagen unterlegt er mit Gesten, seine Hände bewegen sich rastlos. Und je interessanter er eine Frage aus dem Rund der kleinen Grüppchen findet, denen Fragen er nun beantwortet, desto feuriger werden seine Aussagen, desto lauter ist seine Stimme.

«Ich liebe Novak, ich bin ein Fan von ihm»

Wer wollte Boris Becker, dem «Head of Men’s Tennis» des Deutschen Tennis Bundes, im Tennis auch die Kompetenz absprechen? Dem dreifachen Wimbledon-, zweifachen Australian-Open- und US-Open-Champion von 1989. Dem 49-fachen Turniersieger, Doppel-Olympiasieger und vielfachen Davis-Cup-Helden Deutschlands. Einer früheren Nummer 1. Spätestens seit seiner Berufung zum Coach Novak Djokovics taugt er nicht mehr als Pausenfüller, holte er sich den Respekt und die Anerkennung zurück, die über die Jahre etwas erodiert hatten. Immerhin arbeitete er mit dem Serben drei volle Jahre (2014 bis 16) und begleitete ihn zu sechs Majortiteln.

«Ich liebe ihn, ich bin ein Fan von ihm», sagt Becker über Djokovic (Bild: Getty Images)
«Ich liebe ihn, ich bin ein Fan von ihm», sagt Becker über Djokovic (Bild: Getty Images)

«Es war eine unglaubliche Reise», sagt Becker zur Zeit mit Djokovic. «Wir stehen uns immer noch sehr nahe, sprechen oft miteinander.» Dann lacht er: «Novak nennt mich immer Schatzi. Hey Schatzi, sag mal… Ich liebe ihn, ich bin ein Fan von ihm.» Der 16-fache Majorsieger aus Belgrad habe sich stets weiterentwickelt, deshalb sei er auch immer noch so gut. Dann schwärmt auch er vom verbesserten Aufschlag des Serben. Bereits 30 Asse hat ihm dieser in zwei Runden eingetragen.

Auch dank ihm selber sowie dem jetzigen Coach, Goran Ivanisevic, sei ihm diese Verbesserung gelungen, habe ihm Djokovic gesagt, verrät Becker. «Aber den grössten Unterschied, den ich bei ihm bewirkt habe, ist seine Positionierung auf dem Court». Jetzt ereifert sich der Deutsche, bewegt sich weg vom Stehtischchen und imitiert einen Tennisspieler. «Als ich mit ihm zu arbeiten begann, stand er viel weiter hinter der Grundlinie als jetzt. Er brauchte damals fünf Stunden, um eine Partie zu gewinnen. Und als er in den Halbfinals stand, war er müde und verlor.» Die verbesserte Position auf dem Court sei ein entscheidender Faktor seines gesteigerten Erfolgs.

Inzwischen steht Becker seinem deutschen Landsmann Alexander Zverev näher als Djokovic. So nahe, dass viele erwartet hatten, dass er dessen Privatcoach werden würde. «Alexander weiss, dass ich ein Freund von ihm bin und ihm nur das Beste wünsche», sagt Becker. «Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn er hier gewinnen würde.» Dass er nicht dessen Coach werden wolle, habe nichts mit Zverev zu tun. «Ich arbeite halt sehr gerne für Eurosport und die BBC und habe auch viele andere Aufgaben. Als Coach ginge das nicht mehr. Und ich habe auch keine Lust, die anderen Tätigkeiten aufzugeben.» Aber Coach könne man halt nicht nur drei oder vier Wochen im Jahr sein.

«Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn er hier gewinnen würde», sagt Becker über Alexander Zverev (Bild: Freshfocus)
«Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn er hier gewinnen würde», sagt Becker über Alexander Zverev (Bild: Freshfocus)

Fast zu allem hat der zweimal geschiedene vierfache Vater eine klare Meinung. So wäre er dafür, dass die Zahl der Gesetzten an den Grand Slams wieder von 32 auf 16 reduziert wird. «Das gäbe interessantere Spiele in den ersten Runden.» Befürworten würde er auch eine Legalisierung des Coachings. «Ich bin ein Fan davon. Tennis ist der einzige Sport der Welt, in dem Coaching nicht oder nur teilweise erlaubt ist.» Es sei gut, dass über eine Lockerung dieser Regeln diskutiert werde. «Die Qualität der Partien würde besser und die Rolle der Coaches wichtiger, dazu würden auch die Zuschauer profitieren. Und die Spieler müssten ja weiterhin alleine spielen.»

«Wie er da spielte…. unglaublich, nicht?»

