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Tennis nach Charles Darwin

Auch Andy Murray sagt den Start am US Open ab – die Gründe für die massive Verletzungswelle.

Extremsport Tennis: 2016 schleppte sich Wawrinka gegen Djokovic zum Sieg, 2017 sind sie verletzt.
Extremsport Tennis: 2016 schleppte sich Wawrinka gegen Djokovic zum Sieg, 2017 sind sie verletzt.
Keystone

Es war ironisch, als sich Rafael Nadal kürzlich in Cincinnati über die Verletzungswelle seiner Konkurrenten äussern sollte. «Wir sind halt nicht mehr 20», sagte er achselzuckend. «Aber ich war öfter in dieser Position als alle anderen. Roger hatte nicht viele Verletzungen. Novak und Andy auch nicht. Stan meines Wissens auch nicht.» Doch am US Open, das er 2012 und 2014 ­verpasste, ist der Spanier einer der wenigen Spitzenspieler, die keine körperlichen Sorgen plagen. Zumindest ist nichts aktenkundig.

Von den Top 11 fehlen in New York gleich fünf: Andy Murray ­(linke Hüfte), Stan Wawrinka ­(linkes Knie), Novak Djokovic (rechter Ellbogen), Kei Nishikori (rechtes Handgelenk) und Milos Raonic (linkes Handgelenk). ­Murray reiste zwar nach New York und wurde der unteren Tableauhälfte zugelost. Gestern Samstag zog er sich aber zurück. Und ­Roger ­Federer (Rücken) und Marin Cilic (Adduktoren) kehren nach Verletzungen zurück.

Frei nach Charles Darwin wird zuletzt der Fitteste stehen bleiben. Verletzungen waren am letzten Major der Saison stets ein Thema. 2016 spazierte Djokovic dank eines Forfaits und zwei Aufgaben in den Final, wo er gegen Wawrinka mehrmals den Physio brauchte. Doch so dramatisch war es noch nie.

Das Handgelenk und der Ellbogen liegen im Trend

Auffällig ist die Häufung der Blessuren an den oberen Extremitäten. Solche betreffen ja auch die beiden Schweizer Topspielerinnen Belinda Bencic (linkes Handgelenk) und Timea Bacsinszky (Hand). Djokovic enthüllte nun vor seiner ­Pause, der Schlagarm habe ihn 18 Monate geschmerzt.

Für Stefan Sannwald, stellvertretender Chefarzt Sportmedizin bei der Schulthess-Klinik, ist diese Art von Verletzungen gut erklärbar: «Die Beschleunigung des ­Balles kommt aus der Kette Rumpf, Schulter, Arm, Handgelenk, Hand und Schläger. Da wirken enorme Kräfte. Ein Schlag, bei dem man mit dem Körper nicht richtig zum Ball steht, kann genügen, um eine Druckspitze auf den Schlagarm und eine Verletzung auszulösen.» Und pflegten frühere Grössen wie Rod Laver oder John McEnroe den Ball noch übers Netz zu streicheln, springt ihn Nadal geradezu an oder gibt ihm Juan Martin Del Potro stets einen letzten Zwick mit.

«Eine längere Pause mit einem konsequenten Aufbau- und Stabilisationstraining kann Wunder wirken.»

Stefan Sannwald, ehemaliger Fed-Cup-Arzt

Einen Einfluss hat auch die Entwicklung bei Rackets und Saiten, welche die Beschleunigung und extremen Drall begünstigt. Kommt dazu, dass fast jede Woche mit anderen Bällen unter anderen Bedingungen gespielt wird. Immer wieder muss sich der Körper auf andere ­Belastungen einstellen – irgendwann kommt er nicht mehr mit. Zusehends verbreiten sich im Tennis auch Hüftprobleme. «Trendsetter» ist Murray, der läuft wie einer, bei dem die Operation zum ­Gelenkersatz kurz bevorsteht.

Das ist kein Zufall, prägte er doch mit Nadal und Djokovic die Ära, in der sich die Topspieler nicht mehr primär auszuspielen, sondern von der Grundlinie zu zermürben versuchen. Wenn er sich mit Djokovic duellierte, gemahnte das mehr an Leichtathletik als an ein Ballspiel. Wer fünf Stunden hin- und hersprintet und mit höchster Intensität auf den Ball einschlägt, setzt die Hüfte einer extremen Belastung aus.

Der Altersfaktor: Erstmals sind die Top 5 alle über 30

Das geht lange gut, aber irgendwann bezahlt der Körper den Preis. Und aktuell sind ja die Top 5 erstmals alle über 30. «Die Gelenke kommen unter Druck, nützen sich mit den Jahren ab», sagt Sannwald, der Fed-Cup-Arzt war und Schweizer Spielerinnen medizinisch betreut. «Umso mehr muss der Athlet mit der muskulären Stabilisation auffangen.» Hätte sich Federer nicht schon lange konsequent dem ­Rumpftraining verschrieben, er würde wohl kaum mehr spielen, glaubt Sannwald.

Die Spieler sind so fit wie noch nie, investieren viel ins Training abseits der Courts und verlängern so ihre Karrieren. Doch weil sie an ihre Grenzen gehen müssen, um vorne mitzumischen, spielen sie mit ihrer Gesundheit. Djokovic nahm eineinhalb Jahre Schmerzmittel, bis er die Notbremse zog. Sannwald hofft, dass Federer mit der langen Pause nach Wimbledon 2016 aufgezeigt hat, dass es manchmal schlauer ist, dem Körper eine Auszeit zu gönnen.

Wawrinka, Djokovic und Nishikori taten es ihm gleich. «Eine längere Pause mit einem konsequenten Aufbau- und Stabilisationstraining kann Wunder wirken», sagt der Arzt. Zwei, drei Monate müsse man sich nehmen, um Verletzungen auszukurieren und einen sauberen Neuaufbau zu machen. «Aber natürlich ist das ein schwieriger Entscheid. Man rutscht in der Rangliste ab, hat das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Doch Federer zeigte: Eine Pause kann auch bedeuten, dass man ­danach ebenso stark oder sogar stärker zurückkommt.» Auch wenn es natürlich nicht jedem gelingt, danach gleich ­wieder zu siegen wie der Maestro.

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