Federers Kreuz mit dem Rücken

Den Weltranglistenzweiten verfolgen bereits seit elf Jahren Schmerzen. Seine Verletzungsgeschichte und neue Informationen zum jüngsten Vorfall lassen wenig Hoffnung auf einen problemlosen Einsatz in Lille zu.

Ankunft im Flughafen von Lille: Roger Federer gestern Nachmittag. Foto: Keystone

Ankunft im Flughafen von Lille: Roger Federer gestern Nachmittag. Foto: Keystone

René Stauffer@staffsky

Wird Roger Federer, der am Montagnachmittag von London nach Lille flog, rechtzeitig fit für den Davis-Cup-Final? Seine an den World Tour Finals am Samstag gegen Stan Wawrinka aufgetauchten Rückenprobleme sind gemäss zuverlässigen Informationen alles andere als harmlos. Sein Forfait für den Final gegen Novak Djokovic sei schon am Sonntagmittag festgestanden, rund sechs Stunden vor Spielbeginn. Die Spekulationen, er wäre wohl angetreten, wenn nicht der ­Davis-Cup-Final angestanden hätte, seien haltlos, hiess es auch. Federer habe am Abend kaum sitzen können – was mit ein Grund gewesen sei, dass er keine Medienkonferenz mehr gab.

Der im Tennis erfahrene Sportarzt Heinz Bühlmann beurteilte Federers Einsatzchancen in Lille gestern auch skeptisch. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bis am Freitag reicht. ­Neben der Therapie muss er auch trainieren können.» Zur Umstellung vom Londoner Hartplatz auf den Sand von Lille ­benötigt er mindestens zwei Tage. Zwar könnte er auch erst für das Doppel am Samstag und/oder ein entscheidendes Spiel am Sonntag eingewechselt werden – womit aber am ersten Tag der ganze Druck auf ­Stan Wawrinka liegen würde.

Vom Forfait bis zum Triumph

Eine Chronologie seiner Probleme im unteren Bereich der Wirbelsäule zeigt, dass die Palette der Auswirkungen gross ist und von wundersam schnellen Heilungen bis zu mehrmonatigen Einschränkungen reicht.

► Wimbledon 2003: Beim Einspielen vor dem Achtelfinal gegen Feliciano Lopez spürt er einen stechenden Schmerz im Rücken. «Ich konnte mich nicht mehr bewegen, alles war blockiert», erzählt er später. Schon nach zwei Games wird er gepflegt, spielt aber weiter und gewinnt – dank Schmerztabletten, wärmeren Temperaturen und einem ungeschickten Gegner. Tage später gewinnt er sein erstes Wimbledon-Turnier.

► Basel 2003: Im zweiten Einsatz an den Swiss Indoors scheidet er mit blockiertem Rücken gegen Ljubicic aus. Tage später wirkt er in Paris ver­unsichert und scheidet wieder früh aus.

► Melbourne 2005: Er verliert den ­Final des Australian Open trotz Matchball gegen Marat Safin. Er hat Schmerzen im linken Fuss und will ihn entlasten, worauf sich der Rücken verspannt.

► Paris 2008: Im Herbst des Jahres mit dem Drüsenfieber rebelliert der Rücken wieder. Gegen James Blake muss er erstmals in seiner Karriere Forfait erklären. Wegen der Schmerzen reist er schlecht vorbereitet ans Masters nach Shanghai, wo er zum bisher einzigen Mal (in 13 Anläufen) die Halbfinals verpasst. Später erklärt er, dass er lange fast panische Angst hatte, die Rückenprobleme könnten wieder auftauchen, weshalb er sein Spiel umstellte und Vertrauen verlor.

► Frühling 2009: Um den Rücken zu schonen, sagt er Dubai und den Davis-Cup in den USA ab.

► Wimbledon 2010: Mit Schmerzen im Rücken und im rechten Bein unterliegt er im Viertelfinal Tomas Berdych.

► Doha 2012: zweites Forfait wegen des Rückens (gegen Tsonga).

► Wimbledon 2012: Im Achtelfinal gegen Xavier Malisse spürt er schon früh wieder Schmerzen im Rücken, muss sich ausserhalb des Courts behandeln lassen. Eine halbstündige Regenpause und Medikamente bringen Besserung. Er ­beendet das Turnier als Sieger.

► Indian Wells 2013: Wieder melden sich gegen Ivan Dodig die Schmerzen. Doch er spielt weiter, schlägt auch noch Wawrinka und spielt gegen Rafael Nadal ebenfalls zu Ende. Ein grosser Fehler, wie sich bald zeigen wird.

Abrupter Rückfall

Das Jahr 2013 wird zu Federers schwierigstem, was den Rücken betrifft. Er kann monatelang nicht richtig trainieren, gewinnt nur ein Turnier, verliert viel Selbstvertrauen und fällt in der Weltrangliste zurück bis auf Rang 8 (im Frühling 2014). Die zu Ende gehende Saison verlief nun aber wieder erstaunlich problemlos, weshalb Federer sein Turnierprogramm intensivierte. Am US Open in New York erklärte er im Sommer, dass er die Rückenübungen, die er seit Jahren fast täglich machen müsse, etwas angepasst habe. «Ich hatte meine Übungen zwar immer gemacht, aber zu oft das Gleiche. So entstand eine Dys­balance. An gewissen Stellen wurde der Rücken zu stark, andere gingen ver­gessen.» Diese Defizite habe er nun aufarbeiten können.

Pierre Paganini, sein Fitnesstrainer und langjähriger Berater, hatte bereits im vergangenen Dezember erklärt: «Wir wissen, dass die Rückenprobleme zurückkommen können. Aber auch, dass er mehr oder weniger lange Phasen ­haben kann, in denen es super läuft. Für diese kämpft er, und wir sind sehr zuversichtlich.» Diese Zuversicht war berechtigt – bis acht Tage vor dem Saisonende und einem fast dreistündigen Kampf ­gegen seinen Davis-Cup-Finalgefährten.

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