Exodus, Vorwürfe, Maulwürfe, Chaos

Novak Djokovic steht als Präsident des ATP-Spielerrats vor einem Scherbenhaufen, klammert sich aber an den Posten. Federer und Wawrinka beklagen die verworrenen Zustände.

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René Stauffer@staffsky

Seit Monaten dominieren im Männertennis auf politischer Ebene die Negativschlagzeilen. Chris Kermode, dem verdienstvollen Chef der ATP-Tour, wurde eine Vertragsverlängerung ab 2020 verweigert. Justin Gimelstob, jahrelang einer der Spielervertreter im Direktoren-Board, musste nach einer Verurteilung als Schläger abtreten. Novak Djokovic, dem Präsidenten des Spielerrats, wird mangelnde Kommunikationsfähigkeit vorgeworfen, und keiner weiss, was er wirklich im Schilde führt.

In Wimbledon eskalierte am Wochenende die Lage wie nie zuvor. Im Anschluss an ein Meeting des Spielerrats, das sich am Freitag über sieben Stunden und bis nach Mitternacht hinzog, erklärten vier der zwölf Mitglieder ihren sofortigen Rücktritt – Robin Haase, Jamie Murray, Sergei Stachowski sowie Daniel Vallverdu, der Vertreter der Coaches, der momentan zum Team von Stan Wawrinka gehört. Ihre Erklärungen waren praktisch deckungsgleich: Alle haben das Gefühl, dass ihre Anstrengungen wirkungslos blieben, sie gegen eine Mauer liefen.

Stachowskis Andeutungen

Der Spielerrat habe nicht das richtige Niveau, um das Tennis weiterzubringen, sagte Haase. Stachowski ging über Twitter noch weiter. «Es ist traurig, zu sehen, dass persönliche Gewinnsucht und Racheakte die Ursache sind, dass es im Spielerrat zu so grossen Gräben gekommen ist.» Irgendwann würden die Vorfälle bekannt und die ganze Struktur der Tour in Misskredit bringen, schrieb der Ukrainer. Es sei gar nicht möglich, in der jetzigen Lage unabhängig die Pflicht als Spielervertreter wahrzunehmen. Verschleierte Vorwürfe, die nur bedeuten können, dass einige Vertreter im Gremium kompromisslos Eigeninteressen verfolgen.

Als Djokovic am Samstag zu den Rücktritten befragt wurde, flüchtete er sich in ausschweifende Erklärungen über die Schwierigkeit, in der aktuellen Struktur Änderungen zu bewirken. Er beklagte zwar selber die Ineffizienz des Councils, lobte aber dessen Besetzung und zeigte vordergründig Verständnis für die Rücktritte. Als Auslöser dafür sieht er Maulwürfe in den eigenen Reihen: «Von praktisch allen wichtigen Meetings der letzten neun, zehn Monate gab es etwa vier oder fünf grössere Informationslecks.»

Djokovic, der am Montag gegen Philipp Kohlschreiber zur Titelverteidigung startet, stellt sich selber als aufopfernden Kämpfer für die Sache der Spieler dar. «Mein Team will zwar, dass ich zurücktrete. Aber etwas sagt mir, dass ich bleiben soll, denn ich fühle, dass wir Teil einer grossen Veränderung im Tennis sind.» Wie er sich diese vorstellt, bleibt allerdings ein Geheimnis.

Gegenüber holländischen Journalisten erklärte Haase gestern in Wimbledon, dass ein Teil des Spielerrats und seiner drei Board-Vertreter gar nicht bereit sei, auf Inputs aus Spielerkreisen einzugehen. Sein Vorschlag, Kermode ein weiteres Jahr Zeit zu geben, sei zwar von 47 Spitzenspielern getragen, aber dennoch übergangen worden.

«Man hört nur Negatives»

Stan Wawrinka, der sich schon im Januar – wie Rafael Nadal – hinter Kermode gestellt hatte, bezeichnete die Situation mit den Rücktritten als beunruhigend. «Momentan gehen die Emotionen hoch. Und die Dinge bewegen sich nicht in die beste Richtung. Man hört nur Negatives – oder was sie glauben, sei negativ.» Er habe noch nicht alle Informationen, «aber wichtig wird sein, was in den nächsten sechs Monaten konkret geschieht». Die Lage sei mit den verschiedenen Interessenvertretern und Gremien aber so kompliziert, dass es fast unmöglich sei, zu wissen, was konkret gemacht werden müsste.

Beunruhigt, gar leicht enerviert, äusserte sich auch Roger Federer über die jüngste Entwicklung. Er beklagte die häufigen Streitigkeiten im Spielerrat und dessen Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, gab aber zu, selber auch keine Patentlösung zu kennen.

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