Federers Konkurrenz geht an Krücken

Andy Murray unterliegt angeschlagen in fünf Sätzen, Novak Djokovic gibt verletzt auf, ­Roger Federer verwöhnt in seinem 100. Wimbledon-Einzel die Zuschauer mit Traumtennis. Von den Favoriten ist nur noch er übrig geblieben.

Roger Federer fühlt sich topfit und zelebriert auf dem Centre-Court Traumtennis.

Roger Federer fühlt sich topfit und zelebriert auf dem Centre-Court Traumtennis.

(Bild: Keystone)

Es ist 18.11 Uhr. Die tief stehende Sonne wirft Schatten auf den Centre-Court von Wimbledon. Roger Federer und Milos Raonic sitzen beim Spielstand von 5:6 im dritten Satz auf der Bank und ­wischen sich den Schweiss von der Stirn, als auf den Rängen plötzlich Unruhe ausbricht. Der Grund ist rasch klar: Auf der ­Anzeigetafel wird eingeblendet, dass Novak Djokovic seinen Viertelfinal gegen Tomas Berdych aufgegeben hat.

«Ich wusste nichts von einer Verletzung, deshalb musste ich dreimal hinschauen, ob es sich wirklich um Novak handelt», wird Federer später sagen. «Zum Glück hat mich die Nachricht nicht beeinflusst.» Der 35-Jährige darf seine Gedanken in diesem Moment nämlich nicht abschweifen lassen. Es gilt, den Aufschlag zu halten und anschliessend das Tiebreak zu gewinnen. In der Kurzentscheidung sieht es zuerst aus helvetischer Perspektive nicht gut aus, doch der Baselbieter gleicht nach einem 0:3-Rückstand mit drei brillant gewonnenen Punkten aus.

Verwöhnprogramm

Der siebenfache Wimbledon-Champion bietet an seinem Jubiläumsspiel – es ist der 100. Match bei den Profis an seinem Lieblingsturnier – dem Publikum ein Verwöhnprogramm. Als die beiden die Seiten wechseln, hallen «Roger, Roger»-Rufe durch die Arena. Federer zaubert munter weiter, lässt einem Rückhand-Volley-Stopp einen Vorhandpassierball auf die Linie folgen. «In solchen Momenten versuchst du, ihm noch eine schwierige Aufgabe zu stellen, und denkst: ‹Mal schauen, ob er es wieder schafft.› Er schaffte es mal für mal», wird Raonic nach dem Match urteilen.

Kurz nach der Serie von fünf Traumpunkten hintereinander steht Federer als 6:4, 6:2, 7:6 (7:4)-Sieger fest und lässt sich feiern. Die Begeisterung der Zuschauer lässt darauf schliessen, dass sie Federers zauberhafter Auftritt über das Ausscheiden Andy Murrays hinweggetröstet hat. Der Schotte unterlag zuvor im selben Stadion Sam Querrey mit 6:3, 4:6, 7:6, 1:6, 1:6. Der Amerikaner hatte mit Djokovic schon im Vorjahr den Titelverteidiger eliminiert.

Murray zwickt die Hüfte. Bild: Keystone

Diesmal profitierte Querrey davon, dass Murray von Hüftbeschwerden geplagt wird. In den beiden letzten Sätzen bewegte sich der gewöhnlich flinke Schotte mehr schlecht als recht. Trotzdem suchte er keine Ausreden und lobte in erster Linie seinen Bezwinger, der grossartig aufgeschlagen habe. «Schon das ganze Turnier hatte ich Schmerzen. Ich gab bis zum Schluss mein Bestes, darauf bin ich stolz.»

Federers härteste Konkurrenten gehen mit Ausnahme Nadals an Krücken. Stan Wawrinka hat Knieschmerzen, Murray zwickt die Hüfte, und Djokovic konnte den Match gegen Berdych wegen einer Ellbogenverletzung nicht beenden. Er sei vor dem Spiel fast zweieinhalb Stunden auf einem Massagetisch gelegen, berichtete er. «Ich tat alles, was möglich war, um fit zu sein.» Der Serbe, der erzählte, der Ellbogen mache ihm seit anderthalb Jahren immer wieder zu schaffen, schloss eine längere Pause nicht aus.

Djokovic schmerzt der Ellbogen. Bild: Keystone

Drei Grössere und Stärkere

Als Letzter der acht Viertelfinalisten stellt sich Federer der Presse. Auf Murray und Djokovic angesprochen, sagt er: «Ich wünschen ihnen alles Gute, als Rivale und als Freund. Ich hoffe, sie sind bald wieder gesund.» Im Halbfinal vom Freitag trifft Federer auf Berdych (ATP 15), im Endspiel wären Marin Cilic (ATP 6) und Querrey (ATP 28) die möglichen Gegner. Die Aussichten des Superstars sind also rosig, auch wenn er sich sehr respektvoll über seine drei Herausforderer äussert. «Alle drei sind grösser und stärker als ich.»

Federer hat den 50. Grand-Slam-Viertelfinal und das 100. Einzel auf dem heiligen Rasen erfolgreich hinter sich gebracht und im All England Club mit der 12. Halbfinalqualifikation einen Bestwert aufgestellt. Was bedeuten ihm diese Zahlen? «Es ist ein gutes Gefühl, sich in der Wimbledon-Geschichte zu verewigen, zumal es am Anfang das Ziel war, hier überhaupt einmal spielen zu können», antwortet Federer. Er könne auf viele schöne Momente zurückblicken. Abschliessend sagt er zum Thema Rekorde: «Es ist nicht wichtig, aber es ist schön.»

Wichtig ist ihm aber, den achten Wimbledon-Titel zu holen und damit an seinem Lieblingsevent den wichtigsten Rekord in seinen alleinigen Besitz zu bringen. Sollte ihm das nicht gelingen, wäre es eine Überraschung. In den ersten neun Turniertagen ist freilich viel Unvorhergesehenes passiert – die anderen Mitglieder der «Big 4» wissen Bescheid.

Berner Zeitung

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