Fast alles Kopfsache

Roger Federer bekommt am Sonntag die dritte Gelegenheit, den achten Titel zu holen und damit zum alleinigen Wimbledon-Rekordsieger aufzusteigen. Nach dem 3-Satz-Sieg über Tomas Berdych steht ihm am Sonntag noch Marin Cilic im Weg.

Ohne Satzverlust im Final: Roger Federer überzeugt in Wimbledon.

Ohne Satzverlust im Final: Roger Federer überzeugt in Wimbledon.

(Bild: Keystone)

Adrian Ruch

Im siebten Game des Wimbledon-Halbfinals gegen Tomas Berdych schlägt Roger Federer einen Stoppball. Der Versuch misslingt fürchterlich; der Ball springt etwa zwei Meter vor dem Netz auf. Auch sonst missrät dem 35-Jährigen, der ohne Übertreibung als Tennisgenie bezeichnet werden kann, für einmal einiges. Ungewohnt viele Rahmenbälle produziert er zum Beispiel. Im ersten Satz wird er gebreakt, weil ihm zwei Doppelfehler unterlaufen.

Seine Zufriedenheit hält sich während der Arbeit in Grenzen, was er danach auch zugeben wird. Zuweilen verlangt er den Videobeweis, entweder aus Frustration oder um ein paar Sekunden zu bekommen, die Gedanken zu ordnen. Der Superstar hat nicht den Ruf, bei diesen sogenannten «Challenges» eine gute Erfolgsquote aufzuweisen.

Dass er allerdings alle sechs Mal danebenliegt, ist doch erstaunlich. Und als Federer im dritten Durchgang bei einem Breakball den Ball ins Netz setzt, ruft ihm aus seiner Betreuerbox jemand ein aufmunterndes «Es ist okay» zu. Der Baselbieter antwortet harsch: «Es ist nicht okay, sch . . ., Mann!»

Stark bei den Big Points

Ein gewöhnlicher Tennisspieler würde die Partie verlieren, zumal Berdych eine starke Leistung zeigt. Doch Federer ist eben kein normaler Tennisspieler. Er steht nach 138 Minuten als 7:6 (7:4), 7:6 (7:4), 6:4-Sieger fest. Wie ist das möglich? Federer brilliert diesmal nicht durchgehend, aber er trumpft auf, wenn der Match auf Messers Schneide steht.

Im zweiten Tiebreak reisst er mit einem wuchtigen Vorhand-Return die Führung an sich. Er lässt diesem Ausrufezeichen drei weitere spektakuläre Vorhand-Gewinnschläge folgen – innert weniger Sekunden ist aus dem 1:1 ein 5:1 geworden, der Mist quasi geführt. «Dass ich beide Tiebreaks gewann, zeigt mein grosses Selbstvertrauen», sagt er. Und: «Das Selbstvertrauen spielt in grossen Matches eine immense Rolle.»

«Autos haben fünf, manchmal sechs Gänge, Federer scheint über zehn Gänge zu verfügen.»Boris Becker

Als sich Berdych im dritten Durchgang zwei Breakbälle erarbeitet hat, reagiert der Schweizer magistral: Ass, Ass, Servicewinner, Ass – die Gefahr ist gebannt. «Autos haben fünf, manchmal sechs Gänge, Federer scheint über zehn Gänge zu verfügen», sagt Boris Becker in seiner Analyse für den TV-Sender BBC.

Der Protagonist selber meint, er sei unter Druck nie panisch geworden. «Klar bin ich froh, habe ich all die Big Points gewonnen.» Wie muss man in diesen kritischen Momenten agieren? Es gelte kreativ zu sein, die richtigen Entscheide zu treffen und die richtige Dosis Risiko anzuwenden, erklärt er.

Auch Cilic mental stark

«Doch in erster Linie, muss man solche kritische Momente möglichst vermeiden. Es ist schlicht nicht möglich, 50 Breakchancen in Serie abzuwehren.» Trotzdem: Vieles ist sogar für einen begnadeten Spieler wie Federer Kopfsache, vor allem, wenn er für einmal die Filzkugeln nicht perfekt spürt. Für den einen oder anderen Geniestreich ist der Gewinner von 18 Grand-Slam-Titeln aber auch an einem durchschnittlichen Tag gut.

So zirkelt er im vorletzten Game, ohne auf Ball und Widersacher zu schauen, mit einem Squash-ähnlichen Vorhandschlag am vorgerückten Berdych vorbei. «Armer Tomas», lautet der Kommentar des ehemaligen britischen Hoffnungsträgers Tim Henman.

«Ich weiss, dass ich einen hohen Berg zu besteigen habe. Roger spielt vielleicht das beste Tennis in seiner Karriere.»Marin Cilic

Am Sonntag trifft Roger Federer im Final (15 Uhr, live auf SF2) auf Marin Cilic, welcher Sam Querrey 6:7, 6:4, 7:6, 7:5 bezwungen hat. Und was zeichnet den Kroaten neben dem starken Aufschlag aus? «In den kritischen Situationen war ich mental wirklich stark», erzählt der 28-Jährige.

Die beiden standen sich in Wimbledon schon vor zwölf Monaten gegenüber, damals setzte sich der Baselbieter durch, nachdem er drei Matchbälle abgewehrt hatte. Cilic ist überzeugt, seither besser geworden zu sein, «aber ich weiss, dass ich einen hohen Berg zu besteigen habe. Roger spielt vielleicht das beste Tennis in seiner Karriere.»

Federer klar favorisiert

Federer hat 27 Sätze in Folge gewonnen (7 davon im Tiebreak), er ist 2017 gegen Top-10-Spieler noch ungeschlagen und anders als im Vorjahr topfit. Er steigt als klarer Favorit in den Final, zumal er sechs von sieben Duelle mit Cilic (ATP 6) für sich entschied. Dennoch sagt er: «Es wird nicht einfach.» Die einzige Niederlage gegen seinen Herausforderer hat er noch in unguter Erinnerung. Cilic deklassierte ihn am US Open 2014 mit Hochrisikotennis und holte sich danach den Titel.

Aussenseiter im Final: Der Kroate Marin Cilic. Bild: Keystone

Mentale Stärke ist auch am Sonntag gefordert. Doch Marin Cilic wirkt psychisch ebenfalls sehr stabil, daher muss sich Federer im Vergleich zum gestrigen Auftritt steigern. Das weiss er, jedenfalls hält er fest: «Ich kann besser spielen.» Wenn ihm dies gelingt, wird er an der Church Road den achten Titel holen und als alleiniger Wimbledon-Rekordsieger in die Geschichte eingehen.

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