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Tennis-Paradies in Renovation

Auch im Winter herrscht in Wimbledon geschäftiges Treiben. Das Projekt ums schliessbare Dach auf Court 1 erfordert Ingenieurskunst, die Rasenpflege Feinarbeit.

Das Prunkstück der Tenniswelt: Der Rasen des Centre Court wird bestrahlt und belüftet, damit er sich gut entwickelt.
Das Prunkstück der Tenniswelt: Der Rasen des Centre Court wird bestrahlt und belüftet, damit er sich gut entwickelt.
Simon Graf
Die Statue von Fred Perry, umgeben von welkem Efeu.
Die Statue von Fred Perry, umgeben von welkem Efeu.
Simon Graf
Der wachsame Chefgärtner Neil Stubley.
Der wachsame Chefgärtner Neil Stubley.
Simon Graf
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«Excuse me, Sir!», klingt es nicht unfreundlich, aber bestimmt. Ein Mann mit weissem Bauhelm auf dem Kopf schaut mich vorwurfsvoll an. Ich spiele den Ahnungslosen. Ich müsse zu Gate 4, dort sei der Eingang für Besucher, werde ich angewiesen. Ich nicke artig. Es wäre spannend gewesen, die Baustelle um Court 1 neben dem Henman Hill aus der Nähe zu besichtigen. Und reizvoll, einmal auf die Anlage zu spazieren, ohne einen Ausweis oder eine Akkreditierung zu zeigen. Das offene Tor lud dazu ein. Aber gut, man muss ja nicht immer insistieren.

Es ist ein trüber, regnerischer Vormittag. Spitzentennis gibt es dieser Tage auf der Halbinsel North Greenwich in der O2-Arena zu sehen, beim ATP-Finale. Mit der U-Bahn 19 Stationen und eine gute Stunde entfernt. Im All England Club wird gehämmert, nicht Tennis gespielt. Kürzlich wurden die beiden Träger mit einem riesigen Kran aufs Dach von Court 1 gehievt. Dort werden sie nun miteinander verbunden. Gegen 500 Arbeiter sind zurzeit am Werk. Nächsten Mai wird das schliessbare Dach eingeweiht.

Zum Glück schneit es selten in London. Eine Schneedecke ist ungünstig für den Rasen.

«Jeder Dachträger wiegt 100 Tonnen. Wir mussten den Kran gut beschweren. Es wäre ungünstig gewesen, wenn er umgekippt wäre», sagt Chefingenieur Robert Deatker beim Kaffee im Clubhaus. Er schmunzelt. Aber natürlich ist er Herr der Lage. Deatker leitete den Bau des Londoner Wolkenkratzers The Shard (die Scherbe), mit 310 Metern das höchste Gebäude der EU. Seit 2014 ist er im All England Club. «Ich hatte das Glück, an vielen grossen Projekten zu arbeiten», sagt er. «Aber das hier ist doch etwas anderes. Ich hatte noch nie in der Mitte einen Rasen, der täglich Maniküre braucht.»

Der Rasen. Ja, er ist auch ein grosses Thema, wenn die Championships ruhen. Im Centre Court werden die Gräser mit Lampen beleuchtet und von Gebläsen belüftet, um ein möglichst natürliches Umfeld zu simulieren – mit Sonne und Wind.

Die ungeliebten Füchse

Gerade hat der Regen aufgehört, und Chefgärtner Neil Stubley führt in die berühmteste Tennisarena. Die Sitze sind in Plastik eingepackt, der Rasen ist durch einen elektrischen Zaun geschützt. «Wegen der Füchse», erklärt Stubley. «Sie haben die dumme Angewohnheit, Löcher zu graben.» Wenn sie im Centre Court unter den Sitzen schlafen, ist ihm das egal. Aber sein Rasen ist ihm heilig.

Der Mann hat ein Team von 17 festangestellten Gärtnern und ist selber ein bisschen ein Star, er twittert das Jahr hindurch darüber, was im Tennis-Paradies passiert. Die vier grössten Courts werden jedesmal nach dem Turnier komplett neu angesät, die anderen Plätze alle zwei Jahre. Und natürlich werden sie täglich gepflegt, durchgekämmt und von Unkraut befreit.

