«Ich glaube nicht, dass ein Telefon­anruf Federer umstimmen könnte»

Turnierdirektor Guy Forget über die Persönlichkeit von Seriensieger Nadal und Roger Federers Absagen.

Eine frühere Station seiner Karriere: Guy Forget als Captain des französischen Davis-Cup-Teams (2012). Foto: AP, Keystone

Eine frühere Station seiner Karriere: Guy Forget als Captain des französischen Davis-Cup-Teams (2012). Foto: AP, Keystone

Können Sie Roland Garros geniessen, oder ist es dazu zu stressig?
Ich geniesse es auf meine Weise. Ich bin sehr dankbar dafür, was mir in meinem Leben alles widerfahren ist. Vieles dank des Tennis. Sei es als Spieler, als Davis-Cup-Captain oder als Turnierdirektor. Mein Berufsleben hat sich mit den Jahren verändert, doch es dreht sich immer noch ums Gleiche: um meine Jugendliebe, das Tennis. Zu erleben, wie wir auf das Turnier hinarbeiten bis zum Tag, an dem die Spieler an die Türe klopfen, ist faszinierend. Gross Tennis schauen kann ich indes nicht. Wenn ich mich ­belohnen will, setze ich mich für drei Games ins Stadion. Mehr geht nicht.

Das French Open wird personifiziert durch Rafael Nadal. Seine dominante Rolle drückt aber auch auf die Spannung. Wie sehen Sie das?
Wenn mir Leute sagen, es sei langweilig, wenn Nadal wieder gewinne, antworte ich: Ihr könnt etwas Einzigartiges erleben! Die Bestmarken von Rafa und von Roger werden in den nächsten 100 Jahren wohl nie mehr übertroffen. Am Tag, an dem sie nicht mehr da sind, wird man sagen: Ach, wie war das schön! Ich erinnere mich an die Zeit, als hier Borg dominierte. Da mäkelten einige: Ach, wie langweilig, er gewinnt ja sowieso! Heute schwärmt man: Die Epoche mit Borg und McEnroe, wunderbar! Und man vergisst, dass Borgs Dominanz zeitweise so gross war, dass man sich etwas anderes wünschte. Man freute sich sogar, dass Lendl aufkam, dieser humorlose Zeitgenosse, weil man sehen wollte, wie jemand Borg ins Wanken bringt.

Wer bringt Nadal ins Wanken?
Ich weiss nicht, ob die Zeit der Jungen schon gekommen ist. Ich glaube, eher nicht. Aber ob man Nadal mag oder nicht, wenn man ihm zuschaut, muss man einfach sagen: Das ist phänomenal! Wie er nach all diesen Titeln immer noch diesen Antrieb hat, jeden Punkt zu gewinnen, als hänge sein Leben davon ab. Als Borg 25 oder 26 war, sagte er: Basta, ich habe genug. Auch Wilander trat früh zurück. Aber Nadal mit seinem physisch anspruchsvollen Spiel hat nach all den Jahren noch diesen riesigen Hunger.

Nadal wird hier nicht so verehrt wie Federer in Wimbledon. 2009 unterstützten die Fans Söderling gegen ihn frenetisch. Wie ist es heute?
Nadal wurde nicht mit offenen Armen empfangen. Es gab solche, denen sein Spiel nicht passte. Anderen missfiel seine Attitüde, wie er fast schon arrogant ­rüberkam. Aber wenn man ihn kennen lernt, merkt man: Das ist der demütigste und netteste Mensch, den es gibt. Wie er sich auf dem Court gibt, ist auch ein Schutz. Damit will er dem Gegner zeigen, dass er sehr von sich überzeugt ist. Dabei ist er einer, der ­immer wieder zweifelt. Aber gerade deswegen ist er heute noch so stark. Ich glaube, das französische ­Publikum hat ihn mit den Jahren besser verstehen gelernt, seine wahre Persönlichkeit entdeckt.

Der grosse Ab­wesende ist in Paris wieder Federer. Was unternahmen Sie, um ihn von einer Teilnahme zu überzeugen?
Nichts. Roger legt seine Prioritäten fest und organisiert dann seine Planung. Was er übrigens sehr gut macht. Ich glaube nicht, dass ihn ein Telefon­anruf von mir umstimmen könnte.

Ärgert es Sie, dass er Roland Garros zum 3. Mal in Folge ausgelassen hat?
«Ärgern» wäre ein zu starkes Wort. Aber ich denke, dass viele Fans traurig sind.

Wilander schrieb in «L’Equipe», Federer schulde dem Sport, hier zu spielen. Wie sehen Sie das?
Das ist eine komplizierte Debatte, in die ich mich nicht einmischen möchte. Ich hoffe einfach, dass er nochmals hier antritt. Dass er so vermisst wird, ist ja auch ein Kompliment. Vor fünf Jahren hätte niemand gedacht, dass er heute noch die Nummer 1 oder 2 sein würde. Wenn er einfach noch ein bisschen spielen würde, gäbe es diese Debatte nicht.

Hätte er um den Titel ­spielen können, wenn er sich vorbereitet hätte?
Ich bin überzeugt, dass er nur schon mit einer anständigen Vorbereitung, keiner solch intensiven wie mit 25, noch zu den Top 3 auf Sand zählen würde. Roger ist nicht wie Sampras oder Agassi. Die ­waren nie wirkliche Sandplatzspieler, beherrschten die Feinheiten nicht, das Rutschen, das Winkelspiel, die Variationen. Roger ist auf dieser Unterlage gross geworden. Ohne Nadal hätte er hier schon sechsmal gewonnen.

Wird er nochmals hier spielen?
Ich weiss nicht, ob er es selber weiss. Ich glaube nicht. Seine Priorität ist Rasen. Er denkt im Moment sicher nicht über Roland Garros 2019 nach.

Noch zu einem anderen Schweizer: Halten Sie noch Kontakt zu Jakob Hlasek, mit dem Sie fünf Doppeltitel gewannen, 1990 auch das Masters?
Natürlich. Mit Jakob teile ich einige der schönsten Erinnerungen. Ich bewunderte, wie rigoros er seine Karriere anging, wie viel er investierte. Meine Karriere ist stark verknüpft mit seiner. Ich freue mich immer, ihn zu sehen. Aber er kommt nur noch selten nach ­Paris. Ich treffe nun viel öfter Marc Rosset, der hier fürs Westschweizer Fernsehen kommentiert. Ich finde Marc übrigens sehr gut, er hat am Mikrofon grosse Fortschritte ­gemacht. Es macht immer Spass, Spieler aus früheren Zeiten zu treffen. Auch wenn wir nun eine Krawatte tragen.

Marc Rosset trägt eine Krawatte?
(lacht) Nein, Marc natürlich nicht.

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