Scharapowas härteste Prüfung

Die frühere Nummer 1 durfte sich in New York nochmals im Scheinwerferlicht zeigen und wird nun jenseits der Top 130 landen.

Die fünffache Grand-Slam-Siegerin in der Rolle der Aussenseiterin: Trotzdem brennt Maria Scharapowas Feuer noch, wie die 32-Jährige selbst sagt. Foto: Imago

Die fünffache Grand-Slam-Siegerin in der Rolle der Aussenseiterin: Trotzdem brennt Maria Scharapowas Feuer noch, wie die 32-Jährige selbst sagt. Foto: Imago

Simon Graf@SimonGraf1

In ihrer Autobiografie «Unstop-pable» steigt Maria Scharapowa mit einem Zitat von Nelson Mandela ein: «Beurteile mich nicht nach meinen Erfolgen, sondern danach, wie oft ich hingefallen und wieder aufgestanden bin.» Sie dürfte sich dieser Tage und Wochen immer mal wieder an diese Zeilen erinnern.

Am Montag fiel sie wieder hin. Ihr New Yorker Startspiel gegen Serena Williams war als grosses Spektakel angekündigt worden. Nach 58 Minuten war es vorbei. 6:1, 6:1 für Williams. Die Russin packte zügig ihre Sachen und eilte vom Court. «Let’s hear it for the 2006 champion Maria Scharapowa!», konnte der Speaker gerade noch schreien. Es ertönte Applaus, und sie hob beim Herauslaufen den Arm zum Gruss, ohne zurückzublicken. Es ist nicht so, dass es ausgesehen hätte, als würde Scharapowa nicht mehr auf diese Bühne gehören. Es gelangen ihr einige sehenswerte Punkte. Doch sie lebte auf dem Court stets davon, dass sie kompromisslos auf jeden Ball einprügelt, mit eindrücklicher Intensität. Inzwischen ist sie nicht mehr ganz so schnell, nicht mehr so kraftvoll, und das bedeutet, dass sie ihr Spiel der Gegnerin nicht mehr wie gewünscht aufzwingen kann. Schon gar nicht Williams.

Wieso tut sie sich das an?

Mit einem Finalsieg über die Amerikanerin war in Wimbledon 2004 der Stern Scharapowas aufgegangen. Damals war sie zarte 17. Williams habe ihr das nie verziehen, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Inzwischen hat diese sie 19-mal in Serie geschlagen. Obschon Williams bereits 37 und vier Jahre älter ist, spielt sie immer noch um Grand-Slam-Titel. Bei Scharapowa fragt man sich: Wieso tut sie sich das noch an?

Diese Frage wurde ihr nach der New Yorker Lehrstunde durch Williams auch gestellt. Sie hatte sie erwartet. «Es ist einfach, nach einem solchen Match entmutigt zu sein», sagte sie. «Aber ich wäre nur dann entmutigt, wenn ich morgen aufwachen und keine Lust haben würde, zu trainieren, mich weiter zu verbessern.» Ihr Feuer brenne immer noch, betonte sie. «Ihr könnt mich abschreiben. Aber solange ich es nicht tue, ist das okay.»

Man muss wohl ihre Geschichte kennen, um ihr Denken zu verstehen: Ihr Vater Juri, damals selber erst 28, zog mit der 6-jährigen Maria und 700 Dollar im Gepäck nach Florida. Niemand hatte auf sie gewartet, und als sich ihre Begabung zeigte, versuchten viele, das arglose Duo zu übervorteilen. In ihrer Autobiografie schreibt sie, sie habe gedacht, sie laufe über Steine, um den Fluss zu überqueren, dabei seien es die Rücken von Krokodilen gewesen.

Und nun ist sie zurück in der Rolle der Aussenseiterin. Seit dem Australian Open hat sie gerade mal sechs Turniere bestritten und drei Matchs gewonnen. Durch ihre Startniederlage in New York verliert sie über 40 Ränge, sie dürfte jenseits der Top 130 landen. Und ihre rechte Schulter, bei der im Sommer ein Eingriff nötig wurde, bereitet ihr weiter Probleme. Nach einem langen Match in Toronto schmerzte diese sie eine Woche lang.

Wundermittel Meldonium

Seit sie im April 2017 nach ihrer 15-monatigen Dopingsperre wegen Meldoniums auf die Tour zurückkehrte, hat sie nur ein kleineres Turnier im chinesischen ­Tianjin gewonnen. Da darf man sich auch fragen, wie sehr das Herzmittel, das Durchblutung und Ausdauer fördert, ihre Karriere positiv beeinflusste. Dieses nahm sie seit 2006 ein. Am Australian Open reagierte sie auf die Frage nach der Wirkung von ­Meldonium wenig amüsiert.

«Sport ist sehr resultatorientiert», sagte sie am Montag. «Aber es gibt Geschichten hinter den Resultaten. Es gibt Phasen, die du überwinden musst, um dorthin zu kommen, wo du hinwillst. Das ist ein ganz anderes Kapitel in meiner Karriere.»

Am US Open stand Scharapowa nun nochmals im Scheinwerferlicht. Bald wird sie sich durch Qualifikationen und kleinere Turniere spielen müssen, um sich nochmals auf diese Bühne zurückzuarbeiten. Falls es ihr Körper erlaubt. Es ist der vielleicht härteste Test ihrer Karriere.

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