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Patty Schnyders zweite Karriere

Im Sommer 2015 kehrte die Baslerin (38) nach vierjähriger Absenz auf die Tour zurück. Vor ihrem Achtelfinalspiel in Gstaad spricht die frühere Weltnummer 7 über ihre Mutterrolle und ihr ­Alter.

Glücksgefühle: Patty Schnyder jubelt nach ihrem Auftaktsieg in Gstaad. Als einzige Schweizerin steht die 38-Jährige in den Achtelfinals.
Glücksgefühle: Patty Schnyder jubelt nach ihrem Auftaktsieg in Gstaad. Als einzige Schweizerin steht die 38-Jährige in den Achtelfinals.
Keystone
Ein Herz und eine Seele: Patty Schnyder feiert nach dem Match mit Töchterchen Kim.
Ein Herz und eine Seele: Patty Schnyder feiert nach dem Match mit Töchterchen Kim.
Michael Kurz/zvg
Patty Schnyder als noch nicht einmal 17-Jährige beim European Indoors in Zürich im Oktober 1995.
Patty Schnyder als noch nicht einmal 17-Jährige beim European Indoors in Zürich im Oktober 1995.
Keystone
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Der Erstrundensieg in Gstaad war Ihr erster Erfolg auf der WTA-Tour seit sechs Jahren. Können Sie sich an den letzten Sieg erinnern?Patty Schnyder:Ich kenne fast keine Statistik auswendig. Aber mir wurde gesagt, dass ich 2011 in Miami gegen Madison Keys letztmals gewonnen hatte. Wichtiger ist das Hier und Jetzt, dass ich dieses Erstrundenspiel überstanden habe. Die Leidenschaft fürs Tennis habe ich immer noch.

Ist das der Grund dafür, dass Sie sich vor zwei Jahren zum Comeback entschlossen haben? Ehrgeiz ist eine Charaktereigenschaft, die hat man, oder man hat sie nicht. Die Herausforderung, mich mit anderen zu messen, liebe ich immer noch. Das habe ich je länger, je mehr gespürt. Aber es geht in erster Linie um den Spass, und das wird auch so bleiben. Wobei das Comeback auch mit dem Rücktritt zu tun hatte.

Wie meinen Sie das? Ich hatte genug von allem, war ­gestresst vom Touralltag, wollte nicht mehr reisen. Der Rücktritt war überfällig. Danach rührte ich anderthalb Jahre lang keinen Schläger an. Bei einer Mountainbiketour stürzte ich, riss mir drei Bänder in der Schulter. Es hiess, ich könne vielleicht gar nicht mehr Tennis spielen. Ich versuchte es dann trotzdem wieder einmal – und es ging ganz gut.

Wie ging es weiter? Ein halbes Jahr später spielte ich in der deutschen Bundesliga, kriegte immer mehr Spass. Aber dann sagte ich: Stopp, ich will zuerst ein Kind. Nach der Schwangerschaft und der Geburt von Kim spürte ich, dass ich fit werden wollte. Es war nicht mehr lustig, ich war träge, da hatte ich riesigen Drang, mich wieder richtig zu bewegen. Die Frage stellte sich, ob ich nur Preisgeldturniere spielen oder es nochmals auf der Tour versuchen sollte.

Spielen Sie so gut wie vor Ihrem Rücktritt im Mai 2011? Das glaube ich nicht. Ich hoffe jedenfalls nicht, dass ich damals so schlecht war (lacht). Natürlich war ich nicht mehr wirklich gut. Mein Frust war riesig; machte ich Fehler, reagierte ich völlig intolerant. Das Frauentennis hat sich entwickelt in den letzten Jahren. Es braucht heute mehr Kraft und Ausdauer, weil viel härter geschlagen wird. Es gibt auch mehr gute Aufschlägerinnen als früher.

Sie gewannen zuletzt ein kleines Turnier in Deutschland, sind die Nummer 257 der Welt. Welche Ziele verfolgen Sie? Ich führe kein Profileben. Zu Hause gilt: Den Morgen, wenn meine Tochter bei der Tagesmutter ist, reserviere ich fürs Tennis. Doch das reicht nicht. Aber ich bin nicht bereit, die Nachmittage zu opfern. Ich will mein Kind um mich haben, mit ihm Spass haben, ihm die Welt zeigen – ich möchte einfach Mama sein. Es gibt Tage, an denen ich viel besser spiele, als es mein Ranking vermuten lässt. Aber als Mutter in meinem Alter ist es schwierig, weit nach vorne zu kommen. Da mache ich mir gar keine Illusionen.

