Gesucht: Ein neuer Grand-Slam-Sieger

Die grossen drei regieren das Tennis mit eiserner Hand. Letztmals gab es am US Open 2014 mit Marin Cilic einen neuen Major-Champion. Die Jungen trauen sich den Coup kaum zu.

Hat er das Zeug zum Champion? Dominic Thiem war Finalist am French Open 2018. Bild: Getty

Hat er das Zeug zum Champion? Dominic Thiem war Finalist am French Open 2018. Bild: Getty

Simon Graf@SimonGraf1

Als es letztmals einen neuen Grand-Slam-Sieger bei den Männern gab, hätte man es für einen schlechten Witz gehalten, wäre einem gesagt worden, dass Donald Trump der nächste US-Präsident nach Barack Obama sein würde. Damals hatte der Immobilienmogul seine öffentlichen Auftritte vornehmlich noch in der TV-Show «The Apprentice», zelebriert, wo er genüsslich den Satz zu sprechen pflegte: «Du bist gefeuert!»

Am 8. September 2014 besiegte Marin Cilic in einem einseitigen New Yorker Endspiel einen müden Kei Nishikori in drei Sätzen. Die beiden hatten in den Halbfinals Roger Federer und Novak Djokovic bezwungen. Es fühlte sich an wie der Vorbote einer Wachablösung. Cilic bedankte sich nach dem Triumph bei Stan Wawrinka, der mit seinem Australian-Open-Titel im Januar die Tür für neue Grand-Slam-­Sieger geöffnet habe.

Es gab im Männertennis noch nie eine solch lange Phase ohne einen neuen Grand-Slam-Sieger – angefangen bei Wimbledon 1877.

Diese Tür hat sich schnell wieder geschlossen. Die folgenden 19 Major-Champions hiessen entweder Djokovic (neunmal), Nadal (viermal), Federer (dreimal), Wawrinka (zweimal) oder Murray (einmal). Es gab im Männertennis noch nie eine solch lange Phase ohne einen neuen Grand-Slam-Sieger – angefangen bei Wimbledon 1877. Zum Vergleich: Bei den Frauen gab es seit dem New Yorker Coup von Cilic neun neue Champions auf höchster Stufe. Wobei natürlich diese Fluktuation auch ungewöhnlich ist.

Cilic qualifizierte sich für zwei weitere Grand-Slam-Finals, die er in Wimbledon 2017 und Melbourne 2018 gegen Federer verlor. Selbst wenn er keinen weiteren grossen Titel mehr gewinne, könne er doch sehr stolz sein auf sich, sagte der Kroate kürzlich in einem Interview mit der «New York Times». Einmal in die Phalanx der grossen drei eingebrochen zu sein, sei doch schon eine hervorragende Leistung. Diese Aussage zeigt, wie gross der Respekt vor den Dominatoren des Tennis ist.

Die drei treiben sich an

Cilic glaubt, dass ihre Rivalitäten die Karrieren von Federer, Nadal und Djokovic befeuert haben. «Sie kämpfen die ganze Zeit um Rekorde und treiben sich gegenseitig an. Sie fühlen sich stets herausgefordert, und das macht es für uns andere schwieriger.» Siegt Nadal in New York, liegt er nur noch einen Grand-Slam-­Titel hinter Federer zurück. Für Djokovic, inzwischen während 266 Wochen die Nummer 1, rückt schon bald einmal die Bestmarke des Schweizers von 310 Wochen in den Fokus, wenn er so stark weiterspielt. Jeder grosse Sieg hat einen Einfluss auf die Tennisgeschichte.

Thiem lauert in Paris

Seit dem Sieg von Cilic gab es nur drei neue Grand-Slam-Finalisten: 2016 in Wimbledon Milos Raonic, 2017 am US Open Kevin Anderson und 2018 am French Open Dominic Thiem. Die beiden Aufschlagriesen Raonic und Anderson werden schon länger von Verletzungen geplagt, mussten beide für Flushing Meadows absagen. Thiem scheint das Potenzial zu haben, um Nadal dereinst als Sandkönig abzulösen. Aber wann? Der Spanier würde das French Open gerne noch ein paarmal gewinnen.

Thiem scheint das Potenzial zu haben, um Nadal dereinst als Sandkönig abzulösen.

In Wimbledon schienen die grossen drei der Konkurrenz so weit entrückt wie schon lange nicht mehr. Die Herausforderer auf den Rängen 4 bis 6 – Thiem, Alexander Zverev und Stefanos Tsitsipas – schieden alle in Runde 1 aus. Bei Zverev schien sich mit dem Titel an den ATP-Finals 2018 der Knoten gelöst zu haben, doch die Trennung von seinem Manager Patricio Apey macht ihm in diesem Jahr sehr zu schaffen. Wenn er den Kopf wieder frei hat und vielleicht einen neuen Coach, ist mit ihm wieder zu rechnen. Tsitsipas deutete sein grosses Potenzial am Australian Open mit dem Sieg über Federer an, doch ihm fehlt noch die Konstanz.

Zwei Wochen sind lang

Der grosse Aufsteiger der letzten Wochen ist der Russe Daniil Medwedew, der in Washington, Montreal und Cincinnati 14 Matches gewann, Djokovic schlug und auf Rang 5 vorstiess. Doch so richtig scheint es sich der 23-Jährige nicht zuzutrauen, der nächste Major-Sieger zu werden. So sagte er: «Ein Grand Slam dauert zwei Wochen, das heisst, du musst zwei Wochen lang konstant sein, dich gut fühlen, dich nicht verrückt machen lassen. Es muss alles zusammenkommen. Ich glaube, dafür brauche ich noch mehr Erfahrung.»

An dieser mangelt es den grossen drei definitiv nicht. ­Nadal bestreitet in New York sein 58. Grand-Slam-Turnier, Djokovic sein 59., Federer sein 78.

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