Becker hatte 1985 als 17-Jähriger und ungesetzt Wimbledon gewonnen und den Titel im Jahr darauf verteidigen können. Als harter Aufschläger und Powerspieler erhielt er den Übernamen «Bum-Bum-Boris». Als er nun auf den Dreikampf zwischen Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer angesprochen wird, kommt er weiter in Schwung. Wer von diesem Trio einmal am meisten Grand-Slam-Titel aufweisen würde, wenn alle zurückgetreten seien, will diese Zeitung von ihm wissen (Federer steht bei 20, der Spanier bei 19, der Serbe bei 16). «Das ist natürlich die grosse Frage, gerade für euch Schweizer», sagt er. «Aber ich weiss es einfach nicht. Ich würde auch nicht ausschliessen, dass Roger noch einen 21. Titel holt. Wimbledon ist ja erst sechs Monate her, und zweimal fehlte ihm dort nur ein Punkt dazu. Man sollte nicht davon ausgehen, dass er mit 20 erledigt ist.»

«Und ich bin auch nicht überzeugt, dass Novak 25 Grand Slams gewinnt»

Boris Becker

Er sei allerdings auch nicht sicher, dass Nadal einmal mehr das French Open gewinnen werde (es wäre das 13. Mal). «Man weiss nie. Es ist offen. Und ich bin auch nicht überzeugt, dass Novak 25 Grand Slams gewinnt. Genau das ist die Faszination, die wir zurzeit erleben. Diese drei sind immer noch so gut und kompetitiv, dass wir nichts ausschliessen können. Und deshalb schauen wir weiterhin gebannt zu.»

Federers Leistung gegen Filip Krajinovic bringt auch ihn zum Schwärmen. «Wie er da spielte…. unglaublich, nicht? Dabei hatte er zuvor acht Wochen kein Turnier bestritten.» Seine Stimme hebt sich, als er sagt: «Solange diese drei Genies noch spielen und voll dabei sind, ist alles möglich. Das glaube ich tatsächlich.»

Tennissaison zu überfrachtet

Dann kommt die Rede auf die Tennispolitik und die neuen Teamwettbewerbe, mit dem Laver-Cup, dem revolutionierten Davis-Cup-Finalturnier sowie dem ähnlichen konzipierten ATP-Cup, der eben seine Premiere erlebte. Becker spricht weiter engagiert. «Es spricht für die Kraft des Tennis, dass es mehr Geld gibt als je zuvor. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht und den Kalender organisiert», sagt er. Er teile die Meinung, dass die Tennissaison überfrachtet ist – gerade, was diese Teamwettkämpfen betrifft. «Darunter leiden die Spieler. Aber was ist das perfekte Szenario, um den Davis-Cup, den ATP-Cup und den Laver-Cup zu entwickeln?»

Am Davis-Cup-Finale in Madrid und am ATP-Cup war er selber, und von beiden Anlässen schwärmt er. «Obwohl Deutschland in Madrid in einer leeren Halle gegen Grossbritannien und Chile spielte, war das Engagement der Spieler in allen Partien unglaublich intensiv. Das sagt mir etwas. Nämlich: Wenn man sein Land im ältesten Team-Wettbewerb repräsentiert, dann spielt es keine Rolle. Aber auch das Feuer und die Qualität am ATP-Cup waren unglaublich.»

Von Federer hält Becker sehr viel (Bild: Freshfocus)
Von Federer hält Becker sehr viel (Bild: Freshfocus)

Den Laver-Cup, an dem er nicht war, bezeichnet Becker als «die grösste Show. Von diesen drei Anlässen ist er zwar vielleicht am besten organisiert. Es ist auch toll, wenn Rafa und Roger am Spielfeldrand mitfiebern. Aber vom Tennis her ist es der schwächste dieser Anlässe. Er ist nur die beste Exhibition. Aber es war nicht Serbien gegen Spanien oder Australien gegen Deutschland.» Ein Patentrezept, wie der Kalender gestaltet werden sollte, hat auch er nicht. Klar ist für ihn aber, dass sieben Tage für das Davis-Cup-Finalturnier zu wenig sind. «Es müsste sich zumindest über zwei Wochenenden erstrecken.»

«Ein Aussenseiter wird es schaffen»

Der sechsfache Grand-Slam-Sieger, dessen wuchtiger Körper unter vielen Verletzungen und mehreren Operationen gelitten hat, war ein geborener Angriffsspieler, seine Hechtrolle ebenso berühmt wie die «Becker-Faust». Auch mit einer Prognose zum neuen Tennisjahr hält er nun nicht zurück. «Ich sage, dass einer ausserhalb der Big 3 erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird. Ein Aussenseiter wird es schaffen.» Er klopft auf den Tisch. «Das ist mein Bauchgefühl. Vielleicht Stefanos (Tsitsipas). Vielleicht Medwedew. Vielleicht Sascha (Zverev). Oder Thiem in Paris.»

«Ich sage, dass einer ausserhalb der Big 3 erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird»

Boris Becker

Er hoffe aber, dass der sich zuspitzende Generationenkampf noch etwas anhalte. «Letztes Jahr war ich kritisch und sagte: Die Jungen verstecken sich. Aber nun denke ich, dass sie aufgewacht sind. Sie sind nicht mehr zufrieden zu sagen: Ja, Federer war besser. Nein: Jetzt wollen sie besser sein.»

Doch nun muss Becker gehen, die Zeit ist um. Das Australian Open geht weiter, im Melbourne Park warten die nächsten Mikrofone.

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