Im Winter darf es der Rasen aber auch etwas gemütlicher nehmen. «Der Dünger ist so ausgelegt, dass die Halme dann nicht so schnell wachsen», sagt Stubley. «Mitte, Ende März wecken wir das Gras auf mit anderem Dünger und trimmen es von 13 auf 8 Millimeter.» Zum Glück schneit es selten in London. Denn eine Schneedecke ist ungünstig, weil es unter ihr warm wird und dies Schädlinge begünstigt. Verwendet werden für den Rasen drei verschiedene Sorten von Roggengras, so dass nicht alles dahingerafft wird, wenn eine Krankheit ausbricht.

Die Gegend um den All England Club ist mondän. Aber fünf, zehn Minuten entfernt stehen Sozialwohnungen.

Stubley hat den richtigen Job gewählt. Er könnte stundenlang dozieren über seinen Rasen. Auch darüber, wie in einem Institut 35 bis 40 verschiedene Arten von Roggengras getestet würden und sich nur die besten durchsetzen. Wie im Tennis eben. Dass die Unterlage lebe, sei doch das Wunderbare daran, schwärmt er. Er sieht es als seine Mission, zu ihrer Verbreitung beizutragen: «Wir geben anderen Rasenturnieren technische Ratschläge. Und wenn jemand irgendwo auf der Welt einen Rasencourt hat, kann er uns anrufen. Manchmal gehen wir auch vorbei.» Einmal war er am Genfersee, um jemanden bei seinem privaten Rasenplatz zu beraten.

Es beginnt wieder zu nieseln, und Stubley muss sowieso los. Er ist schon zu spät dran. Zeit für einen Abstecher aufs Dach des Broadcast Center, von wo aus man die Anlage wunderbar überblickt. Dort, wo während des Turniers die Gäste unter Lauben picknicken, steht nun ein grosser Kranwagen. Im Juli ist alles herausgeputzt, hängt an jeder Ecke ein Blumenkorb.

Stiftung investierte 1,7 Millionen Pfung in lokale Projekte

Was passiert eigentlich damit nach den Championships? Die Antwort darauf weiss Helen Parker von der Wimbledon-Stiftung: «Wir bringen sie in Altersheime oder zu älteren Leuten. Sie wissen gar nicht, wie sehr eine solch kleinen Geste einen einsamen Menschen freut», sagt sie. Die Foundation wurde 2013 gegründet, um die gemeinnützigen Aktivitäten in den Bezirken ­Merton und Wandsworth auszubauen. Die Gegend um den All England ist mondän. Die grossen Managementfirmen mieten sich während der Championships in imposanten Villen ein. «Aber fünf, zehn Minuten entfernt stehen Sozialwohnungen», sagt Parker. «Und am anderen Ende von Merton ist die Lebenserwartung zehn Jahre tiefer.»

1,7 Millionen Pfund hat die Stiftung bis jetzt in lokale Projekte investiert. «Dieser Club ist von Mauern umgeben, aber wir wollen Mauern einreissen», sagt Parker. Natürlich nur im übertragenen Sinn, sonst hätte Ingenieur Deatker keine Freude. Dieser fiebert der Abstimmung des Golfclubs von nebenan entgegen. Der Pachtvertrag mit diesem läuft bis 2041, doch nun möchte der All England Club das Gebiet schon jetzt zurück.

Hoffen auf die Expansion

Jedes Golfclub-Mitglied würde mit 85'000 Pfund entschädigt, fürs Tennisturnier wäre auf einen Schlag mehr als das Doppelte an Boden verfügbar. Unter anderem für Courts fürs Qualifikationsturnier, was Stubley noch mehr Arbeit bescheren würde.

Die «Daily Mail» spekulierte, dann würde auf dem neuen Areal auch ein Hotel gebaut. «Blödsinn!», sagt Deatker. «Tennis in einem englischen Garten ist unser Slogan. Diese Essenz ­wollen wir bewahren.»

Der Besuch im November zeigt: Um diese perfekte Illusion einer Zeitreise zu kreieren, wird einiges unternommen.

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