Nadals missglückter Hochseilakt – Out gegen Luxemburger

Riesige Überraschung in Wimbledon: Nachdem er seit Beginn des French Open keinen Satz abgegeben hat, verliert Rafael Nadal gegen Gilles Muller gleich drei Sätze und scheidet aus.

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Es ist 20.24 Uhr. Roger Federer hat die Medienarbeit längst er­ledigt und sitzt vor dem Fern­seher, vielleicht sogar schon im gemieteten Haus unweit der Anlage. Der Baselbieter hört die «Rafa, Rafa»-Rufe, die in Wimbledon über den Court 1 hallen. Rafael Nadal (ATP 2), Federers grösster Rivale, hat gegen Gilles Muller (ATP 26) soeben zum 13:13 im fünften Satz ausgeglichen.

9 Minuten später steht der Aussenseiter als 6:3, 6:4, 3:6, 4:6, 15:13-Gewinner fest. Federer kann das TV-Gerät ausschalten. Ohne ihm etwas unterstellen zu wollen: Er dürfte dies mit einem wohligen Gefühl getan haben. Es ist nicht so, dass der Baselbieter etwas gegen den Mallorquiner hat, er versteht sich sogar aus­gezeichnet mit ihm, aber Muller scheint auf dem Weg zum Titel doch eine deutlich geringere Gefahr darzustellen als Nadal.

Anderthalb Stunden danach

Die Viertrundenpartie gegen den Luxemburger wurde für den zehnmaligen French-Open-Gewinner zum Hochseilakt ohne Sicherheitsnetz, obwohl er selber lange nicht allzu viel falsch machte. Den ersten Satz verlor er, ohne dass in der Statistik für ihn ein unerzwungener Fehler ausge­wiesen worden war. Als Muller mit spektakulärem Angriffs­tennis die ersten beiden Durchgänge für sich entschieden hatte, stieg der Druck massiv an.

Exakt um 19 Uhr kam Muller zu seinen ersten zwei Matchbällen, die der Spanier mit einem Ass und einem weiteren starken Aufschlag abwehrte. 55 Minuten später kam der 34-Jährige aus dem Grossherzogtum bei 10:9 zu zwei weiteren Chancen, doch der Favorit machte auch diese zunichte. Beeindruckend war, wie Muller, der kürzlich in s’Hertogenbosch seinen allerersten ATP-Titel gewonnen hatte, diese Enttäuschung wegsteckte und weitermachte, ohne sichtbar mit dem Schicksal zu hadern.

Er blieb cool, wehrte selber diverse Breakchancen ab. Und schliesslich, im fünften Anlauf, nach vier Stunden und 47 Minuten, gut anderthalb Stunden nach dem ersten Matchball, war es so weit. ­Nadal verschlug eine Vorhand, die Überraschung war besiegelt.

Zwölf Jahre danach

Es war eine grosse Überraschung, aber keine Sensation, denn Muller ist genau jener Spielertyp, der Nadal am meisten Probleme bereitet. Er lässt nicht nur keinen Rhythmus zu, er ist zudem noch Linkshänder und negiert so einen grossen Vorteil des Superstars. Zudem hatte Muller den Spanier vor zwölf Jahren in Wimbledon schon einmal geschlagen.

Nachdem er trotz der Niederlage noch Autogramme geschrieben hat, sagt der abgestürzte Hochseiltänzer denn auch: «Ich kämpfte bis zum letzten Punkt mit der richtigen Einstellung. Ich spielte nicht meinen besten Match, aber ich hatte es auch mit einem sehr unangenehmen Gegner zu tun.» Im fünften Satz habe sein Widersacher aggressiver und auch besser gespielt als er selber.

«Er hat zwar auch ein paar Fehler gemacht, aber nicht genug», lässt Nadal mit einem Hauch von Sarkasmus verlauten. Als Muller vom Platz kommt, wird er gefragt, wie er sich fühle. Der Luxem­burger atmet tief durch und sagt: «Müde.» Bescheiden erklärt er dann, die Partie hätte auf beide Seiten kippen können.

Mit Nadal muss einer der Topfavoriten die Koffer frühzeitig ­packen. Der epische Schlag­abtausch hat freilich noch ein zweites Opfer gefordert: Novak Djokovic hat seinen Achtelfinal gegen Adrian Mannarino nicht bestreiten können. Anders als Federer und Andy Murray geniesst er am Dienstag keinen Ruhetag.

Berner Zeitung

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