Er ist unfassbar – auf und neben dem Platz

Novak Djokovic steht in seiner 250. Woche als Nummer 1. Nach der Sportpolitik soll für ihn ab dieser Woche in Madrid wieder das Tennis im Fokus stehen.

Novak Djokovic hat schwierige Wochen hinter sich. In Madrid rechnet er mit Besserung. Foto: Keystone

Novak Djokovic hat schwierige Wochen hinter sich. In Madrid rechnet er mit Besserung. Foto: Keystone

René Stauffer@staffsky

Novak Djokovic kommt mit 90 Minuten Verspätung in den Interviewraum von Madrid - aber wenigstens kommt er. Im Gegensatz zu Rafael Nadal: Der Sandkönig sagt am Montag alle Termine ab, auch das Training. Ob er überhaupt antreten kann, ist ungewiss. Er leide an einem Magenvirus, wird kolportiert.

Djokovic, für einmal in Freizeitkleidung, wirkt aufgeräumt. Er steht in seiner 250. Woche als Weltranglistenerster, was doch wieder einmal eine gute Nachricht ist für den Serben. Hinter ihm liegen schwierige Wochen, in denen er vor allem als Tennispolitiker aktiv und abgelenkt war, worunter seine Leistungen litten. Er scheiterte in Indian Wells (Kohlschreiber), Miami (Bautista Agut) und Monte Carlo (Medwedew) stets vor den Halbfinals. Er habe zu viel anderes im Kopf gehabt, erklärte er wiederholt.

Sein Weltranglisten-Jubiläum ruft in Erinnerung, dass er immer noch dabei ist, die Tennisgeschichte umzuschreiben. Nur noch vier Spieler waren länger die Nummer 1 als er, und die Statistiker der ATP-Tour errechneten, dass er im September auch Jimmy Connors (268) und Ivan Lendl (270) überholen könnte, 2020 dann auch Pete Sampras (286) und, am 30. Juni, Roger Federer (310), den Rekordhalter.

Diese Hochrechnungen scheinen allerdings doch etwas verfrüht. Nachdem der Serbe 2017 wegen einer Ellbogenoperation sechs Monate pausiert hatte, war er vor dem French Open 2018 bis auf Rang 22 zurückgefallen. Erst die Rückkehr zu seinem Coach Marian Vajda brachte ihn wieder auf die Erfolgsstrasse - dafür gleich auf die Expressspur. Schon am 5. November stand er zum 4. Mal auf dem Gipfel.

Die grossen drei führen

Abseits der Grand-Slam-Turniere, von denen er die letzten 3 und total 15 gewann, musste er aber einige Rückschläge einstecken, auch Ende 2018. Nach den ersten vier Monaten der neuen Saison führt er das Jahresklassement zwar mit 2405 Punkten an, Federer (2280) und Nadal (2145) folgen aber mit wenig Abstand.

«Ich spielte in den vergangenen zwei Monaten vielleicht nicht mein bestes Tennis. Aber ich baue mich langsam auf und hoffe, dass mir das hier wieder gelingen wird», sagt der 31-Jährige, der in Madrid am wenigsten Siege aller neun Masters-Turniere aufweist (24), aber doch zweimal triumphierte (2011/16) und heute gegen Taylor Fritz startet. Obwohl Nadal 2019 noch keinen Turniersieg feierte und angeschlagen wirkt, schiebt Djokovic die Favoritenrolle locker ihm zu. «Er ist an jedem Sandturnier der Favorit, speziell vor seinem Heimpublikum, wo er schon fünfmal gewonnen hat.»

Aber keiner sollte überrascht sein, wenn Djokovic spätestens in Roland Garros wieder gross aufspielen und den zweiten «Nole-Slam» holen würde, nach 2015/16. Der Zürcher Experte Heinz Günthardt wäre nicht erstaunt. «Bei ihm ist es oft eine Motivationsfrage. Sein Spiel basiert auf Athletik und Geduld, er kann die Gegner nicht wegschiessen», sagt er. «Und wenn er unruhig ist oder sich nicht wohlfühlt, macht er mehr Fehler als gewohnt. Aber das kann sich sehr schnell ändern.»

Dass der zweifache Familienvater zwischen den Grand-Slam-Turnieren den Fokus aufs Tennis ein bisschen verliert, könne er nachvollziehen, sagt Günthardt. Was er mit der Absetzung von ATP-Chef Chris Kermode bezweckte, dessen Vertrag Ende Jahr nun ausläuft, ist aber auch ihm schleierhaft. Djokovic, der Präsident des ATP-Spielerrats ist, wird nachgesagt, Justin Gimelstob als Kermodes Nach folger vorgesehen zu haben - ein Plan, der durch den Gerichtsfall des Amerikaners nun durchkreuzt wurde. Gimelstob reiste extra nach Monte Carlo, um Djokovic mitzuteilen, dass er freiwillig aus dem siebenköpfigen ATP-Board ausscheide, in dem er einer von drei Spielervertretern war.

Eine Lanze für Gimelstob

«Ein weiser Entscheid» sei das gewesen, sagt Djokovic - um Gimelstob schon im nächsten Satz überschwänglich zu loben. «Er war vielleicht der beste Spielervertreter in den über zehn Jahren, in denen er diese Rolle ausfüllte.» Als ihn ein Reporter danach darauf hinweist, dass einige Topspieler (insbesondere Federer) mehr Informationen wünschten, wie er sich die Tennistour in Zukunft vorstelle, weicht er aus wie ein Diplomat, redet viel, aber sagt wenig.

Novak Djokovic bleibt un berechen- und unfassbar. Auch neben dem Platz.

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