«Roger folgt dir nicht blind»

Paul Annacone, ehemaliger Coach von Pete Sampras und Roger Federer, verrät im Interview, wie grosse Champions ticken. Der Ame­rikaner sagt zum Beispiel: «Topspieler haben einen ­unermüdlichen Optimismus verinnerlicht.»

Coach der Superstars: Paul Annacone bezeichnet Roger Federer als «denkenden Champion», der offen sei für neue Ideen.

Coach der Superstars: Paul Annacone bezeichnet Roger Federer als «denkenden Champion», der offen sei für neue Ideen.

(Bild: Keystone)

Sie haben mit Roger Federer und Pete Sampras zwei der besten Spieler in der Tennisgeschichte gecoacht. Was sind, wenn wir die Schläge weglassen, die Qualitäten, die grosse Champions ausmachen?Paul Annacone: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es drei Zutaten für einen Champion gibt: erstens das Talent in Bezug auf die Physis und die Technik, zweitens das Talent im mentalen Bereich, das es dir ermöglicht, zu analysieren, was passiert, und dich entsprechend anzupassen. Und drittens das Herz, das es dir erlaubt, trotz Widerständen weiterzukämpfen und kühlen Kopf zu bewahren.

Sind alle drei Zutaten gleich wichtig?Auf Profiniveau steuert das (zeigt auf das Hirn) den Rest. Die Besten sind in der Lage, in wichtigen Momenten und unter grösstem Druck alle drei Fähigkeiten auszuspielen. Sie schlagen sich nicht selber, sie gewinnen oder verlieren, indem sie das tun, was sie am besten können.

Wie schaffen Sie das?Sie vertrauen unter Druck auf ihre Fähigkeiten. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, reagieren sie nicht panisch, sie konzentrieren sich schlicht auf den nächsten Punkt.

Lassen sich die Erfolgsfaktoren erarbeiten?Zum Teil. Das Herz ergibt sich durch Gewohnheiten, die Spieler schon mit 10, 11 Jahren zu entwickeln beginnen. Mit 20 hast du dann diese guten oder schlechten Gewohnheiten. Wenn es da stimmt (zeigt aufs Herz), kann man hier und hier (zeigt zuerst auf den Kopf und dann auf die Hand) vieles erarbeiten. Einzig das physische Talent lässt sich nicht erlernen. Man kann niemandem sagen, er solle wie Roger spielen.

Was unterscheidet letztlichdie allerbesten von den vielen guten Tennisprofis?Sie verstehen, was sie auszeichnet und welcher Stil für sie der richtige ist. Sie nutzen die drei genannten Zutaten, um ihr Können zu maximieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?Nehmen wir Stan Wawrinka. In meinem Buch schreibe ich von zwei Typen, dem Handwerker und dem Zauberer. Handwerker sind zum Beispiel Jim Courier und Ivan Lendl, Zauberer etwa John McEnroe und Roger. All diese Spieler waren die Nummer 1, also gibt es nicht gut oder schlecht. Aber wenn du erfolgreich sein willst, musst du genau wissen, wo du dich auf dieser Skala befindest. Stan ist etwas links der Mitte. Das ist kein Problem, solange er das Training entsprechend strukturiert und die richtige Einstellung hat. Roger ist der Typ Zauberer, der all die Feinheiten spürt und beherrscht, die man nicht lehren kann. Wer ein guter Coach sein will, muss genau wissen, mit was für einem Spieler und für einer Person er es zu tun hat.

Verraten Sie bitte eine speziell gute Gewohnheit von Federer.Ich nenne sogar zwei Dinge. Eine grosse Stärke ist sein Kurzzeitgedächtnis. Wenn etwas Gutes oder Schlechtes passiert ist, hakt er dies rasch ab und schaut vorwärts. Er negiert das Geschehene nicht, sondern geht pragmatisch damit um und lässt keine Negativität aufkommen. Sie können nun sagen, das sei einfach, weil er so viel gewonnen habe. Aber er hat zum Beispiel zweimal im Halbfinal des US Open nach Matchbällen gegen Novak Djokovic verloren. Champions bleiben im Moment und lassen sich durch negative Erfahrungen nicht das Selbstvertrauen rauben.

Sie haben zwei Dinge ­versprochen.Ich glaube, es hat in der ganzen Sportgeschichte niemanden gegeben, der die Rolle als Profiathlet, als Vorbild, ja als Ikone über eine so lange Zeit akzeptiert, ja sie sogar geniesst wie Roger. Roger führt ein tolles, aber auch ein ermüdendes Leben, doch bisher hat es ihm nicht seine Energie geraubt. Pete war es gegen Ende seiner Karriere manchmal leid, Pete Sampras zu sein. Er hatte keine Lust mehr auf Autogramme, Hotelbetten und die ganze Verantwortung. Roger verschwendet keine Energie für Dinge, über die er keine Kontrolle hat. In dieser Hinsicht ist er der Beste, den ich je gesehen habe.

Paul Annacone betreute Roger Federer bis Oktober 2013. Bild: Keystone

Worin unterscheiden sichdie Superstars Federer und Sampras?Pete war mehr resultatgetrieben. Er setzte sich klare Ziele und war in der Lage, sich vom selbst auferlegten Druck nicht hemmen zu lassen, sondern unter dieser Belastung zu glänzen. Das gelingt nur ganz wenigen Menschen. Roger hingegen geht es mehr um den Prozess; er hat Spass am Training, er lacht viel, steckt voller Energie und Tatendrang. Die beiden haben also ganz unterschiedliche Denkweisen.

