«Ich warte noch auf Rogers Dank»

Robin Söderling stürzte 2009 als Erster Rafael Nadal in Roland Garros – und machte den Weg frei für Roger Federer.

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Simon Graf@SimonGraf1

Wenn man Robin Söderling heute erlebt, eloquent und charmant, immer ein Schmunzeln auf den Lippen, glaubt man kaum, dass dies der gleiche Mann ist, der mit seinem Furor Tennisgeschichte schrieb. Neun Jahre ist es her, und der Schwede wird fast immer noch täglich darauf angesprochen. Das Stade Roland Garros erzitterte, als er im Achtelfinal Sandkönig Rafael Nadal in vier mit­reissenden Sätzen stürzte.

Es gilt bis heute als eine der grössten Überraschungen des Tennis, wenn nicht als die grösste. 31:0 hatte Nadals Bilanz an seinem Lieblingsturnier gelautet, er galt an der Porte d’Auteuil über drei ­Gewinnsätze als unbezwingbar. Doch Söderling spielte wie ein Mann auf einer Mission, mit einer Wut im Bauch. Man merkte: Er mochte Nadal nicht.

Mit seinem Coup räumte er den Weg frei für Roger Federers einsamen Paris-­Titel. Auf die Frage, ob sich der Schweizer einmal bei ihm dafür bedankt habe, muss er lachen. «Nein. Aber das sollte er. Ich warte immer noch auf seinen Dank.» Dann fügt er etwas ernsthafter an: «Ich glaube schon, dass er froh war, dass ich Rafa geschlagen hatte. Aber wer weiss, was sonst passiert wäre? Hätte er Paris bis heute nicht gewonnen, er würde heute bestimmt noch hier spielen.»

Der Final 2009 war dann eine ein­seitige Sache. Söderling wirkte gegen ­Federer ungewohnt zahm, als ob er all seine Emotionen zuvor aufgebraucht ­gehabt hätte. Und im folgenden Jahr war er im Pariser Endspiel erneut chancenlos, diesmal gegen Nadal.

Der heute 33-Jährige hatte lange daran zu nagen, dass seine Karriere viel zu früh zu Ende ging, mit 26. Und ihr die Krönung in Form eines Major-Titels verwehrt blieb. Wohl auch deshalb ist er erst jetzt, sieben Jahre nach seinem letzten Profimatch, an die Stätte seiner denkwürdigsten Auftritte zurückgekehrt.

Die harten Seiten des Tennis

«Unglaublich, was sich hier alles verändert hat», sagt er. Aber viele Gesichter sind noch die gleichen. Söderling ist inzwischen als Coach von Elias Ymer, des bestklassierten Schweden (ATP 122), wieder auf der Tour unterwegs. «Wenn ich mit ihm reise und die Spieler aus meiner Zeit wiedersehe, denke ich: Du solltest hier sein als Spieler, nicht als Coach. Aber dann sehe ich den Stress in ihren Gesichtern, wie angespannt sie sind vor ihren Matches. Es mag von aussen aussehen wie ein traumhaftes ­Leben. Aber es ist auch hart.»

Söderlings Gesichtszüge haben sich jedenfalls entspannt. Und er kann nun auch relativ locker über seine lange ­Leidensgeschichte reden, die im Sommer 2011 begann. In Wimbledon hatte er Fieber und Halsschmerzen, zunächst dachte er, es sei nicht so schlimm. Er fühlte sich bald wieder besser, gewann danach sein Heimturnier in Bastad, ehe er so richtig krank wurde und ihm das Pfeiffer’sche Drüsenfieber diagnostiziert wurde. «Ich hatte kaum mehr Energie, musste eine Pause einlegen auf dem Weg vom Bett bis zum Badezimmer, das nur zehn Meter entfernt war.» Es zog sich über Monate hin. Er unternahm danach mehrere Versuche, auf die Tour zurückzukehren. Doch als er 2015 nochmals ­alles probierte und sich die Symptome wieder meldeten, als er das Training ­intensivierte, sah er ein, dass es keinen Sinn mehr machte.

Endlich Frieden geschlossen

«Jedes Mal, wenn ich darüber nachgrüble, sage ich mir, das hätte mir auch mit 18 passieren können», sagt er. «Ich hatte ja trotzdem eine gute Karriere. Es ist für jeden Athleten schwierig, wenn er nicht selbst bestimmen kann, wann er aufhört. Aber ich habe damit Frieden ­geschlossen. Und fühle mich körperlich endlich wieder gut.»

Als Coach von Elias Ymer steht er nun auch wieder oft auf dem Court. Er hat den 22-Jährigen, den Sohn äthiopischer Einwanderer, in die Nähe der Top 100 ­geführt. Er selbst hatte mit Magnus Norman einen der besten ­Coaches. Es sei ein grosser Vorteil, wenn ein Coach ein Topspieler gewesen sei, ist er überzeugt: «Wenn ich vor grossen Spielen mit Magnus sprach, wusste ich, dass er schon in dieser Situation gewesen war. Wenn du das nicht selber erlebt hast, bist du nicht richtig glaubwürdig als Coach.»

Söderling blieb dem Tennis verbunden, war 2014 und 2015 Turnierdirektor beim Stockholm Open und gründete eine Firma, die Bälle, Saiten und anderes Tenniszubehör herstellt. Inzwischen wird an den Turnieren in Stockholm und Memphis mit seinen Bällen gespielt. Als Gesicht seiner Firma ist er geübt darin, ein guter Verkäufer zu sein – von seinen Produkten wie von sich selbst.

Wie ist das zu schaffen?

Da er nebst Novak Djokovic (2015) der Einzige ist, der Nadal in Paris schlagen konnte, bekommt er eine Frage immer wieder gestellt: Wie das zu schaffen sei. Der Spanier sei eine Nuance ­weniger schnell als früher, daher gebe es nur eines: sehr aggressiv, risikoreich ­spielen.

Er sei verblüfft, wie hungrig Nadal und Federer nach all ihren Titeln immer noch seien, sagt er. Und fügt an, was man in Paris nicht gerne hört: «Dass ­Roger die Sandplatzsaison zweimal ausgelassen hat, ist eine smarte Entscheidung. Das hilft ihm, seine Karriere zu verlängern.»

Nicht nur als Tenniscracks, auch punkto Leidenschaft für diesen Sport seien die beiden Phänomene, sagt er. Und er fügt etwas Interessantes an: «Ich glaube, ihre Rivalität ist ein Grund für ihre Langlebigkeit. Roger spielt auch deshalb noch, weil er befürchtet, Rafa würde einige seiner Rekorde brechen, wenn er zurücktritt und Rafa noch ein paar Jahre weiterspielt.»

Er schmunzelt und verabschiedet sich. Er muss weiter. Vielleicht, um ­Turnierdirektor Guy Forget seine Bälle schmackhaft zu machen.

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