Sie sind 38 – wie weit reichen Ihre Pläne? Da habe ich mich überhaupt nicht festgelegt. Ich kann und will mich nicht einschränken.

Nach dem Startsieg gegen Amra Sadikovic rannte Ihre zweieinhalbjährige Tochter Kim auf den Platz. Was bedeutete Ihnen ­dieser Moment? Strahlt dich dein Kind an, ist das ein superschönes Gefühl. Egal, ob am Morgen nach dem Aufwachen oder auf dem Platz. Die Emo­tionen am Dienstag waren intensiv, es war ein spezieller Moment.

Reist Ihre Tochter stets mit? Fast immer. Sie ist pflegeleicht. Schlage ich mich vor einem Match ein, schaut sie auf der Bank ruhig zu. Sie versteht auch, was Siegen bedeutet. Spiele ich auf Sand sagt sie: «Mama muss rutschen und Punkte machen.»

Fällt Ihnen das Verarbeiten einer Partie einfacher, weil sie sogleich als Mutter gefordert sind? Es gibt zwei Seiten. An Turnieren ist es auch mal wichtig, sich im Tunnel aufzuhalten, nur ans Tennis zu denken. Für die Konzentration wäre es vielleicht besser, wenn niemand stören würde. Verstehen Sie mich nicht falsch, Kim stört natürlich nie. Aber mein Fokus ist nun mal nicht immer beim Tennis. Allerdings mag ich es, Kim im Hotel eine Gutenachtgeschichte zu erzählen, ihr die Zähne zu putzen, das Fläschchen zu geben. Das sind schöne Rituale.

Die Faustregel lautet: Wer ausserhalb der Top 100 klassiert ist, gibt mehr aus, als er einnimmt. Sie spielten zuletzt in China, Japan, der Ukraine. Wie finanzieren Sie Ihre zweite Karriere? Ich verdiene sonst noch ein wenig Geld. Es geht eigentlich, man kriegt das schon hin. Und ich habe ja keinen festen Coach.

Was arbeiten Sie nebenbei? Ich gebe Tennisunterricht, wobei ich zuletzt das Pensum reduziert habe. Als Bundesligaspie­lerin kriege ich Lohn, hin und wieder arbeite ich fürs Schweizer Fernsehen.

Als Co-Kommentatorin ­sprechen Sie über Konkurrentinnen. Fühlt sich das merkwürdig an? Es ist ziemlich witzig. Ich bin der Typ, der gerne analysiert. Ich beobachte nicht nur mein Spiel, sondern auch genau, was die anderen machen. Man erkennt viele Dinge, die man dann auf taktische Art und Weise ins eigene Spiel eingliedern kann.

Im Gstaader Turnier sind Sie die einzige verbliebene Schweizerin. Das ist verrückt!

Sie geben nicht viele Interviews. Nun dreht sich im Oberland ­vieles um Sie... ... es gehört dazu, es ist nicht schlimm, mit Ihnen hier zu sitzen und zu reden. Aber ich brauche das nicht jeden Tag, das ist so.

Nerven Sie Fragen zum Alter? Damit habe ich kein Problem. Mir fällt auf, dass ich mehr Erholung brauche, nicht mehr so viel trainieren kann wie früher. Sonst leidet die Koordination. Bei der Schnelligkeit aber habe ich kaum eingebüsst, auch früher hatte ich mich in der Platzmitte nicht immer gut bewegt. Klar, nach einem so intensiven Spiel wie hier wacht man mit einem steifen ­Rücken auf, spürt etwas Muskelkater im Po. Aber das haben andere auch.

Stören Sie sich an Fragen zu Ihrer bewegten Vergangenheit? Ja (überlegt). Ich beantworte sie nicht richtig. Fragen kann jeder, aber es bringt nichts. Eine Zeit lang nervte es auf jeden Fall, aber je länger, je mehr wissen die Leute, dass sie keine Antwort kriegen.

Auf der Internetseite der WTA steht, dass Sie ein Buch über Ihr Leben schreiben... ... na gut, das sollte ich ändern lassen. Es gab Pläne. Aber das Buch wird nie erscheinen.

Im Achtelfinal vom Donnerstag treffen sie auf Golubic-Bezwingerin Antonia Lottner. Die Spielweise der Deutschen behagt ­Ihnen, einverstanden? Ich habe sie schon geschlagen, gleich danach startete sie durch. Sie hat manchmal eine grosse Streuung in ihrem Spiel, wirkt unkoordiniert. Sie könnte Mühe haben mit meinem Topspin. Aber wenn es ihr läuft, ist sie sehr gefährlich. Und gegen sie ist es nur schon schwierig, den Aufschlag zurückzubringen.

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