Wie ist es, mit Federerzu ­arbeiten?Als ich zum ersten Mal in Zürich beim Training dabei war, schlug er sich fünf Minuten ein und fragte mich dann: «Und jetzt, was soll ich machen?» Ich antwortete: «Ist es so einfach? Ich muss dir nur sagen, was du zu tun hast.» «Ja», meinte er, «aber du musst mir erklären, warum.» Roger ist sehr lernbegierig, er ist offen für neue Ideen. Aber als Coach musst du in der Lage sein, ihm die Gründe zu nennen. Roger folgt dir nicht blind. Er ist ein denkender Champion; es gibt viele Champions, die sehr stur sind, die man von nichts überzeugen kann.

Bei Federer teilten Sie die Coachingrolle mit Severin Lüthi. Wie empfanden Sie die ­Zusammenarbeit?Sie war grossartig, ich mag ihn. Severin bekommt viel zu wenig Kredit für seine Arbeit. Er verfügt über einen hervorragenden Tennisverstand, und er ist das beste Beispiel dafür, wie wichtig es ist, seinen Spieler gut zu kennen. Weil er Roger dermassen gut kennt, weiss er genau, wie er die Botschaft rüberbringen muss. Er war für mich sehr wertvoll, dank ihm fühlte ich mich im Team ­sofort wohl.

Ist es insgesamt ein einfacher Job, die Besten zu coachen?Einerseits ist es einfach, weil derartige Spieler ungemein talentiert und motiviert sind. Du kannst also aus dem Vollen schöpfen. Anderseits ist der Job sehr herausfordernd, wenn Widrigkeiten auftreten. Die Erwartungen sind extrem hoch; derartige Spieler sorgen nur für Schlagzeilen, wenn sie verlieren. Wichtig ist, den Glauben zu vermitteln, dass am Ende Erfolg quasi unvermeidlich ist. Topspieler haben einen unermüdlichen Optimismus verinnerlicht; die meisten normalen Menschen glauben hingegen, dass das Schlechte unvermeidlich ist. Diese Thematik behandle ich in meinem Buch.

Haben Stars keine Zweifel?Doch. Zu zweifeln liegt in der menschlichen Natur, aber bei den ganz Grossen überwiegt die Überzeugung, eine Lösung zu finden. Sie denken: Ich schaffe das, schliesslich bin ich Michael Jordan oder Cristiano Ronaldo oder Roger Federer.

Weshalb halten Sie Tennisfür eine geeignete Metapherfür das Leben?Das merkte ich gleich zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit Pete. Obwohl es ihm schlecht lief, schien er sich keine Sorgen zu machen. Ich fragte ihn, warum. Er sagte: «Ich weiss, dass ich jeden schlage, wenn ich gut spiele. Und bewahre ich die Ruhe, schlage ich 90 Prozent aller Gegner, selbst wenn ich durchschnittlich spiele. Und wenn mir das gelingt, stehe ich im Halbfinal oder im Final. Und wenn ich mal so weit bin, werde ich auch gut spielen.» Dieser Gedankengang überzeugte mich, und ich begann mir Notizen zu machen. Das war vor etwa 20 Jahren. Es ist faszinierend, zu erleben, wie die Psyche von Champions funktioniert.

Was hat das mit dem Otto ­Normalverbraucher zu tun?Ob du Tennisprofi, Lehrer, Müllmann oder was auch immer bist: Jeder hat schlechte und vor allem sehr viele durchschnittliche Tage. Die Hauptbotschaft in meinem Buch ist: Man kann von den Champions lernen, wie man das Optimum aus den durchschnittlichen Tagen herausholt. Darum geht es doch in unserem Leben.

Viele sagen, Federer spiele ­besser denn je. Wie sehen Sie das als ­Insider?In den ersten Jahren, in denen Roger dominierte, war er schlicht viel besser als seine Gegner. Und weil er so viel besser war, konnte er taktisch spielen, wie er wollte. Dann zogen Rafael Nadal, Djokovic und Andy Murray nach – Roger musste sich plötzlich anpassen, neue Weg zum Erfolg ­finden. So wie er in diesem Jahr bisher dominiert hat, muss er besser spielen als früher – ganz einfach, weil die Konkurrenz stärker geworden ist, sich der Tennissport über die Jahre entwickelt hat.

Müssen sich Federers-Fans ­wegen der Rückenprobleme im Hinblick auf das US Open Sorgen machen?Ich würde nicht das Wort «besorgniserregend» benützen, aber vielleicht etwas beunruhigt muss man schon sein. Roger selber ist sich der Gefahr bewusst, deshalb tritt er hier in Cincinnati nicht an.

Letzte Frage: Wer gewinntdas US Open?Wenn Roger gesund ist, was ich schwer hoffe, ist er mein Topfavorit. Wenn nicht, hängt es davon ab, wie Nadal hier abschneidet. Gewinnt er in Cincinnati den Titel, ist er in New York zu favorisieren. Ansonsten gibt es fünf, sechs Titelanwärter, darunter Alexander Zverev. Aber auch Murray würde ich nicht ganz abschreiben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt